Emotionaler Höhepunkt auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz: Grüße von und für Mumia Abu-Jamal
Foto: Christian Ditsch/Version
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Rechtsanwalt Robert R. Bryan aus San Francisco nahm am 9. Januar
2010 als Gastredner an der XV. Internationalen
Rosa-Luxemburg-Konferenz teil. Als Hauptverteidiger von Mumia
Abu-Jamal erläuterte er die aktuelle Lage seines Mandanten,
der im Dezember 1981 unter dem Vorwurf des Polizistenmordes
verhaftet und nach einem unfairen Prozeß im Juli 1982 zum
Tode verurteilt worden war. Mitten in diesen Ausführungen rief
Mumia Abu-Jamal überraschend seinen Verteidiger an.
junge Welt dokumentiert das Telefongespräch, das
live im Konferenzsaal übertragen wurde, im Wortlaut.
Übersetzung: Jürgen Heiser.
[Robert R. Bryans Handy klingelt am Rednerpult]
Robert R. Bryan: Möglicherweise meldet sich hier ein weiterer
Gast der Konferenz …
Computerstimme: Sie erhalten ein R-Gespräch von Mumia
Abu-Jamal [Name wie bei der Handy-Mailbox mit seiner Stimme
gesprochen], einem Insassen der staatlichen Strafanstalt Greene.
Wenn Sie die Funktionen Konferenzschaltung oder Anklopfen
aktivieren, wird das Gespräch sofort abgebrochen.
Bryan: Es ist Mumia! Hallo, Mumia!
Mumia Abu-Jamal: Hallo, Robert!
[Applaus im Publikum brandet auf. Jubelrufe, anerkennende Pfiffe
und Sprechchöre: »Hoch die internationale
Solidarität!«]
Bryan: Mumia, bist du noch da? Konntest du hören, daß
ich nicht allein bin? Hast du das mitbekommen?
Abu-Jamal: Allerdings habe ich das mitbekommen! [lacht]
Bryan: Hier sind gut über tausend Leute versammelt, viele
stehen in den Gängen. Der Applaus galt dir. Das ist jetzt
natürlich ein Verteidigergespräch, und nur wir beide
werden miteinander reden, aber es steht in keinem Gesetz, daß
andere nicht dabei zuhören dürfen. Deswegen hören
uns jetzt ein- bis zweitausend Leute zu. Ist das okay?
Abu-Jamal: Ja, das ist »sehr gut« [er benutzt die
beiden deutschen Wörter].
Bryan: Mumia, wo befindest du dich gerade?
Abu-Jamal: Ich stehe vor der Tür meiner Zelle im G-Block des
Todestrakts von Waynesburg, Pennsylvania.
Bryan: Kannst du uns bitte kurz beschreiben, wie das Leben im
Todestrakt ist?
Abu-Jamal: Ich habe schon vor Jahren darüber geschrieben,
daß es so ist, als würde man sein Leben in einem
Schlafraum oder Badezimmer verbringen, sehr klein, vielleicht sechs
Quadratmeter groß. Da hältst du dich 22 Stunden am Tag
auf, denn zwei Stunden am Tag haben wir Hofgang, aber ich nenne das
den »Käfig«, weil das mehr ein Käfig ist als
ein Hof. Stellt euch also einfach vor, ihr seid 24 Stunden am Tag
in einem Raum eingesperrt – und das über viele Jahre.
Das ist die Situation, das ist die Realität. Du machst alles
dort, essen, schlafen, lesen, singen, machst deine Gymnastik, eben
alles, was ein Mensch so macht.
Bryan: Wir kennen uns nun schon viele Jahre, länger als die
letzten sieben Jahre, in denen ich dich offensiv als dein Anwalt
vertrete. Hin und wieder hast du mir von anderen Gefangenen
erzählt, die sich das Leben genommen haben. Kannst du uns
etwas mehr über das Leben im Todestrakt erzählen?
Abu-Jamal: Innerhalb des letzten Jahres haben sich zwei meiner
Freunde umgebracht. Männer, die ich seit einigen Jahren gut
kannte, Bill Tilley und José Pagán. Der eine so gegen
vier oder fünf Uhr morgens, der andere gegen acht Uhr. Beide
haben sich jeweils eine Schlinge um den Hals gelegt und sich
erhängt. Das hat uns alle hier im Todestrakt schockiert.
Wir kannten sie beide gut, wir mochten sie, sie hatten einen feinen
Charakter, waren gute Leute, haben gekämpft – und
plötzlich waren sie nicht mehr da. Daran zeigt sich der
Einfluß, den der Todestrakt auf Menschen ausübt, sein
psychologischer Einfluß, der Menschen buchstäblich in
den Tod treiben kann. Genau das war der Fall bei Bill Tilley und
José Pagán.
Bryan: Und wie geht es Mumia Abu-Jamal unter diesen furchtbaren
Bedingungen? Was hält dich aufrecht?
Abu-Jamal: Zum Beispiel solche Veranstaltungen wie eure dort
– das weiß ich von ganzem Herzen zu schätzen. Wir
haben eine gute Unterstützerbasis in Deutschland wie auch in
anderen Ländern. Ich höre von Leuten, kommuniziere mit
ihnen und bin in der Lage teilzunehmen an dem, was sich an einem
anderen Ort wie bei euch mit vielen, vielen anderen Menschen
ereignet. Das gibt mir große Kraft und befähigt mich,
gegen die Bedingungen hier im Todestrakt zu kämpfen.
Bryan: Bevor du angerufen hast, sprach ich gerade darüber, wie
du durch deine Arbeit als Journalist, durch dein Schreiben aus dem
Todestrakt, zwangsläufig zu einem Sprecher der über 20000
Männer, Frauen und Kinder in den Todeszellen dieser Welt
geworden bist. Ich habe auch darüber gesprochen, warum dein
Fall nicht nur für dich, sondern auch für andere so an
Bedeutung gewonnen hat. Kannst du etwas dazu sagen, warum das so
wichtig ist?
Abu-Jamal: Ich habe gerade gestern abend einen Brief von Frances
Goldin gelesen …
Bryan: … die deine literarische Agentin in den USA ist
…
Abu-Jamal: … ja, Frances zitiert aus einem Artikel der New
York Times, einer Kolumne von Adam Liptak, der über
juristische Themen schreibt [siehe:
www.nytimes.com/2010/01/05/us/05bar.html].
Darin berichtet er über eine sehr angesehene
Juristenorganisation der USA, das American Law Institute, in der
über 4000 Rechtsprofessoren, Richter und Anwälte
zusammengeschlossen sind. Diese Leute sind die verantwortlichen
Architekten des heutigen US-Todesstrafensystems und vieler anderer
Rechtsbereiche. Sie haben die Strafvorschriften für zahlreiche
US-Bundesstaaten und die Bundesregierung entworfen …
Computerstimme: Dieser Anruf kommt aus der staatlichen Strafanstalt
Greene
Abu-Jamal: … Sie haben 1962 das neue Todesstrafenprogramm
der USA konstruiert, auf das sich der Oberste Gerichtshof 1976 bei
der Wiedereinführung der Todesstrafe, nachdem sie vier Jahre
ausgesetzt war, berief. Anfang Januar 2010 hat das American Law
Institute (ALI) nun erklärt, daß es sich daran nicht
länger beteiligen will, weil die Praxis der Todesstrafe weder
verfassungskonform noch fair ist. Das ist eine entscheidende
Entwicklung einer Institution, die großes Ansehen
genießt und eine einzigartige Stellung einnimmt auf dem
Gebiet der US-Rechtsprechung hat. Das ALI erklärt also, die
Todesstrafe könne weder verfassungsgemäß noch fair
sein, weil sie von Armut, Rassismus und der Inkompetenz von
Anwälten beeinflußt wird und politische Faktoren wegen
einer durch Wahlen eingesetzten Justiz in vielen Bundesstaaten
hineinspielen. Das ALI hat deshalb den Schluß gezogen, zu dem
1994 schon der damalige Richter des Obersten Gerichtshofs der USA,
Harry A. Blackmun, gekommen war, als er erklärte, nicht mehr
an der »Todesmaschinerie der USA herumpfuschen« zu
wollen.
Bryan: In wenigen Tagen werden wir im Internet eine Petition unter
dem Titel »Mumia Abu-Jamal und die weltweite Abschaffung der
Todesstrafe« veröffentlichen. Sie richtet sich an
US-Präsident Barack Obama und kann online unterzeichnet
werden. In der Eingabe geht es um dich und die Zehntausenden, die
weltweit in den Todestrakten sitzen. Die Petition wurde in zehn
verschiedene Sprachen übersetzt, und viele warten schon
darauf, weil sie seit Monaten angekündigt war. Warum findest
du diese Petition wichtig?
Abu-Jamal: Es geht hierbei sicher um etwas, das nur ein kleiner
Teil einer größeren Sache ist und über meine
Situation und die jedes Individuums in den Todestrakten vieler
Länder hinausweist. Es geht um eine Bewegung, etwas, das mit
dem zusammenhängt, was ich gerade über das American Law
Institute gesagt habe. Diese Juristen sagen, sie wollen nicht
länger an der Todesstrafenpraxis mitarbeiten, was eine
deutliche Verurteilung ist. Die Petition ist Teil einer Bewegung
zur Abschaffung der Todesstrafe, die sogar bis in diese
hochrangigen Kreise reicht. Wir wissen, daß Leute, die
zusammenarbeiten und sich organisieren, Veränderungen
erreichen können. Die USA stehen mit ihrer Praxis der
Todesstrafe praktisch allein in der industrialisierten Welt, ja
sogar in weiten Teilen der Welt. Die Petition ist Ausdruck einer
wachsenden Bewegung zur Abschaffung der Todesstrafe.
Bryan: Das Berliner Free-Mumia-Bündnis verteilt hier auf der
Konferenz Postkarten, die an dich im Todestrakt von Waynesburg,
Pennsylvania, adressiert sind. Was empfindest du, wenn du
Postkarten und Briefe von Leuten draußen erhältst?
Abu-Jamal: Wie ich schon sagte, ist der Todestrakt ein sehr
einsamer Ort, du bist praktisch 24 Stunden am Tag auf dich allein
gestellt. Ich bekomme jeden Tag zwischen sechs und zwölf
Postkarten, meist von unseren Freunden, Brüdern und Schwestern
aus Deutschland, was mir ein sehr gutes, ein wunderbares
Gefühl gibt. Und wenn ich auch nur »schlecht« [er
benutzt das deutsche Wort] Deutsch spreche, verstehe ich doch, was
mir meine Freunde sagen wollen.
Bryan: Angesichts von Tausenden und Abertausenden Karten und
Briefen, die du in den letzten Jahren erhalten hast, kannst du
sicher bei bestem Willen nicht allen antworten. Aber ich nehme an,
daß du dankbar bist für die große Anteilnahme, die
dir gegenüber zum Ausdruck gebracht wird?
Abu-Jamal: Ja, ich bin außerordentlich dankbar dafür,
und ich würde gern jedem einzelnen antworten, aber der Tag hat
nur 24 Stunden, und da sind mir einfach zeitliche Grenzen gesetzt.
Aber so gut ich kann, sage ich allen Leuten: Danke, ich danke euch
für eure Aufmerksamkeit und daß ihr euch die Zeit nehmt,
mir zu schreiben!
Bryan: Mumia, bevor unser auf 15 Minuten limitiertes Gespräch
gleich vorbei ist und wir uns verabschieden müssen – was
ist dir noch wichtig zu sagen.
Abu-Jamal: Ich möchte einfach jedem einzelnen für das
danken, was er oder sie für mich tut. Ich möchte
Jürgen für seine Übersetzungsarbeit danken, und all
unseren Brüdern und Schwestern, unseren Freunden und Genossen
in Deutschland, in Frankreich, England, den USA und überall
auf der Welt danken. Wir gehören alle einer täglich
wachsenden Bewegung an.
Bryan: Ich sehe gerade, wie George Pumphrey, dein früherer
Black-Panther-Genosse, mit andern zusammen Postkarten im Saal
verteilt und Spenden für die Verteidigung sammelt.
Abu-Jamal: Danke, George, und viele Grüße!
Computerstimme: Es bleiben Ihnen noch 60 Sekunden.
Bryan: Mumia, wir sagen jetzt auf Wiedersehen, du hattest das
letzte Wort …
[Erneut brandet Applaus im Publikum auf, er wird
ohrenbetäubend und geht über in Sprechchöre:
»Hoch die internationale Solidarität!«]
Bryan: Mumia, bist du noch da? [Keine Antwort] Nein, das
Gespräch ist beendet, nach 15 Minuten werden unsere Telefonate
immer automatisch vom Computer abgebrochen. Auch der Todestrakt ist
mittlerweile automatisiert. Lassen Sie mich noch einmal
zusammenfassen, was Sie tun können: Postkarten schicken, aber
nicht vergessen, daß alles kopiert und an die
Staatsanwaltschaft geschickt wird. Machen Sie aus Ihrer
revolutionären Haltung keinen Hehl, aber beleidigen Sie
niemanden, sonst erreicht Ihre Post Mumia nicht. Die zweite Sache:
Informieren Sie sich auf unserer neuen Website
www.mumialegal.org, mit der
wir in Kürze online gehen. Und sorgen Sie für viele
Unterschriften unter die Petition an Präsident Obama, die wir
parallel ins Internet stellen!
Den Audio-Mitschnitt des Gesprächs finden Sie unter
www.rosa-luxemburg-konferenz.de (Mumia live). Zum
Aufruf ist ein Online-Abo erforderlich.