06.02.2016 / Wochenendbeilage / Seite 1 (Beilage)

»Die ›Hartz‹-Reformen stellen einen epochalen Bruch dar«

Gespräch. Mit Michael Hirsch. Über den Fetisch der Vollbeschäftigung, die Umwandlung des Sozialstaats und Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt

Reinhard Jellen

Im Titel Ihres 2015 erschienenen Buches ist von einer »Überwindung der Arbeitsgesellschaft« die Rede. Was genau verstehen Sie unter diesem Begriff ?

Es handelt sich dabei um eine kapitalistisch und staatlich organisierte Gesellschaftsform, die auf einem platonischen Sozial­modell beruht: auf dem Prinzip »Jedem das Seine«. Das entsprechende Gesetz lautet: Vollzeitbeschäftigung in Erwerbsarbeit zum einen; zum anderen die primäre Definition der sozialen Identität des Menschen durch seine Stellung im Erwerbsprozess. Er wird also mit seinem »Platz« in der sozialen Arbeitsteilung einer Erwerbsgesellschaft identifiziert, und soll sich selbst mit ihr identifizieren. Und er verliert diesen Platz, wenn er keine Arbeit hat. Der Volksmund wiederholt genau das Beispiel, das Plato zur Erklärung des Kerns seines Sozialmodells anführt: »Schuster bleib bei deinem Leisten.« Das kulturelle Primat der Erwerbsarbeit ist sozusagen der metaphysische Kern der Arbeitsgesellschaft.

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