08.01.2015 / Inland / Seite 8

»Antifagruppen können in die Gesellschaft hineinwirken«

LL-Demo in Berlin: Block gegen Rassismus soll zeigen, dass Antifaschismus aktuell bleibt. Gespräch mit Christian Schwartz

Johannes Supe

Christian Schwartz ist Mitglied der North East Antifascists (NEA), die zum Antifablock auf der LL-Demonstration aufrufen

Und täglich grüßen Liebknecht und Luxemburg: Ihre Gruppe ruft zu einem Antifablock auf der Demonstration am Sonntag in Berlin auf. Ist der neben all den anderen Blöcken noch notwendig?
Gerade jetzt braucht es ihn. Seit einiger Zeit sehen wir Auflösungstendenzen in der antifaschistischen Bewegung. Bekannte Gruppen aus dem Bundesgebiet, etwa die Autonome Antifa Frankfurt, die Antifaschistische Linke Berlin oder die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin, ARAB, haben sich aufgelöst oder gehen in bundesweite Strukturen über. Medial wird deswegen behauptet, die Antifa sei ein Relikt aus alter Zeit. Eine Bedrohung durch Nazis soll es angeblich nicht mehr geben.
Doch die Antifa hat sich nicht überlebt. Das Aufkommen des NSU-Komplexes, die rassistischen Aufmärsche und natürlich die AfD zeigen doch: Es gibt eine dringende Notwendigkeit für antifaschistische Praxis und Theorie. Unser Motto »Totgesagte leben länger« haben wir also schon ganz bewusst gewählt.
Ist es unter den Bedingungen »business as usual« gewesen, einen Antifablock auf die Beine zu stellen?
Es ist nun das zweite Jahr, in dem wir einen organisiert haben, im letzten Jahr allerdings als Antiautoritären Block. Spannend war das schon beim ersten Mal, doch jetzt merken wir, dass in der Linken bundesweit über die Antifabewegung gesprochen wird. Nicht nur in Berlin wird diskutiert, sondern auch aus Göttingen oder München kamen Reaktion auf das Ende einiger Gruppen. Darin sehen wir auch eine Chance für die Bewegung. Natürlich hoffen wir auch auf noch mehr Beteiligung als zuletzt, wo gut 500 Menschen mit uns liefen.
Auf der anderen Seite der Barrikade sind es zuletzt mehr geworden: Die Dresdner Pediga-Aufmärsche konnten zuletzt 18.000 Menschen mobilisieren. Was bedeutet das für den Antifaschismus?
Das Erstarken dieser Bewegung ist natürlich gefährlich. Rassistische Stimmungen gab es in Deutschland schon immer, doch beispielsweise mit Pediga gibt es nun die Möglichkeit, sie fernab von der Parteienpolitik kundzutun. Gleichzeitig bereiten bestimmte Parteien den Nährboden dafür vor, dass sich die »Bürger« überhaupt auf die Straße trauen. So etwa in Berlin, wo Frank Henkel, der Innensenator Berlins, zuerst die Proteste von Flüchtlingen diskreditierte. Später kamen dann die rassistischen »Proteste« in Marzahn, Hellersdorf, Köpenick und Falkenberg dazu.
Rosa Luxemburg meinte, nichts sei revolutionärer, als zu erkennen und auszusprechen, was ist. Dem stimmen wir zu, darum sagen wir den Menschen: Es ist falsch, aus rassistischen Gründen auf die Straße zu gehen. Wir wollen nicht die Diskussion mit diesen Leuten suchen, sondern klar aufzeigen, dass sie rassistisch sind. Das haben wir erkannt, und das werden wir auch entsprechend äußern.
Dafür müssten Sie zunächst gehört werden, oder, wie es in Ihrem Aufruf heißt, aus der »gesellschaftlichen Isolation« der Linken ausbrechen. Kann die Demonstration dazu beitragen?
Mit der Liebknecht-Luxemburg-Demo sehen wir die Möglichkeit, uns zumindest an einem Tag Gehör zu verschaffen und unsere antiautoritären Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Am Ende wird es aber darum gehen, nicht nur an dem Wochenende aktiv zu sein, sondern in den aktuellen sozialen Kämpfen mitzustreiten.
Welche haben Sie da im Sinn? Momentan beläuft sich der Antifaschismus ja häufig auf Abwehrschlachten gegen rechts.
Die müssen auch geführt werden, schon um eine Basis zu schaffen, die für andere Kämpfe notwendig ist. Aber wir sind auch in stadtpolitischen Bündnissen aktiv. Da sehen wir die Chance, den Kiez, die Stadt zu organisieren. Und wenn wir vermitteln zu können, dass Zwangsräumungen oder rassistische Kontrollen nicht hingenommen werden müssen, dann lassen sich auch die Leute zusammenbringen. Denn gerade bei diesen Themen zeigt sich, dass unterschiedliche Initiativen doch miteinander in Kontakt treten können, etwa um eine Zwangsräumung zu verhindern – und plötzlich lassen sich Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft aufzeigen. So kann auch eine Antifagruppe in die Gesellschaft hineinwirken.
Noch mal zum 11. Januar: Das beste Ergebnis aus Ihrer Sicht?
Ein großer, kräftiger, lautstarker, entschlossener Antifablock, irgend etwas mit vielen Adjektiven, Hauptsache wir bekommen einen Beitrag in der Abendschau! (lacht) Das beste Resultat wäre sicher wieder ein Block mit großer Ausstrahlungskraft, der zeigt: Die Antifaschistische Aktion ist nicht tot.

Liebknecht-Luxemburg-Demon...


Ein großer, kräftiger, lautstarker, entschlossener Antifablock, irgend etwas mit vielen Adjektiven, Hauptsache wir bekommen einen Beitrag in der Abendschau! (lacht) Das beste Resultat wäre sicher wieder ein Block mit großer Ausstrahlungskraft, der zeigt: Die Antifaschistische Aktion ist nicht tot.
Die müssen auch geführt werden, schon um eine Basis zu schaffen, die für andere Kämpfe notwendig ist. Aber wir sind auch in stadtpolitischen Bündnissen aktiv. Da sehen wir die Chance, den Kiez, die Stadt zu organisieren. Und wenn wir vermitteln zu können, dass Zwangsräumungen oder rassistische Kontrollen nicht hingenommen werden müssen, dann lassen sich auch die Leute zusammenbringen. Denn gerade bei diesen Themen zeigt sich, dass unterschiedliche Initiativen doch miteinander in Kontakt treten können, etwa um eine Zwangsräumung zu verhindern – und plötzlich lassen sich Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft aufzeigen. So kann auch eine Antifagruppe in die Gesellschaft hineinwirken.

Mit der Liebknecht-Luxemburg-Demo sehen wir die Möglichkeit, uns zumindest an einem Tag Gehör zu verschaffen und unsere antiautoritären Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Am Ende wird es aber darum gehen, nicht nur an dem Wochenende aktiv zu sein, sondern in den aktuellen sozialen Kämpfen mitzustreiten.

Das Erstarken dieser Bewegung ist natürlich gefährlich. Rassistische Stimmungen gab es in Deutschland schon immer, doch beispielsweise mit Pediga gibt es nun die Möglichkeit, sie fernab von der Parteienpolitik kundzutun. Gleichzeitig bereiten bestimmte Parteien den Nährboden dafür vor, dass sich die »Bürger« überhaupt auf die Straße trauen. So etwa in Berlin, wo Frank Henkel, der Innensenator Berlins, zuerst die Proteste von Flüchtlingen diskreditierte. Später kamen dann die rassistischen »Proteste« in Marzahn, Hellersdorf, Köpenick und Falkenberg dazu.
Rosa Luxemburg meinte, nichts sei revolutionärer, als zu erkennen und auszusprechen, was ist. Dem stimmen wir zu, darum sagen wir den Menschen: Es ist falsch, aus rassistischen Gründen auf die Straße zu gehen. Wir wollen nicht die Diskussion mit diesen Leuten suchen, sondern klar aufzeigen, dass sie rassistisch sind. Das haben wir erkannt, und das werden wir auch entsprechend äußern.

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