Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

»Zorn lässt Widerstand wachsen«

Tod, Zerstörung und Polizeiwillkür: Der Krieg Ankaras gegen die kurdische Bevölkerung im Osten der Türkei. Ein Gespräch mit Duygu Yildiz

Interview: Peter Schaber
Nicht Resignation, sondern Wut: die kurdische Jugend lässt sich
Nicht Resignation, sondern Wut: Die kurdische Jugend lässt sich durch die Massaker nicht mehr einschüchtern

Sie sind seit drei Monaten in Kurdistan. Welche Erfahrungen haben Sie dort als Journalistin gemacht?

Es war ein Schock. Im Westen der Türkei wissen wir zwar im Prinzip, dass hier Krieg herrscht, aber ihn mit eigenen Augen zu sehen, ist etwas anderes. Du hörst die Bomben, das Gewehrfeuer, jeden Tag, jede Nacht, wachst mit dem Geräusch von Explosionen auf.

Ich habe beschlossen, hierherzuziehen und zu bleiben, solange ich kann, obwohl die Umstände nicht leicht sind. Einmal zum Beispiel war ich in Nusaybin in einem Kulturzentrum, als plötzlich die Polizei auftauchte. Sie kamen mit gepanzerten Fahrzeugen und Wasserwerfern und umzingelten uns, insbesondere die Journalisten. Es waren Kollegen der kurdischen Nachrichtenagenturen JINHA und DIHA da. Die Polizisten hielten uns die Gewehre ins Gesicht, und für einen Moment dachte ich, ich sterbe jetzt. Sie können dich dort einfach umbringen und erklären dich anschließend zum Terroristen. Konsequenzen haben sie nicht zu befürchten. In Kurdistan hat die Polizei im Moment das Recht, alles zu tun, was sie will.

Ein anderes Beispiel: Vor einigen Tagen war ich zusammen mit einer Kollegin in Diyarbakir-Sur, in dem Teil, der nicht unter Ausgangssperre steht. Ich machte Fotos von Kindern und Frauen in den Straßen, freute mich, denn ich hatte dort lange keine Menschen draußen gesehen. Dann kam plötzlich ein Dutzend schwerbewaffneter Polizisten der Sondereinsatzeinheiten, sie sahen uns, stellten uns an eine Wand und durchsuchten uns. Sie nahmen die Kamera weg und beschuldigten uns, Mitglieder einer terroristischen Gruppe zu sein. Meine Kollegin war Kurdin, also behaupteten sie: Die ist sicher Mitglied der PKK. Als Türkin sei ich wahrscheinlich aus einer türkischen Terrorgruppe, der DHKP-C oder MLKP. Sie hielten uns zwei Stunden fest, löschten alle Bilder und überprüften unsere Identität. Dann mussten sie irgendwo hin, um jemanden zu verhaften, und sagten uns: »Ihr habt Glück. Wir haben einen anderen Job zu erledigen, sonst würdet ihr nicht so leicht davonkommen.« Am selben Tag sahen wir, wie sie Kinder auf der Straße zusammenschlugen – wir konnten nichts tun. Es war sehr deprimierend.

Sie haben eine Festnahme erlebt, bei der Sie gezwungen wurden, sich vollständig auszuziehen?

Das war in Nusaybin, eine Stunde nach meiner Ankunft. Ich war mit einem befreundeten ausländischen Fotojournalisten unterwegs. Wir wollten Interviews und Fotos machen, gingen ins Kulturzentrum, und auf dem Weg dorthin sahen uns die Sicherheitskräfte. Mein Freund ist sehr groß, und man kann leicht erkennen, dass er Ausländer ist. Als sie uns bemerkten, nahmen sie uns fest und erklärten, wir würden verdächtig aussehen. Ich fragte: »Wieso sehen wir verdächtig aus?« Der Beamte antwortete: »Dein Kollege ist so groß, ist er Scharfschütze? Ihr helft doch sicher den Terroristen hier.«

Sie nahmen uns mit auf die Wache und durchsuchten uns dort. Dann brachten sie uns in einen Raum, in dem ein Beamter nach dem andern ein- und ausging. Sie stellten immer wieder dieselben Fragen: »Für wen arbeitet ihr? Seid ihr Agenten? Wer bezahlt euch?«

Das dauerte sieben Stunden, bis ein Polizeioffizier kam und zu meinem Kollegen sagte, er werde dafür sorgen, dass er nie wieder in sein Land zurückkehren, sondern in Kurdistan sterben werde. Derselbe Polizist war schon bei Beginn der Befragung dabei und tat so, als ob er kein Englisch beherrschte. Zwei Stunden später sprach er diese Sätze in perfektem Englisch.

Am Ende brachten sie mich in einen Raum im Keller und erklärten, sie wollten mich durchsuchen – unbekleidet. Ich wandte ein, das sei nicht legal, sie brauchten dafür eine richterliche Anordnung. Die Antwort war: »Wir sind hier die Chefs, die Regierung und das Gericht. Wir können tun, was wir wollen. Du gehorchst uns, oder wir machen, dass du uns gehorchst.« Ich dachte, dass es eine sehr üble Durchsuchung wird, wenn ich mich wehre, also zog ich mich aus. Zwei Polizistinnen untersuchten mich und ließen mich eine halbe Stunde dort unbekleidet sitzen, erst dann holten sie mich ab und ich durfte mich wieder anziehen. Die Befragung ging anschließend weiter. Um elf Uhr vormittags waren wir verhaftet worden, um sieben Uhr abends brachten sie uns in ein Krankenhaus, um feststellen zu lassen, dass wir nicht gefoltert worden waren. Danach ließen sie uns frei.

Kürzlich haben Sie Cizre, die wohl am stärksten zerstörte Stadt, besucht. Wie sieht es dort gegenwärtig aus?

Cizre stand 80 Tage unter Ausgangssperre. Im Bezirk Cudi sind alle Gebäude völlig zerstört, man kann dort nicht mehr leben. Sie haben die Häuser beschossen und sie angezündet, um alles an Möbeln zu verbrennen.

In den Straßen riecht es nach Tod. Der Gestank verwesender Leichen mischt sich mit dem von Bränden. Ich war in den Häusern, in denen die Polizei Feuer entfachte. Sie kippten Benzin hinein und zündeten es an. Die Menschen irren in den Ruinen umher und suchen irgendwelche Überreste ihres Eigentums, Möbel, Gläser, Besteck. In einem der zerstörten Häuser traf ich eine Frau, die inmitten der Trümmer saß und Tee trank. Sie sagte: »Ich gehe nirgendwohin. Ich habe keine Angst. Ich werde hier warten, denn dieses zerstörte Haus ist mein Haus, und ich werde es niemandem geben.« Ich habe viele Leute so reden gehört.

Ich war auch in den Kellern, in denen Zivilisten massakriert wurden. In einem, in dem 33 Menschen, darunter Mehmet Tunc, ermordet wurden, sah ich verbrannte Körperteile. Es schien, als hätten sie die Körper der Menschen zerstückelt, bevor sie sie verbrannt haben, denn wir fanden keine größeren Leichenteile, keinen ganzen Kopf oder Rumpf, sondern nur kleine Teile, Finger, Kniescheiben und so weiter. Es waren auch Kinderknochen darunter.

Wie reagieren die Menschen? Sind sie verzweifelt, haben sie Angst, haben sie Hoffnung, wollen sie weiter Widerstand leisten?

In Cizre überwiegt der Zorn auf die Regierung, er lässt den Widerstand wachsen. Sie sind nicht verzweifelt, obwohl sie nichts mehr haben, sondern überzeugt, dass sie eines Tages gewinnen werden. Sie wollen nicht aufgeben.

Deprimiert sind vor allem jene, die Verwandte verloren haben. Und für die Kinder ist die Situation besonders schlimm. Sie sind psychisch extremen Belastungen ausgesetzt. Man sieht sie in den Straßen umherlaufen, wie sie versuchen, Bombenreste einzusammeln. Sie verkaufen die leeren Munitionshülsen an Metallhändler. Fünf Jahre alte Kinder tun das, um ein wenig Geld für ihre Familien aufzutreiben. Sie stoßen dabei auch auf Blindgänger, aber das ist ihnen egal, sie haben jedes Angstgefühl verloren – vor der Polizei, vor dem Tod. Das gehört für mich zu den traurigsten Eindrücken.

Erwarten die Menschen ein Eingreifen der PKK-Guerilla?

Ja, ganz klar. »Der Frühling wird kommen«, sagen die Leute. Sie meinen damit, dass die Guerilla, wenn das Wetter es zulässt, in die Städte kommen wird.

Denken Sie, es wird Friedensgespräche geben – oder steht eine Ausweitung des Krieges bevor?

Nach all den Massakern, dem Leid und dem Morden wollen die Menschen in Kurdistan keinen Frieden mehr mit diesem Staat. Sie wollen ihre Unabhängigkeit, sie wollen demokratische Autonomie. Und soweit ich das einschätzen kann, werden sie kämpfen, bis sie bekommen, was sie wollen. Die demokratische Autonomie ist im Moment ihr einziger Wunsch.

Wenn es keinen Kompromiss gibt und die Guerilla kommt, wird sich der Krieg verbreiten, viel mehr Zerstörungen geben und eine Ausweitung auf andere Städte und Bezirke. Er wird z. B. in Diyarbakir nicht mehr nur in Sur stattfinden, sondern auch in den Stadtteilen Yenisehir und Ofis. Es wird nicht mehr nur in Nusaybin Gefechte geben, sondern auch in Mardin. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass eine Menge Kurden im Westen der Türkei leben, in Istanbul, Izmir, Ankara. Auch dorthin wird der Konflikt sich ausdehnen.

Die einzige Möglichkeit, die Intensivierung der Kämpfe zu vermeiden, wäre, dass die Regierung versucht, eine Übereinkunft mit Abdullah Öcalan und der Führung der PKK zu erreichen. Im Moment aber sieht es nicht so aus, als würde das eintreten. (Staatspräsident Recep Tayyip, jW) Erdogan strebt die Errichtung einer Diktatur an, und sein letztes Hindernis ist der kurdische Widerstand. Deshalb geht er mit solcher Härte gegen ihn vor.

Was erwarten Sie von der EU?

Die Menschen in Kurdistan sind über sie verärgert. Sie denken, man lässt sie allein. Sie erhofften sich Druck auf die türkische Regierung, damit die Massaker aufhören. Ich sehe das genauso: Die EU-Regierungen haben im Zuge des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei die Kurden verkauft. Die EU schweigt sich über das, was hier geschieht, aus. Ich bin dankbar für die Journalisten, die hierherkommen und aufdecken, was hier geschieht. Aber offenkundig kann auch das im Moment den Druck auf Ankara nicht erhöhen, weil niemand hören will, was hier passiert.

Duygu Yildiz arbeitet als Journalistin für die türkischen Nachrichtenportale Siyasihaber und www.duvarinotesi1.org. Sie ist seit drei Monaten in den kurdischen Krisengebieten als Reporterin tätig.

Hintergrund: Schmutziger Krieg gegen Kurden

Auch am Mittwoch, 99 Tage nach Verhängung einer verharmlosend »Ausgangssperre« genannten Kriegserklärung gegen die kurdische Zivilbevölkerung und Widerstandskämpfer, beschossen türkische Sicherheitskräfte mit Panzern und Artillerie das Altstadtviertel Sur der kurdischen Metropole Diyarbakir. Aus dem Stadtbezirk, über dem Hubschrauber kreisten, seien ununterbrochen Schüsse und Explosionen zu hören, berichtete die kurdische Nachrichtenagentur Firat.

Auf einer Pressekonferenz in Brüssel riefen Abgeordnete der oppositionellen HDP in der türkischen Nationalversammlung gemeinsam mit Mitgliedern der linken Fraktion im Europaparlament am Mittwoch die EU auf, endlich etwas gegen die Massaker Ankaras in der Osttürkei zu unternehmen. Der HDP-Abgeordnet Osman Baydemir beschrieb die Situation als »Kriegszustand, in dem Menschenrechte verletzt werden«. Er erinnerte daran, dass in dem seit zehn Monaten andauernden Feldzug unter dem Vorwand der »Terrorbekämpfung« mehr als 650 Zivilisten getötet und etwa 450.000 Menschen zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen wurden. Baydemir forderte dringend, dass Delegationen des Europaparlaments, der EU und anderer Einrichtungen die kurdische Region der Türkei besuchen. Er fügte hinzu, dass es unabhängigen Journalisten nicht gestattet werde, über den Konflikt zu berichten, während Verbrechern Straflosigkeit garantiert werde. Der Parlamentarier verlangte eine EU-Initiative für den Wiederbeginn von Gesprächen über einen Waffenstillstand.

Während einer Debatte im Europaparlament erinnerte die Fraktionschefin der Linken, Gabriele Zimmer, ebenfalls an den Krieg im Südosten der Türkei: »Wir schließen einen Deal mit einem Land, das bereit ist, Menschen im eigenen Land zu töten.« Kritik kam gestern auch von den Grünen: Statt die Türkei für Menschenrechtsverletzungen zu sanktionieren, rolle man ihr den roten Teppich aus, erklärte der Grünen-Kofraktionschef Philippe Lamberts. Ähnlich äußerten sich Politiker in der Bundesrepublik. Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht sprach am Mittwoch in Berlin von einem »schmutzigen Krieg gegen Teile der eigenen Bevölkerung«. Massenhafte Menschenrechtsverletzungen und ein zweifelhafter Umgang mit Flüchtlingen machten die Türkei zu einem »schwierigen Verhandlungspartner«, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der Rheinischen Post. Die Kurdische Gemeinde Deutschland e. V. rief Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Brief auf, Menschenrechtsverletzungen in der Türkei nicht »aus kurzfristiger taktischer Rücksichtnahme« diskret zu übergehen. (AFP/dpa/jW)

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Für Freiheit und Frieden Kurdistans Kampf um Selbstbestimmung

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