Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Organische Krise

Von Daniel Bratanovic
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Hegemoniekrise der führenden Klasse? Ein wachsender Teil der Bevölkerung mag den alten intellektuellen und moralischen Führern jedenfalls keinen Glauben mehr schenken

Wer sagt, der Kapitalismus befinde sich in der Krise, spricht eine Binse aus. Diese Krise ist schon lange nicht mehr auf die rein ökonomische Sphäre beschränkt, sondern hat nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst und durchdrungen. Wann sie aber genau begonnen hat, lässt sich nicht ohne weiteres datieren. Mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts mag man allerdings konstatieren, dass ausgerechnet das Ereignis, das als endgültiger Triumph dieser auf Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft beruhenden Verkehrsform in die Annalen eingehen sollte, die Voraussetzungen der jetzigen Misere geschaffen hat. Die restlose Beseitigung des Sozialismus war die Beseitigung jener Korsettstangen und Krücken, die dem Kapitalismus für nicht einmal 50 Jahre eine Stabilität verliehen hatten, die so mancher in der Rückschau als goldenes Zeitalter empfindet.

Mittlerweile ist der stabilitätsstiftende Konsens zwischen Herrschern und Beherrschten, Repräsentanten und Repräsentierten dahin. Die politischen Parteien, die für diese hierzulande »Soziale Marktwirtschaft« genannte Einhegung standen, scheinen ihren Kredit weitgehend verspielt zu haben, ein aggressiver Nationalismus, getragen von rechtspopulistischen bis faschistischen Parteien, erhebt in Europa wieder sein Haupt. Der italienische Kommunist Antonio Gramsci, geboren 1891, gestorben in faschistischer Kerkerhaft 1937, nannte solche Situationen »organische Krise«. In seinen Gefängnisheften schreibt er: »Wenn die herrschende Klasse den Konsens verloren hat, das heißt nicht mehr ›führend‹, sondern einzig ›herrschend‹ ist, Inhaberin der reinen Zwangsgewalt, bedeutet das gerade, dass die großen Massen sich von den traditionellen Ideologien entfernt haben, nicht mehr an das glauben, woran sie zuvor glaubten usw. Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.«

Dass viele nicht mehr bedingungslos bereit waren, das zu schlucken, was man ihnen vorsetzte, ließ sich an der Berichterstattung über die Ukraine-Krise 2014 beobachten. Medienunternehmen sahen sich genötigt, auf eine Flut von Kommentaren zu reagieren, und beteuerten beleidigt, sie berichteten nach bestem Wissen und Gewissen. Daran durfte man Zweifel haben. Gramsci: »Die alten intellektuellen und moralischen Führer der Gesellschaft spüren, wie ihnen der Boden unter den Füßen schwindet, sie merken, dass ihre ›Predigten‹ eben ›Predigten‹ geworden sind, das heißt realitätsfremde Dinge, bloße Form ohne Inhalt, Maske ohne Geist.«

Mangelt es in einer solchen »Hegemoniekrise der führenden Klasse« einer organisierten Kraft, die wachsendes Unbehagen in fortschrittliche Bahnen zu lenken weiß, und beginnt das Kapital über Alternativen nachzudenken, kann es schnell ungemütlich werden: »An einem bestimmten Punkt ihres geschichtlichen Lebens lösen sich die gesellschaftlichen Gruppen von ihren traditionellen Parteien, das heißt, die traditionellen Parteien in dieser gegebenen Organisationsform, mit diesen bestimmten Männern, die sie bilden, sie vertreten oder führen, werden von ihrer Klasse oder Klassenfraktion nicht mehr als ihr Ausdruck anerkannt. Wenn diese Krisen eintreten, wird die unmittelbare Situation heikel und gefährlich, weil das Feld frei ist für Gewaltlösungen, für die Aktivität obskurer Mächte, repräsentiert durch die Männer der Vorsehung oder mit Charisma.«

Zu behaupten, dass ein solches Szenario demnächst bevorsteht, ist mittlerweile längst nicht mehr verwegen. Und in diesem Land könnte sich der Name einer aufstrebenden Organisation, deren Vertreter auch schon mal darüber nachdenken, Flüchtlinge an der Grenze kurzerhand abzuknallen, noch als zutreffend erweisen: Alternative für Deutschland. Schön wird das nicht.

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