23.01.2009 / Feuilleton / Seite 12

Die Kartei des Widerstands

Schröder & Kalender. Erinnerungen an eine oberschwäbische Versandbuchhandlung

Jörg Schröder/Barbara Kalender
Mitte der Sechziger gab ich ein kurzes Gastspiel bei dem Buchhändler Josef Rieck in Aulendorf. Eigentlich hatte er in den Benediktinerorden eintreten wollen, aber dann heiratete er und gründete mit seiner Frau eine Versandbuchhandlung in Oberschwaben. Die beiden boten auf einem doppelseitig eng beschriebenen Blatt holzhaltigen Saugpostpapiers monatlich einige Titel an, von denen sie überzeugt waren. Den Kundenstamm hatten sie sich durch einspaltige kleine Textanzeigen in der Frankfurter Zeitung erworben, dem später nationalsozialistisch gleichgeschalteten Intelligenzblatt.

Dieser verhinderte Mönch mit kommunistischer Frau aus Berlin betrieb eine Versandbuchhandlung des Widerstands: Sie verkauften keine verbotenen Schriftsteller – das hätten die Nazis sofort unterbunden –, vielmehr boten sie geisteswissenschaftliche, theologische, kulturhistorische Werke an, auch literarische, die »wesenhafte Erkenntnisse« enthielten. Beispielsweise eine dreibändige Novali...

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