Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

Unsere Idee wird leben

Heute vor 70 Jahren wurde die Freie Deutsche Jugend (FDJ) in Berlin gegründet. Ein Rückblick auf sie hat vor allem Zukunftswert

Von Egon Krenz
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21. Juli 1976: Egon Krenz, damals Erster Sekretär des Zentralrates der FDJ, bei Jugendlichen im Bezirk Suhl, die bei Arbeiten zur Bodenverbesserung eingesetzt sind

Am Sonnabend fand in Berlin ein »Treffen von Freunden« aus Anlass des 70. Jahrestages der FDJ statt. Egon Krenz, seit 1961 Sekretär des Zentralrates der Jugendorganisation und von 1974 bis 1983 dessen Erster Sekretär, hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache, die wir in Auszügen dokumentieren:

26 von den 70 Jahren leben wir bereits in einer Gesellschaft, die nicht unseren Jugendidealen entspricht. Daher ist mir zuerst ein Punkt wichtig, der uns wohl alle miteinander verbindet: Wir haben der DDR viel von unserer Lebenskraft und Leidenschaft, von unserem Wissen und Können gegeben, immer in der Überzeugung, dem besseren Deutschland zu dienen. In der FDJ wollten wir unsere Ideale verwirklichen von einer Gesellschaft, in der der Mensch nicht des Menschen Wolf, sondern sein Freund ist, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer beseitigt werden sollte. Dann kamen aber die »jähen Wendungen«, vor denen in Reden zwar oft gewarnt wurde, aber wohl kaum jemand von uns sich vorstellen konnte, dass die gute und gerechte Sache, für die wir einstanden, auch verloren gehen könnte. Auf diese Weise kamen wir 1990 in einer uns fremden Gesellschaft an.

Was heißt: Wir kamen an? Eine Begrüßungskultur für DDR-Bürger gab es nicht und auch keine Integrationsbemühungen, eher eine Unkultur der Ausgrenzung. Jeder war nun auf sich selbst gestellt. Die neue Ordnung funktioniert nach dem alten Grundsatz: Teile und herrsche! Sie setzt darauf, die Solidarität, die uns einst stark machte, zu brechen und unser Leben ausschließlich zu individualisieren. (…)

Privilegien gebrochen

Der Rückblick auf die DDR und auch die FDJ wird wahrscheinlich so vielfältig bleiben, wie es einst die Bürger in unserem Lande waren. Jeder hat mit der DDR seine eigenen Erfahrungen gemacht. Rechthaberei und Besserwisserei taugen nicht zur Analyse eines Lebens, das eingebettet war in einen fast 45jährigen Krieg, einen kalten zwar, aber immer am Rande einer möglichen atomaren Katastrophe. Wer wirklich nachgedacht und sich nicht einfach auf dem Absatz umgedreht hat, um das Gegenteil von dem zu behaupten, was er bis 1989 gedacht hat, den brauchen unsere Jahre in der FDJ und mit ihr wirklich nicht zu reuen. Ich finde, wir hatten ein sinnerfülltes Leben, auch wenn es uns nicht vergönnt ist, zu den Siegern der Geschichte zu gehören. Unsere Ideale sind nicht schlechter geworden, weil wir sie im ersten Anlauf nicht verwirklichen konnten. Die sozialistische Idee – davon bin ich überzeugt – wird leben, auch wenn wir die Welt längst verlassen haben.

Für mich hat der Rückblick auf die DDR und die FDJ deshalb vor allem einen Zukunftswert. Sollten unsere Enkel oder Urenkel oder erst deren Enkel es einmal erneut versuchen, dann müssen sie nicht nur wissen, was wir falsch gemacht haben, sondern vor allem, welche bleibende Spur die DDR und mit ihr die FDJ in der Geschichte hinterlassen. Diese Spur bleibt für mich zukunftszugewandt: Wir waren trotz aller Unvollkommenheiten an einem großen historischen Projekt beteiligt, das da heißt: Auch in Deutschland sind Alternativen zum Kapitalismus möglich. (…)

Damit bin ich bei der nächsten Frage, die mir im Zusammenhang mit unserem Treffen wichtig scheint. Sind wir Nostalgiker? Sind wir Unbelehrbare? Ewiggestrige? Nur, weil wir uns von anderen nicht ihre Sicht auf unser Leben aufdrängen lassen wollen, nur, weil wir unser Leben selbst bewerten wollen? Ich erinnere mich mit Freude immer wieder an die Tatsache, dass es in Deutschland einmal einen Staat gegeben hat, in dem die von der FDJ 1946 proklamierten Grundrechte der jungen Generation Verfassungswirklichkeit waren.

Die DDR brach das Bildungsprivileg der Reichen, wohl wissend, dass dies für bisher Privilegierte durchaus nachteilig sein konnte. Dafür aber hatten erstmals in der deutschen Geschichte Arbeiter- und Bauernkinder freien Zugang zu den hohen Schulen. Junge Leute gingen nach der Ausbildung zur Arbeit und nicht zum Arbeitsamt. Die DDR duldete keinen Neonazismus und keinen Fremdenhass, wenngleich wir die Augen nie davor verschlossen, dass der Schoß, aus dem das kroch, noch lange fruchtbar blieb.

Die DDR schickte keine Soldaten zu Kriegseinsätzen ins Ausland, sie bombardierte keine Brücken in Jugoslawien oder Tanklastzüge in Afghanistan, sie schickte keine Flugzeuge nach Syrien. Sie ist bis heute der einzige deutsche Staat, der nie einen Krieg geführt hat. Wenn die Erinnerung an solche Tatsachen Nostalgie sein sollte, will ich gern ein Nostalgiker sein.

In einem Punkt aber bin ich zu keinem Kompromiss bereit. Wer die DDR in eine Reihe mit dem Nazireich und die FDJ in Verbindung mit der Hitlerjugend bringt, dem widerspreche ich entschieden. Haben etwa die Gründungsinitiatoren der FDJ – der Auschwitz- und Buchenwaldinsasse Hermann Axen mit der ihm von der SS eingebrannten Nummer 58787, der Mitbegründer der FDJ in England, der jüdische Exilant Horst Brasch, der zehn Jahre in Haft gehaltene Gefangene Erich Honecker, der vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilte Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland, Heinz Keßler, der Brandenburg-Häftling Robert Menzel, der aus politischem Asyl in Schweden heimgekehrte Paul Verner und ihre Weggefährten aus sozialdemokratischen, christlichen und bürgerlichen Kreisen – haben sie etwa das Werk Hitlers fortsetzen wollen?

So absurd wie diese Frage ist auch die Behauptung des amtierenden deutschen Staatsoberhaupts, wir hätten 56 Jahre in der Diktatur gelebt. Wer Sinn für geschichtliche Realitäten hat, kann nicht zwölf Jahre Nazibarbarei, vier Jahre Besatzungszeit und 40 DDR-Jahre in einen Topf werfen. Das ist für viele nicht nur beleidigend. Es ist vor allem eine Verharmlosung des sogenannten Nationalsozialismus, der weder national noch sozialistisch, sondern einmalig verbrecherisch war.

Wenn die heute Herrschenden die Ursachen für aktuelle Ausländerfeindlichkeit und Rassismus der DDR anlasten wollen, so ist dies primitive Anti-DDR-Propaganda. Sie zeigt nur die Hilflosigkeit der Regierenden, die Quelle dafür in ihrer eigenen Politik zu erkennen und zu bekämpfen.

FDJ-Verbot in BRD

Beim Lesen der jungen Welt empfinde ich stets Freude darüber, dass die erste deutsche Tageszeitung der Jugend als linke Tageszeitung überlebt hat. Als sie noch Organ des Zentralrates der FDJ war, hat sie in Millionenauflage das »Tagebuch der Anne Frank« veröffentlicht. Das entsprach der Rolle der FDJ, die vom ersten Tage ihrer Gründung an eine antifaschistische Organisation war. Zu Jahresbeginn ist das Urheberrecht für zwei völlig entgegengesetzte Werke abgelaufen: Das der Hetzschrift »Mein Kampf« und das des Werkes der Weltliteratur von Anne Frank. Der Umgang mit beiden sagt viel aus über die Atmosphäre in diesem Lande.

Man macht Wind um Hitlers Machwerk – mit oder ohne Kommentar – als könne man aus dem Buch erfahren, was Faschismus bedeutet. Mir ist aber nicht bekannt, dass deutsche Leitmedien oder Politiker auf die Idee gekommen wären, das einzigartige literarische Erbe von Anne Frank in Auflagen zu verbreiten, die es ermöglichen könnten, dass es viele junge Leute wirklich lesen, darüber sprechen und sich damit auseinandersetzen. Das wäre angesichts der sich wieder ausbreitenden braunen Pest ein Zeichen des geistigen Widerstandes gegen die Brandstifter.

Schließlich liegt mir noch ein dritter Punkt am Herzen: Die FDJ wurde einst für ganz Deutschland gegründet. In der Bundesrepublik aber schon 1951 verboten, weil sie gegen die Remilitarisierung und für die deutsche Einheit eintrat. Für diese Ziele demonstrierten am 11. Mai 1952 in Essen 30.000 westdeutsche FDJ-Mitglieder. Der 21jährige Philipp Müller wurde dabei von der bundesdeutschen Polizei erschossen. Das war und bleibt ein Verbrechen, bundesdeutsche Geschichtsschreiber aber schweigen darüber.

Aktuelle Bezüge hat auch der folgende Fakt: Der westdeutsche FDJ-Vorsitzende Jupp Angenfort wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl er Abgeordneter des Landtages von Nordrhein-Westfalen war. Als er später seine Rente beantragte, fragte man ihn nach den Jahren, in denen er nicht sozialversichert war. Nachdem er geantwortete hatte, er sei in Haft gewesen, meinte die Bearbeiterin: Das müssen Sie unbedingt angeben. Dann bekommen Sie eine höhere Rente. Als er jedoch mitteilte, er sei in einem westdeutschen Zuchthaus gewesen, war es aus mit der Aussicht auf höhere Rente. Die stünde – so die Beamtin – nur »DDR-Opfern« zu. Die Opfer des Kalten Krieges in der alten Bundesrepublik, darunter Zehntausende FDJ-Mitglieder, sind bis heute nicht rehabilitiert. Es gibt nach wie vor keine Gleichheit der Deutschen vor der Geschichte. Wer aber die deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg verstehen will, muss beide Staaten unter die Lupe nehmen. Hier die Hölle und dort der Garten Eden – so ist die Geschichte nicht verlaufen. (…)

Hintergrund: Kurze Chronik der FDJ

Ab 1936: Junge Antifaschisten gründen im Exil Gruppen, die sich Freie Deutsche Jugend (FDJ) nennen.

Sommer 1945: Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) gibt die Bildung von antifaschistischen Jugendausschüssen bekannt.

7. März 1946: Die SMAD genehmigt die Gründung der FDJ.

8. bis 10. Juni 1946: Das 1. Parlament der FDJ tagt in Brandenburg an der Havel.

1948 bis 1952: Als erste »Zentrale Jugendobjekte der FDJ« werden die Wasserleitung zur Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn und die Talsperre Sosa gebaut.

1950, 1954 und 1964: Die FDJ veranstaltet in Berlin »Deutschlandtreffen der Jugend für Frieden und Völkerverständigung«. An ihnen nehmen jeweils über 500.000 Jugendliche teil.

24. April 1951: Die FDJ wird von der Bundesregierung in der BRD verboten.

1951 und 1973: In Berlin finden die »Weltfestspiele der Jugend und Studenten« mit Millionen Besuchern statt.

11. Mai 1952: Bei einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung wird das FDJ-Mitglied Philipp Müller in Essen von der Polizei erschossen.

16. Juli 1954: Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt das FDJ-Verbot. Die öffentliche Verwendung von Abzeichen der FDJ in Westdeutschland kann seither mit Freiheits- oder Geldstrafe geahndet werden. Das Verbot besteht auch nach dem Anschluss der DDR 1990 weiter, bezieht sich aber nach Auffassung des Bundesinnenministeriums ausschließlich auf die eigenständige Organisation FDJ in Westdeutschland.

1958 bis 1962: Im zentralen Jugendobjekt »Friedländer Große Wiese« wird ein großer Teil des Niederungsmoors trockengelegt.

1958 bis 1990: Die zentrale »Messe der Meister von Morgen« (MMM), ein Jugendwettbewerb vor allem in Wissenschaft und Technik, findet jährlich in Leipzig statt.

1964 bis 1989: »FDJ-Brigaden der Freundschaft« reisen ins Ausland. Sie arbeiten in anderen sozialistischen Staaten und in befreiten Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.

1966: Gründung der politischen Liedgruppe »Oktoberklub«

1966 bis 1989: Im »FDJ-Studentensommer« leisten Studenten aus der DDR und anderen Ländern jeweils drei Wochen bezahlte Arbeit in der Landwirtschaft, Industrie oder auf dem Bau.

1970 bis 1990: Jährlich im Februar findet in Berlin das »Festival des Politischen Liedes« statt.

1970 bis 1989: Jährlich findet das einwöchige Zentrale Poetenseminar in Schwerin statt.

1975 bis 1979: Der Bau eines 550 Kilometer langen Teilstücks der Erdgasleitung von Orenburg zur Westgrenze der Sowjetunion wird zentrales Jugendobjekt (»Drushba-Trasse«)

(jW)

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