Der Tod trägt Bomberjacke

Ein Sperrstundenroman: Manja Präkels erzählt in »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß« von Menschen ohne sicheren Hafen

Von David Blum

Gab es früher in Ostdeutschland häufiger zu sehen: Nazi-Skins (die hier sind allerdings aus Hagen, NRW, Februar 2001)

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 232 Seiten, 20 Euro

Zehdenick ist eine Stadt im Norden Brandenburgs, rund sechzig Kilometer von Berlin entfernt, mit einer Geschichte, die bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückreicht. Weil der Journalist Moritz von Uslar dort drei Monate für sein Buch »Deutschboden. Ein teilnehmende Beobachtung« (erschienen 2010, verfilmt 2014) recherchierte, hat es Zehdenick vor ein paar Jahren zu landesweiter Bekanntheit gebracht, und gilt seitdem als die prototypische ostdeutsche Kleinstadt mit Rechtsradikalen, Arbeitslosen, Tussen und Prolls.

Nicht das beste Image für Zehdenick, das in blühenden Landschaften mit anderen Gemeinden um Investoren, Touristen und wer weiß noch alles konkurrieren muss. Markenbildung ist also angesagt, und so gibt es seit 2013 eben nicht nur Spremberg mit der offiziellen Zusatzbezeichnung »Perle der Lausitz«, nicht nur die »Spargelstadt« Beelitz und das »Holzschuhmacherdorf« Friedrichswalde, sondern auch Zehdenick, die »Havelstadt« an der Oberhavel. »Kein Wunder, dass unsere Nachbarn in Berlin so gerne mal der Stadt den Rücken kehren und raus aufs Land fahren«, zitiert Manja Präkels in ihrem Debütroman eine Broschüre des Landestourismusverbands, »Hofläden und Kuchen wie bei Oma, Storchenklappern und Froschquaken, Füße im Wasser und weiter Horizont. Das ist Brandenburg.«

Präkels zeichnet in »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß« ein anderes Bild. In Zehdenick, Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach der Entdeckung von Tonvorkommen groß geworden, ist nach dem Fall der Berliner Mauer schnell der Ofen aus. Gerade erst hat Helmut Kohl die »Buswartehäuschen geklaut« und durch gigantische Werbewände ersetzen lassen, da fallen schon die Schlote der VEB Ziegelwerke.

Mimi, Präkels Protagonistin, kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. Als sie Jahre später in ihre heimatliche Havelstadt zurückkehrt und mit dem alt gewordenen Hund »Biermann« (der Name bezieht sich auf »sein unablässiges Gewinsel«) im Haus der Eltern sitzt, gehen die Gedanken auf Reisen. Da hockt sie zunächst während einer Feier mit Oliver zusammen, einem Jungen aus der Nachbarschaft, und verspeist die Schnapskirschen, die sie zuvor aus der Vorratskammer seiner Mutter entwendet haben: »Die Kirschen schmeckten zwar scheußlich, aber sie waren unser Geheimnis, und darauf kam es an.« Oliver ist schweigsam und schießt manchmal auf Spatzen, dennoch begleitet Mimi den neuen Freund immer häufiger zum Angeln an die Havel. Aber spätestens mit der Wiedervereinigung geht die Freundschaft zu Bruch. Während Mimi sich als letzten Pionier sieht, als »Timur – ohne Trupp«, rasiert Oliver sich die Haare ab, zieht die Bomberjacke über und verbreitet als Anführer einer Horde glatzköpfiger »Gorillas« Angst und Schrecken – Kampfname »Hitler«.

»Alle spürten, dass sie nicht hineinpassen würden, selbst wenn einer der großen Pläne für Windkraftanlagen, Luxushotels oder Golfplätze realisiert werden sollte.« Präkels zeigt die Zusammenhänge zwischen der Deindustrialisierung der Region und dem Erstarken des Neofaschismus auf. Mimi gehört zu den »Mädchen mit kurzen und Jungs mit langen Haaren, die sich vor den Symbolen ekelten, die Stiefel fürchteten«, und sich von nun an kaum noch auf die Straße trauen. Hilfe können sie und ihre Freunde angesichts der omnipräsenten rechten Gewalt nicht erwarten: »Wie still alle geworden waren bei uns zu Hause, während sich ringsherum auf den Straßen und Plätzen das Brüllen erhob, durch nagelneue Farbfernsehgeräte in die Gehirne drang, die Augen rollen und die allerletzten Hoffnungen platzen ließ.«

2001 organisierte Manja Präkels das erste Erich-Mühsam-Fest und ist seitdem Sängerin der aus diesem Anlass gegründeten Band »Der singende Tresen«. »Sperrstundenmusik« nennt die Gruppe ihre Mischung aus Chanson, Folk und Jazz. Auch Mimi verfasst eigene Liedtexte und tanzt durch die »Wolfshöhle« (in einer brandenburgischen Gaststätte mit diesem Namen wurde 1992 der 18jährige Ingo Ludwig, dem Präkels das Buch u. a. gewidmet hat, von Rechtsradikalen erschlagen). Bier und Schnaps – nicht nur in Form eingelegter Kirschen – werden in rauhen Mengen konsumiert. Aber dieser Trost ist nicht von Dauer. Mimi geht nach Berlin und landet in Marzahn, vereinsamt in der Anonymität der Großstadt und bricht ihr Studium ab. Zurück in der mittlerweile unter konkurrierenden Banden aufgeteilten Heimatstadt wirft der Vater ihr vor, ihr Leben zu verschwenden: »Genau das wollte ich: mich verschwenden. Der Tod, das war der Klang des Weckers am Morgen. Das war der Geruch der Frisiersalons, der schönen Kleider in den Geschäften. War der kratzerlose Lack der neuen Autos überall. War das grelle Leuchten der Reklamen. Der Tod putzte jeden Morgen seine Schuhe. Er trug Bomberjacke.«

Die Havel ist ein buchtenreicher Fluss, aus ihrer Gestalt leitet sich wahrscheinlich auch ihr Name ab, der auf denselben Ursprung wie »Haff« oder »Hafen« zurückzuführen ist. »Ich bin als Fremder gekommen und als Einheimischer gegangen«, heißt es im Vorwort zu von Uslars »Deutschboden«. Mimi gelingt es zwar, sich von der Havelstadt zu lösen, sie findet auch eine Anstellung als Journalistin, aber ihre Recherche endet nie. Manja Präkels erzählt von Menschen, die ihren sicheren Hafen verloren haben.