04.09.2014 / Schwerpunkt / Seite 3

Keine Beweise

Offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ehemalige Mitarbeiter der US-Geheimdienste warnen davor, Behauptungen über eine »russische Invasion« in der Ukraine Glauben zu schenken

Alarmiert durch die antirussische Hysterie, von der das offizielle Washington erfaßt ist, veröffentlichten ehemalige US-Geheimdienstler am 31. August mit Blick auf den am heutigen Donnerstag beginnenden NATO-Gipfel in Wales einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Wir, die Unterzeichner, sind ehemalige langjährige Mitarbeiter der US-Geheimdienste. Wir machen diesen ungewöhnlichen Schritt, Ihnen einen offenen Brief zu schreiben, um sicherzustellen, daß wir Ihnen unsere Ansichten vor dem vom 4. bis 5. September stattfindenden NATO-Gipfel darlegen können. Sie müssen beispielsweise wissen, daß die Vorwürfe einer großangelegten russischen »Invasion« in der Ukraine nicht durch zuverlässige nachrichtendienstliche Daten gestützt werden. Vielmehr scheinen die »nachrichtendienstlichen Daten« von der gleichen dubiosen, politisch »fixierten« Art zu sein wie jene vor zwölf Jahren, mit denen der von den USA angeführte Angriff gegen den Irak »gerechtfertigt« wurde. Wir konnten damals im Irak keine überzeugenden Beweise über Massenvernichtungswaffen finden; genausowenig können wir heute überzeugende Beweise für eine russische Invasion erkennen. Eingedenk der dürftigen Beweislage hat sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder vor zwölf Jahren geweigert, an dem Angriff gegen den Irak teilzunehmen. Unserer Meinung nach sollten Sie gegenüber den aktuellen Vorwürfen des US-Außenministeriums und der NATO-Offiziellen gleichermaßen mißtrauisch sein. (…)

Vor allem wegen der wachsenden Bedeutung nachrichtendienstlicher Daten, die wir für fadenscheinig halten, und dem offensichtlichen Vertrauen auf diese denken wir, daß die Möglichkeit der Eskalation von Feindseligkeiten über die Grenzen der Ukraine hinaus in den letzten Tagen zugenommen hat. Wir sind überzeugt, daß eine solche durch vernünftige Skepsis abgewendet werden kann.

Wer einmal lügt …

Wir hoffen, daß Ihre Berater Sie an die unsaubere Weste von NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in Sachen Glaubwürdigkeit erinnert haben. Es scheint uns, daß Rasmussens Reden weiterhin in Washington verfaßt werden. Das war einen Tag vor dem US-geführten Einmarsch in den Irak mehr als deutlich, als er in seiner Funktion als dänischer Ministerpräsident vor dem Parlament erklärte: »Irak verfügt über Massenvernichtungswaffen. Das glauben wir nicht nur. Das wissen wir.«

Fotos können mehr sagen als tausend Wörter; sie können aber auch täuschen. Wir verfügen über lange Erfahrungen im Sammeln und Auswerten von nachrichtendienstlichen Daten. Es gen...

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