08.07.2011 / Feuilleton / Seite 12

Eine Unterkühlung

Kunst als empirische Sozialforschung: Eine Ausstellung in Berlin

Matthias Reichelt
Die Welt wird von Tag zu Tag komplizierter. Um den Geheimnissen des Alltags auf die Spur zu kommen, bedarf es einer gewissen Beobachtungsgabe, eines starken Willens zur Erkenntnis und einigen Fleißes. Ein ernstzunehmender Dokumentarist betreibt Wissenschaft, Empirie. Horst Ademeit (1937–2010) hat seine unmittelbare Umwelt mit großer Akribie erforscht. Ende der 80er Jahre bezog der ausgebildete Künstler eine Sozialwohnung im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. In den folgenden 14 Jahren hielt er auf 6006 Polaroids alles fest, was ihm auffällig und registrierenswert erschien: Schaufensterauslagen, Meßgeräte, auf der Straße abgestellte Fahrräder oder Einkaufswagen.

Ademeit arbeitete als Feinmechaniker, bevor er 1964 an die Werkkunstschule in Köln kam. Kurzzeitig gehörte er zur Beuys-Klasse in Düsseldorf. In den 70ern absolvierte er ein Pädagogikstudium. Statt Lehrer wurde er arbeitslos. Seine Sozialhilfe besserte er mit Schwarzarbeit (Renovierungen) auf....

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