29.04.2017 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)

Der Fetisch »Identität«

Vom Korsett zur Zwangsjacke: Die neuen alten Techniken der Demagogen

Helmut Dahmer

»Identität« ist einer der schwierigen Kernbegriffe der Philosophie. Im philosophischen wie im Alltagssprachgebrauch meint er »Selbigkeit«. Wir behandeln Dinge, Tiere, Pflanzen, uns selbst und andere Menschen, als wären sie mit sich, als wären wir mit uns »identisch«, als blieben wir also unabhängig von der Zeit stets dieselben. Dem ist natürlich nicht so, weil Menschen und Dinge sich unablässig ändern, auch wenn wir das nicht bemerken oder nicht wahrhaben wollen. Auf die Menschen, auf uns selbst und auf die Dinge, mit denen wir umgehen, auf die Waren und ihren Wert wollen wir uns verlassen, wir wollen mit ihnen rechnen können. Darum behandeln wir sie, als wären sie der permanenten Veränderung, dem Wandel entzogen, als blieben sie für immer sich selbst gleich.

Identität ist, näher besehen, das Resultat eines Identifizierungsprozesses, der der Wahrnehmung von Veränderungen entgegenarbeitet, sie nicht aufzuheben vermag, sie aber zu ignorieren sucht. Im Strom ...

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