Aus: Ausgabe vom 08.03.2016, Seite 1 / Titel

Frauen gegen Erdogan

Türkei: Kundgebungen und Demonstrationen zum Internationalen Frauentag verboten. Trotzdem gingen Tausende auf die Straße

Von Kevin Hoffmann, Istanbul
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Frauen kämpfen am Sonntag in Istanbul um ihr Recht, für ihre Anliegen auf die Straße zu gehen

Der Internationale Frauentag am 8. März ist seit vielen Jahren auch in der Türkei für Zehntausende ein Anlass, um auf die Straße zu gehen. Davon lassen sich die Frauen weder durch ihre Ehemänner, noch durch Verbote der Behörden oder durch Schlagstöcke der Polizei abhalten. Sie kritisieren die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht nur wegen der Gewalt gegen Andersdenkende sowie der Verletzung von Menschenrechten und Pressefreiheit, sondern auch, weil die Gewalt gegen Frauen in der Türkei unverändert hoch ist. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte am Sonntag eine Studie der Vereinten Nationen, nach der die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Türkei zu häuslicher Gewalt in der Ehe kommt, zehnmal höher liegt als in Ländern der Europäischen Union. Auf einem Gleichberechtigungsindex des UN-Entwicklungsprogramms UNDP liegt die Türkei nur auf Rang 77 von 138 Plätzen.

In diesem Jahr verboten die zuständigen Gouverneure Demonstrationen und Kundgebungen zum Frauentag unter anderem in Istanbul, Ankara, Batman und Urfa. Auch das Verlesen von Erklärungen sollte nicht gestattet werden, berichtete die sozialistische Nachrichtenagentur Etha. Die Istanbuler »Frauenplattform 8. März«, ein Zusammenschluss linker und kurdischer Organisationen, hatte deshalb bereits im Vorfeld angekündigt, sich ihr Recht auf Demonstrationen trotz der Verbote nicht nehmen zu lassen und sich im Zweifelsfall die Straße zu erkämpfen.

Am Sonntag machten sich deshalb Tausende Frauen zu einem zentralen Platz im Istanbuler Bezirk Kadiköy auf, um dort für ihre Rechte zu demonstrieren. Die vor Ort wartenden Polizeikräfte griffen die sich friedlich versammelnden Frauen mit Tränengas, Wasserwerfern und mit Gummi ummantelten Stahlgeschossen an. Bereits auf dem Weg zum Sammelpunkt wurden einige vermeintliche Demonstrantinnen von Zivilpolizisten in Gewahrsam genommen. Nach den ersten Polizeiangriffen soll es laut Etha an mehr als 20 verschiedenen Punkten der Stadt über Stunden zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Frauen gekommen sein. Teilnehmerinnen berichteten gegenüber junge Welt, dass die Polizisten sie aufgefordert hätten, nach Hause zu gehen und statt dessen ihre Männer zum Kämpfen zu schicken. Die Frauen antworteten darauf mit der Parole: »Sollen die Väter kommen, die Ehemänner, der Staat, der Schlagstock – Trotzdem rebellieren wir, trotzdem wollen wir Freiheit!«

Auch die Kovorsitzende der Demokratischen Partei der Völker (HDP), Figen Yüksekdag, war nach Kadiköy gekommen, um die Demonstrantinnen zu unterstützen. Wie die anderen Frauen wurden auch sie und ihre Begleiter von der Polizei angegriffen, ihr Berater Sitki Güngör wurde in Gewahrsam genommen. Die Sprecherin der Sozialistischen Frauenräte (SKM), Fadime Celebi, kommentierte die Aktion in Istanbul gegenüber jW: »Die Verbotspolitik der herrschenden AKP-Regierung wurde hier durch den entschlossenen Widerstand der Frauen durchbrochen. Nicht nur in Istanbul, in der gesamten Türkei und Kurdistan gibt es zum 8. März einen Frauenaufstand. Der Widerstand der Frauen gegen die Gewalt des herrschenden Patriarchats ist wie ein kleiner Gezi-Aufstand.«

Auf den Demonstrationen in der Türkei und Kurdistan wurde in diesem Jahr zudem der deutschen Internationalistin Ivana Hoffmann gedacht. Diese hatte in den Reihen der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) in Rojava, dem syrischen Teil Kurdistans, gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) gekämpft. Am 7. März 2015 wurde die Duisburgerin mit deutsch-afrikanischen Wurzeln in der Nähe des Dorfes Til Hemis, 200 Kilometer östlich der Stadt Kobani, bei einem Angriff getötet.

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