Die Normalität des Irrationalen

Vorabdruck. Die Zumutungen eines krisenhaften Kapitalismus werden oft genug mit Ressentiments und Stereotypen beantwortet. Davon profitieren rechtspopulistische Organisationen

Von Werner Seppmann

Wer in der gesellschaftlichen Hierarchie unten steht, dem wird von Nationalisten versichert, er könne stolz sein, zu den Deutschen zu gehören und sei immer noch etwas »Besonderes« (Pegida-Anhänger am 16.10.2016 auf dem Theaterplatz in Dresden)

Von Werner Seppmann ist soeben im Kasseler Mangroven-Verlag der Band »Es geht ein Gespenst um in Europa. Rechte Formierungen zwischen Rechtspopulismus und Neofaschismus. Linke Alternativen« erschienen.

In den kommenden Tagen erscheint die neue Ausgabe der Zeitschrift Marxistische Blätter mit dem Schwerpunkt »Irrationalismus«. Wir veröffentlichen daraus vorab mit freundlicher Genehmigung von Autor und Herausgebern den redaktionell gekürzten Beitrag »Die Normalität des Irrationalen« von Werner Seppmann. Das Heft kann unter www.neue-­impulse-verlag.de bestellt werden. (jW)

Dass sich in der Bundesrepublik eine rechtspopulistische Partei mit zunehmenden neofaschistischen Tendenzen etablieren konnte, ist kein »Betriebsunfall«, sondern Ausdruck einer der bürgerlichen Gesellschaft auf ihrer imperialistischen Entwicklungsstufe impliziten Irrationalität. In den üblichen Stellungnahmen zum AfD-Komplex ist davon in der Regel aber nicht die Rede. Gewöhnlich wird der Eindruck zu erwecken versucht, dass es sich bei den Terraingewinnen der politischen Rechten um eine Verirrung handelte, jenseits der doch so glücklichen Verbindung von Kapitalismus und Demokratie.

Jeder nur einigermaßen realistische Blick auf die historischen Tatsachen belehrt jedoch eines Schlechteren. Weder der italienische noch der deutsche Faschismus, weder die Junta in Griechenland noch die konterrevolutionären Generäle in Chile haben den Kapitalismus in Frage gestellt. Im Gegenteil haben sie ihm aus der Patsche geholfen. In Deutschland, als nach der Weltwirtschaftskrise 1929 die bürgerliche Machtdominanz ernstlich in Bedrängnis geraten war, und ebenfalls in Chile, wo mit Hilfe des CIA und der wirtschaftswissenschaftlichen Einsatztruppen des Neoliberalismus marktradikale Verhältnisse mit terroristischen Methoden durchgesetzt wurden.

So wie diese Machtergreifungen Reaktionen auf sozioökonomische Krisensituationen waren (in Chile ging es sogar darum, den sozialistischen Umgestaltungsplänen einen Riegel vorzuschieben), ist auch das erneute Aufleben des Neofaschismus in der Bundesrepublik Ausdruck krisenhafter Sozialentwicklungen. Nicht nur die sozialpolitische Kahlschlagpolitik (mit ihrem traurigen »Höhepunkt« der Schröderschen Agenda-»Reformen«) ist eine Ursache, sondern auch tiefgreifende soziale Veränderungen (marktradikale Umgestaltungen, gravierende Ungleichheitsentwicklungen, Ausweitung von Armut), die bis weit in in die Mittelschichten hinein zu einer allgemeinem Verunsicherung geführt haben.

Sozialer Abwärtssog

Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass jeder, der existentiell vom Verkauf seiner Arbeitskraft abhängig ist, viel schneller als zu früheren Zeiten in einen sozialen Abwärtssog geraten kann, der mit dem Hartz-System institutionalisiert wurde: Wer (vor allem in einem etwas höheren Alter, also jenseits des 45. Lebensjahres) aus dem Tritt gerät, dem droht der soziale Absturz, bei dem der Facharbeiter, aber mittlerweile auch so mancher Angestellte, sich schnell in den Zonen prekärer Arbeit wiederfinden können, in denen mittlerweile 25 Prozent aller Lohnabhängigen feststecken. Mit diesen Entwicklungen sind auch alltagspraktische »Gewissheiten« verlorengegangen: Zweifellos hat man ohne eine gute Ausbildung im Berufsleben nur wenige Chancen – und dennoch ist sie kein Garant für eine auskömmliche Beschäftigung mehr.

Schon immer wurde durch das kapitalistische Streben nach der »Verwertung des Werts« (Marx) das Unterste nach oben gekehrt, wurden permanente Umgestaltungen vorangetrieben. Aber die Umwälzungsdynamik ist mittlerweile regelrecht eskaliert: Ökonomisches Überleben zwingt zur gesteigerten »Flexibilität« und zu Anpassung. Und zwar auf der betrieblichen wie auf der persönlichen Ebene. Was gestern gelernt wurde, kann heute schon überholt sein. Permanente »Umstrukturierungen« und ein hoher Leistungsdruck im Berufsleben belasten die Menschen ebenso wie die trüben Zukunftsaussichten. Bei vielen wächst die Sorge, aufgrund der gravierenden Veränderungen bald selbst nicht mehr mithalten zu können und aus den gesellschaftlichen »Normalitätszonen« herauszufallen.

Unmittelbare Konsequenz ist ein wachsendes Bedürfnis nach Abgrenzung. Viele, die »Angst vor dem Absturz« haben, sind bemüht, nach »unten«, wohin man abzusinken befürchtet, einen Trennstrich zu ziehen. Unter Druck geraten, wird auf vermeintlich angestammte »Vorrechte« verwiesen (»Arbeitsplätze zuerst für Deutsche«). In der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 2009 waren es dann auch nicht zufällig überdurchschnittlich viele »Besserverdienende«, die ein Unsicherheitsgefühl artikulierten und auch Sündenböcke »identifizierten«, beispielsweise Langzeitarbeitslose in bisher nicht gekannter Intensität stigmatisierten. Abgewertet werden alle Gruppen, die den herrschenden Leistungs- und Nützlichkeitskriterien nicht mehr entsprechen. Neben den Arbeitslosen auch die »Ausländer« und dann in wachsendem Maße »die Flüchtlinge«.

Noch vor wenigen Jahren resistent gegen allzu plumpe Verunglimpfungen, reihten sich nun auch Teile einer »gutbürgerlichen Mitte« in eine Bevölkerungsmehrheit ein, die zu fast sechzig Prozent meint, dass die Arbeitslosen willensschwach und an ihrer Lage selbst schuld seien und es »empörend sei«, wenn sich die Langzeitarbeitslosen »auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben« machten.¹ Zum Besseren hat sich die Stimmungslage seitdem nicht verändert.

Getragen wird dieser Einstellungsumschwung deshalb von vielen, die selbst abstiegsgefährdet sind, weil Vorurteile Funktionselement bei der Angstabwehr und bei psychischen Selbststabilisierungsvorgängen sind. Man lässt sich von der Hoffnung leiten, weil man selbst fleißig und leistungsbereit ist, nicht in den Strudel der »Freisetzungen« gerissen zu werden. Aber dieser Selbstbetrug kann nur gelingen, wenn die schon Ausgegrenzten abgewertet werden, ihnen mangelnde Leistungsbereitschaft und auch Arbeitsscheu unterstellt, also »Defizite« zugeschrieben werden, durch die sie vermeintlich zu »Problemfällen des Arbeitsmarktes« geworden sind.

Von diesen krisengeprägten Einstellungen profitiert der Rechtspopulismus und findet gerade bei jenen ein offenes Ohr, die noch etwas zu verlieren haben. Es sind zwar auch Prekarisierte und Arbeitslose, bei denen die AfD auf Zustimmung stößt, weil sie den (berechtigten) Eindruck haben, dass ihre Interessen von keiner relevanten politischen Organisation mehr vertreten werden. Größer ist jedoch der Anteil jener, die sogar über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen, aber skeptisch in die Zukunft blicken, weil es ihnen fraglich scheint, ihren sozialen Status noch lange halten zu können.

Protestartikulation

Was ist es, das die AfD den Verunsicherten und Desorientierten anzubieten hat? Problemlösungskompetenz ist es jedenfalls am allerwenigsten – und von den meisten Wählern wird auch nicht viel Konkretes erwartet. Es gibt zwei Gruppen, die von der AfD »bedient« werden, die mal unabhängig voneinander, mal in Verbindung zueinander auftreten können. Da gibt es die sogenannten Protestwähler, die (vielleicht nur ein einziges Mal, wie das bei vielen Arbeitern² der Fall sein dürfte) für die Rechtspopulisten votieren, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Es sind Wähler, die nicht grundlos den Eindruck haben, keine politische Stimme und keine nennenswerte Interessenvertretung mehr zu haben und sich in der Vergangenheit auch sehr häufig der Wahlprozedur verweigerten. Der weltanschauliche Einfluss der AfD auf diese Sympathisantengruppe ist jedoch nicht sehr groß, wenn er auch nicht vollständig fehlt. Es gibt bei diesen Wählern zwar ausländerfeindliche und autoritäre Einstellungsmuster, doch die gibt es, wenn auch nicht ganz so häufig, auch bei den Wählern der etablierten Parteien.

Gravierender ist die Haltung der anderen Gruppe, weil sie durch die Vermittlung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, von autoritären Politikmodellen mit einer offenen Flanke zum expliziten Neofaschismus sowie auch von einem (meist noch verdeckten) Antisemitismus geprägt ist. Es werden Menschen angesprochen, die aufgrund ihrer sozialen Desorientierung und ihrer Unsicherheitserfahrungen dankbar sind, wenn ihnen Parolen und Pseudoerklärungen für eine in wachsendem Maße unverständlich werdende Welt angeboten werden. Die demagogischen Formeln und Bilder wirken umso überzeugender, je einfacher sie strukturiert sind. Typisch ist die Behauptung, dass die Flüchtlinge den Sozialstaat bedrohten. »Sozialstaat sicher. Grenzen schließen!« stand während des Bundestagswahlkampfs auf einem AfD-Plakat.

Es muss aber bei der Einschätzung solcher Beeinflussungsmaßnahmen berücksichtigt werden, dass die rechtspopulistischen Erfolge durch eine allgemeine gesellschaftliche Stimmungslage stimuliert sind, dass von den politischen Rechten in wesentlichen Teilen nur aktiviert werden kann, was an reaktionären Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und rassistischen Einstellungen schon vorhanden ist. Mit der schleichenden gesellschaftlichen Krisenentwicklung, die zu einem großen Teil unterhalb der wahrnehmbaren konjunktureller Wellenbewegungen verläuft, wurden Ressentiments, die zeitweilig nur »überdeckt« waren, wieder an die Oberfläche gespült.

Es existieren für die letzten beiden Jahrzehnte aussagekräftige Erhebungsdaten über die »Gesinnungslage der Nation«, die das dokumentieren. Rassismus, Obdachlosen- und Behindertenfeindlichkeit bewegten sich schon vorher auf einem hohen Niveau, haben sich jedoch durch den Krisendruck verschärft – und zwar in allen Gesellschaftsschichten. Deutlich wuchs vor allem der Antiislamismus unmittelbar nach der Weltwirtschaftskrise an und wies auch in den Folgejahren hohe Steigerungswerte auf: Während 2009 gut 21 Prozent der Forderung »Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden« zustimmten, waren es 2010 schon mehr als 26 Prozent. Ein ähnlicher Anstieg von 32 auf fast 39 Prozent lässt sich innerhalb dieses Zeitraums auch feststellen für die Zustimmung zu der Aussage: »Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.«

An irrationalen Alltagsorientierungen können rechte Bewegungen »anknüpfen«. Sie greifen diese Ressentiments auf und »systematisieren« sie. Von den rechten Ideologen wird dieses »Rohmaterial« zu einem System von Scheinplausibilitäten verdichtet. Entsprechende Programmatik und Propaganda greifen also nicht nur virulente Irrationalismen auf, sondern verstärken sie auch.

Orientierungsbedürfnis

Da über kritisches Wissen, selbst über ein bescheidenes Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge, nur noch eine Minderheit verfügt und die Aneignung verlässlichen Wissens ein voraussetzungsvoller Prozess ist, der Ausdauer erfordert, können sich grob vereinfachende Erklärungen unproblematisch durchsetzen. Vor allem weil sie auf ideologische Selbsttäuschungen und alltägliche Konkurrenzerfahrungen, komprimiert in einem fetischisierten Alltagsbewusstsein, aufbauen können, wie es durch die Lebenspraxis innerhalb einer marktförmigen Gesellschaft »spontan« erzeugt wird. Der in den Alltagsverhältnissen entstandene und permanent reproduzierte ideologische Schleier bringt die elementaren Widerspruchserfahrungen nicht unbedingt zum Verschwinden, jedoch bleiben ihre Vermittlungen und Ursachen meist unscharf.

Um beispielsweise zu begreifen, warum es Arbeitslosigkeit gibt, oder sich die gesellschaftlichen Armutszonen, trotz einer ökonomischen Prosperitätsentwicklung, ausbreiten, sind intellektuelle Verarbeitungs- und Vermittlungsprozesse nötig. Aber kaum eine politische Organisation bemüht sich noch in umfassender und intensiver Weise, das zu leisten, was in traditionellen sozialistischen Organisationen einmal als »Schulung« bezeichnet wurde. Auch innerhalb linker Gruppen ist ein solches Bemühen, das die Parteigänger in die Lage versetzen könnte, sich ein verlässliches Bild von den Klassen- und Sozialverhältnissen, den Ursachen von Krisen, aber auch dem »Gesicht der herrschenden Klasse« zu machen, kaum mehr vorhanden. Meist begnügt man sich sogar damit, bei diesen Anhängern nur das vorhandene Halbwissen zu bestätigen. Es müsste aber um die Schaffung von Einsichten über den Zusammenhang von Ausbeutungsstrukturen und individuellen Bedrängungserfahrungen gehen. Andernfalls findet der neoliberale Schlachtruf, dass es »keine Alternative« gebe, seine Pseudobestätigung.

Im Gegensatz zum anspruchsvollen Charakter sozialistischer Bildungs- und Weltbildarbeit, die durch das Streben geprägt ist, den gesellschaftlichen Dingen auf den Grund zu gehen, haben es rechte Gruppierungen wesentlich leichter, ihre Parolen und identitätsstiftenden Ideologien zu vermitteln, weil sie an die schon angesprochenen alltagspraktischen Selbsttäuschungen und ein ganzes Arsenal stigmatisierender Vorurteile anknüpfen können. Und ist der Adressat ihres Bemühens weltanschaulich verunsichert und orientierungslos, sorgt er sich um seinen Arbeitsplatz und hat er Angst vor dem sozialen Abstieg, bietet ihm die Rede, dass die »Ausländer« ihm seinen Arbeitsplatz streitig machen und die »Flüchtlinge den Sozialstaat bedrohen« scheinbar plausible Antworten: Auf die beängstigenden Erfahrungen antwortet ein inhaltlich zwar reduktionistisches, subjektiv jedoch überzeugendes »Interpretationsmodell«. Gerade weil sie meist simpel strukturiert sind, besitzen solche Erklärungen eine hohe Überzeugungskraft: Sie reduzieren die komplexe, oft durch ihre Undurchschaubarkeit beängstigend wirkende Welt auf einfache Muster und weisen innerhalb dieses Ordnungsrahmens allen Menschen eine klar definierte Position zu. Das kann beruhigend wirken.

Es werden Identifikationsvorgänge stimuliert, durch die Ohnmachtsgefühle kompensiert werden können. Auch wer realistischerweise seinen Platz nur in den unteren gesellschaftlichen Schichten sieht, »weiß« durch nationalistische Zurechnungen (»stolz ein Deutscher zu sein«) nicht nur, dass er irgendwo hingehört, sondern auch, dass er immer noch etwas »Besonderes« ist, denn »für die Ausgestoßenen, die den Eindruck haben, ganz am Boden angekommen zu sein, ist die Entdeckung eines weiteren, noch tieferen Bodens als der, auf den sie selbst gedrückt worden sind, eine seelenrettende Erfahrung, die ihnen ihre menschliche Würde und den Rest an Selbstachtung zurückgibt«.³ Man schottet sich durch die Abwertung und Verunglimpfung von den Fremden ab, um einen psychischen Schutzraum zu gewinnen, der den vollständigen Verfall des eigenen Selbstwertgefühls verhindert.

Psychisch und mental angeschlagene, in ihrer Identität erschütterte Menschen erhalten durch die rechten »Welterklärungen« eine Orientierung. Auch wenn sie faktisch subjektiv täuschen, sind diese »Erklärungen« für das verunsicherte Individuum von großem Wert, denn Menschen müssen sich von ihren Lebensumständen ein Bild machen, um in ihnen handelnd existieren zu können. Und auch wenn dieses Bild ein verzerrtes ist und er sich in immer neue Desorientierungen und Irrationalismen verstrickt, kann der handelnde Mensch auf Interpretationsmuster auch von bescheidener und vordergründiger Plausibilität nicht verzichten. Für das von der Krise geprägte Individuum entsteht durch die Identifikation mit den rechten Schablonen der Eindruck, in einer sonst als unverständlich erlebten Sozialwelt die Gründe für die eigene Situation »begriffen« zu haben. »Die faschistische Ideologie besteht also in dem Versprechen, kurzfristig und risikolos die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein der individuellen Existenz zu überwinden; sie gewinnt ihre besondere Überzeugungskraft dadurch, dass sie unmittelbar an Vorstellungen anknüpft, die sich spontan aus der Situation elementarer Bedrohung ergeben.«⁴

Selbststabilisierung durch Hass

Vor allem Hass dient der Restabilisierung eines angegriffenen Selbstwertgefühls und der Kompensation beschädigter Selbstachtung; Hass ermöglicht eine vorübergehende psychische Stabilisierung im Modus der Selbstermächtigung. Es gehört zur Besonderheit dieses Hasses, dass er seine kompensatorische Wirkung entfalten kann, auch wenn er noch auf kein konkretes Objekt bezogen ist. Er ist zunächst ebenso dumpf wie orientierungslos. Aber er verstärkt sich, wenn Ziele der Stigmatisierung »identifiziert« worden sind, denn erst dann entfaltet sich seine volle psychische Entlastungswirkung.

Das »Material« dieser reaktionären »Identifizierungsvorgänge« stammt aus »ungleichzeitigen« (Bloch) Bewusstseinsschichten, die sich im Rahmen individueller »Weltbildarbeit« in alltagspraktischen Zusammenhängen mit »lebensweltlichen« Vorurteilen ebenso wie mit politisch »aktivierten« Stereotypen verbinden. Diese »älteren Denk-, Affekt- und Handlungsgewohnheiten liegen unter einer dünnen Schicht aus Anpassung an die gewandelten Verhaltensimperative bereit und können in Krisenzeiten aktiviert« werden.⁵ Zu diesem »ungleichzeitigen« Vorurteilskomplex gehört auch der Antisemitismus. Die Untersuchungsergebnisse über seine Verbreitung innerhalb »entwickelter Gesellschaften« dokumentieren für die letzten Jahrzehnte ein konstantes Bild: 20 Prozent aller europäischen Bürgerinnen und Bürger weisen verfestigte antisemitische Einstellungen auf. Das gilt auch für die Bundesrepublik, in der es unabhängig von demographischen Veränderungen und konkreten politischen Ereignissen »von ihrer Gründung bis zur Gegenwart etwa 15 bis 20 Prozent Antisemit(inn)en gibt, also der Wert in der Bilanz quasi unverändert bleibt und nur die konkreten Formen antisemitischer Äußerungen variieren.«⁶

Zusammenhängende und »akzentuierte«, neuerdings als »neurechtes Weltbild« bezeichnete, reaktionäre Einstellungsmuster über den Antisemitismus hinaus werden in Deutschland von fast 30 Prozent der Bevölkerung vertreten, zu deren Spannbreite auch Verschwörungstheorien und nicht unberechtigte, aber verzerrte »Eliten-Vorbehalte« gehören. Die Verbindungen zu völkisch-nationalistischen Positionen sind aber eher verdeckt und eine Parteinahme für den terroristischen Rechtsextremismus in seinen herkömmlichen Formen ist noch die Ausnahme.

Rechte bis neofaschistische Ideologien sind mittlerweile auch das Verbindende innerhalb der AfD. Jedoch ist ein besonderes Merkmal des bundesdeutschen Populismus, dass sein Wählerpotential mit den dezidiert rechts eingestellten Bevölkerungssegmenten nicht identisch ist, auch wenn es große Schnittmengen gibt. Zwar vertreten die Parteigänger rechtspopulistischer Gruppierungen überdurchschnittlich oft rassistische bzw. fremdenfeindliche Positionen und präferieren autoritäre Politikkonzepte, jedoch korrespondieren ihre Weltbilder oft auch mit Abwertungs- und Ausgrenzungsphantasien, die mit den marktextremistischen Auffassungen des Neoliberalismus korrespondieren. Diese Einstellungsmuster fügen sich jedoch nicht automatisch zu einem geschlossenen extrem rechten Weltbild. Im ungünstigsten Falle können sie aber eine Zwischenstufe bei dessen Ausbildung und Verfestigung sein (wobei dann die politische Einflussarbeit, rechte Propaganda und faschistoide Parolen eine zentrale Rolle spielen). Der Ausbreitung weit rechts stehender Positionen wird auch dadurch Vorschub geleistet, dass sich die politischen und ideologischen Koordinaten durch den Erfolg der AfD nach rechts verschoben haben: Die rechten Auffassungen erhalten zunehmend den Status der Normalität.

Bei diesen skizzierten Prozessen gibt es keinen Automatismus: Angst und Resignation, panische Fluchtbewegungen und eine leichtfertige Bereitschaft, in menschenfeindlichen Schablonen zu denken, sind – wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen, die in einen Komplex soziokultureller Vermittlungen, biographischer Besonderheiten (Beeinflussungen durch das Elternhaus), von Machtverhältnissen, Interessenorientierungen sowie dem Charakter der politischen Auseinandersetzungen usw. eingebettet sind – mögliche, jedoch keineswegs unvermeidliche Konsequenz von Ausgrenzung und Entwurzelung. Aber es sind sozioökonomisch erzeugte Bedrängungserfahrungen, die Unsicherheitsgefühle provozieren und auch zu Existenzängsten führen können. Und hier schließt sich der Kreis, weil gesellschaftlich verursachte psychosoziale Destabilisierungen ein Einfallstor für faschistoide Propaganda sein können. Die Alternative ist jedoch nicht alleine die antifaschistische Aufklärung und der normative Appell. Sie sind notwendig, haben jedoch nur eine beschränkte Wirkung, wenn sie nicht von einer progressiven politischen Bewegung flankiert werden, die realistische Vorstellungen von der gesellschaftlichen Widerspruchsstruktur, überzeugungsfähige Zukunftsbilder und ein Bewusstsein von der Veränderbarkeit der sozialen Welt zu vermitteln in der Lage ist.

Anmerkungen

1 Vgl. (auch zum Folgenden): Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 8, Berlin 2010

2 Bei den Landtagswahlen 2016 in Sachsen-Anhalt wurde die AfD von mehr als einem Drittel der Arbeiter und Arbeitslosen gewählt. Bei der Bundestagswahl betrugen die Prozentsätze 21 bzw. 22 Prozent.

3 Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen, Berlin 2016, S. 18

4 Ute Holzkamp-Osterkamp: Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung, Berlin/DDR 1981, S. 157

5 Götz Eisenberg: Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst: Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2, Gießen 2016, S. 176

6 Samuel Salzborn: Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze, Baden-Baden 2015, S. 78