Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. Juni 2020, Nr. 130
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05.09.2015 / Wochenendbeilage / Seite 1 (Beilage)

»Es gibt die Tendenz, den Fetisch selbst zu fetischisieren«

Gespräch mit Karl Reitter. Über die Mängel der »neuen Marx-Lektüre« und das politische Selbstverständnis der Klassiker

Reinhard Jellen

Was ist der Kerngedanke bei Karl Marx?

Um es in einem Satz zu sagen: Es geht Marx darum, in der sozialen und ökonomischen Entwicklung jene Elemente ausfindig zu manchen, die eine befreite Gesellschaft ermöglichen. Das wesentlichste Moment scheint mir die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit zu sein. Diese lässt sich nicht auf Technik, Naturwissenschaft oder Kommunikationsstrukturen beschränken. Produktivkräfte sind keine Dinge, sondern die Fähigkeiten des vergesellschafteten Menschen, die sich in Dingen materialisieren. Exakt diese Betrachtungsweise nennt Marx auch wissenschaftlich.

Was heißt das?

Es bedeutet, in der Dynamik der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung eben die Momente der Befreiung zu erkennen. In wenigen Formulierungen lässt sich Marx zu einem gewissen Determinismus verleiten, indem er die Überwindung des Kapitalismus als objektives Gesetz postuliert. Oftmals wird mit der Kritik am Determinismus zugleich der Kerngedanke, den ic...

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