Direkte Konfrontation droht

Nach Einnahme von Al-Bab in Nordsyrien durch türkische Truppen werden Zusammenstöße mit der syrischen Armee immer wahrscheinlicher

Von Nick Brauns

Türkische Panzer am 9. Januar auf dem Weg nach Al-Bab

Seit Ende letzter Woche kontrollieren die türkische Armee und die in der »Freien Syrischen Armee« (FSA) zusammengeschlossenen Kampfgruppen aus dem Umfeld der Al-Qaida sowie der türkischen faschistischen »Grauen Wölfe« die nordsyrische Stadt Al-Bab. Zuvor war sie von der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« gehalten worden. Vorangegangen waren rund zwei Monate erbitterter Kämpfe, bei denen die türkische Armee innerhalb weniger Tage zehn Kampfpanzer vom Typ »Leopard II« und Dutzende Soldaten verlor. Bei türkischen Luftangriffen auf Al-Bab kamen nach Angaben des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte rund 300 Zivilisten ums Leben. Zum Zeitpunkt des überraschenden Rückzuges des IS aus Al-Bab am vergangenen Donnerstag hatten die Truppen Ankaras und ihre FSA-Söldner weniger als ein Viertel der Stadt kontrolliert. Kurdische und syrische Medien spekulieren daher über ein unter Vermittlung der Vereinigten Arabischen Emirate geschlossenes Abkommen. Von türkischen Waffen- und Munitionslieferungen zur Verteidigung der IS-Hochburg Rakka ist die Rede.

Die türkische Armee war im Rahmen der Operation »Schutzschild Euphrat« am 24. August 2016 bei Dscharabulus in Nordsyrien einmarschiert, um sowohl den IS als auch die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG aus einer 5.000 Quadratkilometer großen Pufferzone westlich des Euphrat zu vertreiben. In dem Gebiet ist ein von turkmenischen Milizen kontrolliertes Protektorat der Türkei entstanden.

Der türkische Generalstabschef Hulusi Akar verkündete am Sonnabend, mit der Einnahme von Al-Bab seien die Ziele von »Schutzschild Euphrat« erreicht. Zuvor hatten allerdings der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, und Kabinettsmitglieder bereits die westlich des Euphrat gelegene Stadt Manbidsch zum nächsten Angriffsziel erklärt. Diese war im August letzten Jahres durch die kurdisch dominierten »Syrischen Demokratischen Kräften« (SDK) vom IS befreit worden. Ankara fordert seither einen Rückzug der YPG auf die Ostseite des Euphrat.

Wie die Tageszeitung Hürriyet Daily News am Sonntag unter Berufung auf hochrangige SDK-Vertreter berichtete, soll der Oberkommandierende der US-Streitkräfte im Nahen Osten, General Joseph Votel, zugesagt haben, Manbidsch vor jedem Angriff der Türkei zu schützen. Votel war am Freitag zu Gesprächen mit den SDK in die syrisch-kurdische Stadt Kobani (Ain Al-Arab) gekommen. SDK-Sprecher Tallal Sello wertete diesen ersten Besuch eines führenden Militärs nach Amtsantritt des neuen Präsidenten Donald Trump als »Bestätigung der US-Unterstützung für unsere Truppen« bei der Offensive gegen Rakka.

Regierungsvertreter aus Ankara hatten ihrerseits mehrfach gefordert, die USA sollten die Rakka-Operation nicht mit den »terroristischen YPG«, sondern mit türkischen Truppen durchführen. Um einem weiteren Vorstoß der türkischen Armee und ihrer FSA-Söldner einen Riegel vorzuschieben, ist die syrische Armee derzeit dabei, den südlich von Al-Bab nach Rakka verlaufenden »Dschihadisten-Korridor« zu schließen. Nur noch zehn Kilometer trennen die Regierungstruppen von dem Gebiet, das unter Kontrolle der auf Rakka vorrückenden SDK steht. An Al-Bab sind die syrischen Truppen bis auf drei Kilometer herangerückt. Hier droht deshalb eine direkte Konfrontation mit den FSA-Verbänden sowie deren türkischer Schutzmacht. »Wir sind an einem Punkt, an dem eine militärische Auseinandersetzung mit der türkischen Armee nicht mehr ausgeschlossen ist«, warnte daher der frühere syrische Verteidigungsminister und jetzige Minister für gesellschaftliche Übereinkunft, Ali Haydar, am Tag der türkischen Einnahme von Al-Bab. »Wir möchten keine Gefechte mit der türkischen Armee. Unser Wunsch ist es, dass sie sich nach einem politischen Dialog zurückziehen. Wir rufen Russland dazu auf, die Türkei zum Rückzug zu bewegen.« Allerdings könnte eine Ausweitung des syrischen Abenteuers im innenpolitischen Interesse Erdogans liegen. Nach aktuellen Meinungsumfragen droht ihm Mitte April eine Niederlage beim Referendum über die Einführung einer Präsidialdiktatur. »Es könnte also sein, dass der türkische Staatspräsident das Land bewusst in einen Krieg zieht, um das Referendum absagen zu können«, warnte der Journalist Seyit Evran von der kurdischen Nachrichtenagentur Firat News.