Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 1 / Titel

Lidl löhnt nicht

Protest gegen ein unverschämtes Tarifangebot vor dem Frankreich-Sitz der deutschen Lebensmittelkette. Die will im Nachbarland neue Marktanteile erobern

Von Arnold Schölzel
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Lidl will in der Wirtschaftskrise Frankreichs mehr Marktanteile erobern. Da stören höhere Löhne für die eigenen Beschäftigten

Mitarbeiter des Lebensmitteldiscounters Lidl in Frankreich demonstrierten am Donnerstag für höhere Löhne. Knapp 200 Angestellte versammelten sich nach einem gemeinsamen Aufruf der Gewerkschaften UNSA, CGT, FO, CFDT und CFTC vor dem Frankreich-Sitz von Lidl im südlich von Paris gelegenen Rungis. Nach drei Verhandlungsrunden seit Jahresbeginn bot die Geschäftsführung an, die Gehälter um 0,2 Prozent zu erhöhen, die Rücklagen für langjährig Beschäftigte zu erhöhen sowie am Jahresende eine Prämie zu zahlen. Vor dem Hintergrund der gegenwärtig starken Expansion der Kette in Frankreich betrachten das die verhandelnden Gewerkschaften als Unverschämtheit. Lidl argumentiert, alle Maßnahmen zusammen ergäben eine Tariferhöhung um ein Prozent.

»Das reicht uns nicht«, erklärte Farida Rochel von der Gewerkschaft Force Ouvrière (FO) am Donnerstag. »Das ist keine Erhöhung der Kaufkraft, sondern eine Anpassung an die Inflation.« Die Gewerkschaften fordern eine Lohnerhöhung von einem Prozent. Christophe Pierre von der Gewerkschaft CFDT kritisierte: «Das ist ein Unternehmen in bester finanzieller Gesundheit, das seinen Umsatz nicht mit seinen Angestellten teilt.« Er verwies darauf, dass der Konzern 2015 im Vergleich zum Vorjahr »sein Werbebudget verdreifacht« habe. Lidl sponsert nun u. a. die französische Handballnationalmannschaft und gewann als »Markenzeichen« eine frühere Miss France.

Hintergrund ist der seit 2012 eingeschlagene Expansionskurs der deutschen Lebensmittelkette. Lidl ist seit 1988 in dem Land tätig und hat dort heute 1.500 Filialen und 26.000 Angestellte. Der Discounter hält bei einem Umsatz von geschätzt 8,5 Milliarden Euro (2014) einen Marktanteil von mehr als fünf Prozent (Aldi Frankreich 2,2 Prozent) und will ihn bis 2020 auf acht Prozent erhöhen – ein Indikator für sinkende Einkommen. Der Konzern sucht in allen Landesteilen nach neuen Verkaufsstellen und Personal.

Mitten in einer schweren Krise der französischen Landwirtschaft schloss Lidl Ende Februar einen Vertrag mit wichtigen einheimischen Zulieferern von Obst, Gemüse und Fleisch. Noch Mitte Februar hatten französische Bauern gegen die niedrige Bezahlung der Lidl-Lieferanten mit Straßenblockaden protestiert. Nun steht der Konzern davor, mit 150 Schweinefleischproduzenten aus Westfrankreich, wo sich die Wut über deutsche Billigfleischimporte seit Jahren immer wieder in Massendemonstrationen äußert, einen Liefervertrag abzuschließen.

Da in Frankreich die großen Supermarktkonkurrenten wie Carrefour, Casino oder Auchan selbst das Billigsegment besetzt haben, will Lidl das Image eines »Hard-discount«, eines Billigheimers, loswerden. Das gilt allerdings nicht für die Beschäftigten. Gewerkschafterin Rochel erklärte am Donnerstag: »Sie wollen das Markenimage für die Kunden aufpolieren, aber nicht für die Beschäftigen. Die Arbeitsbedingungen sind noch immer ›hard-discount‹«. Allein die Arbeitsunfälle bei Lidl lägen fünfmal höher als beim Rest des Einzelhandels.

Lidl-Besitzer Dieter Schwarz vermehrte laut der am Dienstag veröffentlichten Milliardärsliste des US-Wirtschaftsmagazins Forbes sein Vermögen im vergangenen Jahr um 800 Millionen US-Dollar von 15,6 Millarden auf 16,4 Milliarden. Er landete damit auf Platz 47 weltweit und auf Platz fünf in Deutschland.

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