22.07.2014 / Ansichten / Seite 8

Von Russen und Ratten

Chauvinismus in deutschen Medien

Arnold Schölzel
Von Arnold Schölzel


Die bundesdeutsche »Elite« rülpst wieder »LTI – Lingua Tertii Imperii – Die Sprache des Dritten Reiches«, wie sie Victor Klemperer in seinem 1947 erstmals beim Aufbau-Verlag erschienenen »Notizbuch eines Philologen« festgehalten hat. Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradios am Montag in Bild: »Nur Zwangsmaßnahmen, die unerbittlich die Lebensstränge von Rußlands Wirtschaft mit dem Westen kappen, werden wirken.« Klemperer schrieb seinerzeit von »Sprachgeschossen« der Nazi-Rhetorik, die montiert seien aus »brutal, radikal, rücksichtslos, restlos, gnadenlos, unabänderlich, unerbittlich, unerschütterlich, unmißverständlich« mit »zuschlagen, durchgreifen, ausrotten, vernichten, abrechnen, zertrümmern«, alles mit »eiserner Entschlossenheit, tödlichem Ernst, äußerster Härte«. Beim Vokabular kann Elitz also noch zulegen, die großdeutsche Diktion hat er drauf. So etwas hat 15 Jahre die bundesweite öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt geleitet. Die ist entsprechend.

Friedrich Schmidt steht dem in der FAZ am selben Tag nicht nach und notiert: Im März »erinnerte man sich in Rußland an eine Kindheitserinnerung Putins, dem eine Ratte imponiert hatte, die in eine Ecke gedrängt war und mit dem Mut der Verzweiflung zum Angriff überging«. Das »man« äußerte sich seinerzeit in diversen deutschen Gazetten und weniger in Rußland. Aber auf die Rattenpsyche des Kremlherrschers lassen sich die vornehmen Frankfurter lieber nur auf dem Umweg ein. Der Zweck ist so besser erfüllt als wenn FAZ-Schmidt rausposaunt: Der Putin macht seine Politik aus Rattenmut vor Verzweiflung.

Und auch Springers Welt bleibt da nur verbal zurück. Kommentar am Montag auf Seite eins: »Europa, zeig endlich Zähne!«. Im Text heißt es: David Cameron, François Hollande und Angela Merkel wollten die Sanktionen gegen Rußland verschärfen: »Das ist wohl die einzige Sprache, die der raffinierte Ideologe Putin versteht«.

Mediengewäsch? Es ist die Unisonoausdrucksweise einer Fraktion, die ihre Machtbesoffenheit auch auf internationalem Parkett austoben will. Im Osten Europas ist wieder etwas zu holen, und anders als bei den beiden Versuchen des 20. Jahrhunderts sind USA, Frankreich, Großbritannien und andere scharf auf gemeinsame Beuteteilung. Da kann Elitz schon mal in Nazijargon verfallen, der ist in Warschau, Tallin, Riga, Wilnius und Kiew ohnehin der Sound der Saison – von »Untermenschen« (Kiews Regierungs­chef) bis »Wir wissen, daß das Raubtier durch das Fressen immer mehr Appetit bekommt« (Polens Außenminister) mit Blick auf Russen und »Prorussen«.

Innenpolitisch diktierte dieser Trupp bereits dies und das, z.B. wer Bundespräsident wird. Ein Anruf von Springers Vorstandschef Mathias Döpfner genügte, wie Christian Wulff ausplaudert, um Joachim Gauck zum Präsidenten zu machen. Der sogenannte höchste Repräsentant eine Figur von Springers Gnaden – das macht einfach Appetit auf mehr.


Die bundesdeutsche »Elite« rülpst wieder »LTI – Lingua Tertii Imperii – Die Sprache des Dritten Reiches«, wie sie Victor Klemperer in seinem 1947 erstmals beim Aufbau-Verlag erschienenen »Notizbuch eines Philologen« festgehalten hat. Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradios am Montag in Bild: »Nur Zwangsmaßnahmen, die unerbittlich die Lebensstränge von Rußlands Wirtschaft mit dem Westen kappen, werden wirken.« Klemperer schrieb seinerzeit von »Sprachgeschossen« der Nazi-Rhetorik, die montiert seien aus »brutal, radikal, rücksichtslos, restlos, gnadenlos, unabänderlich, unerbittlich, unerschütterlich, unmißverständlich« mit »zuschlagen, durchgreifen, ausrotten, vernichten, abrechnen, zertrümmern«, alles mit »eiserner Entschlossenheit, tödlichem Ernst, äußerster Härte«. Beim Vokabular kann Elitz also noch zulegen, die großdeutsche Diktion hat er drauf. So etwas hat 15 Jahre die bundesweite öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt geleitet. Die ist entsprechend.

Friedrich Schmidt steht dem in der FAZ am selben Tag nicht nach und notiert: Im März »erinnerte man sich in Rußland an eine Kindheitserinnerung Putins, dem eine Ratte imponiert hatte, die in eine Ecke gedrängt war und mit dem Mut der Verzweiflung zum Angriff überging«. Das »man« äußerte sich seinerzeit in diversen deutschen Gazetten und weniger in Rußland. Aber auf die Rattenpsyche des Kremlherrschers lassen sich die vornehmen Frankfurter lieber nur auf dem Umweg ein. Der Zweck ist so besser erfüllt als wenn FAZ-Schmidt rausposaunt: Der Putin macht seine Politik aus Rattenmut vor Verzweiflung.

Und auch Springers Welt bleibt da nur verbal zurück. Kommentar am Montag auf Seite eins: »Europa, zeig endlich Zähne!«. Im Text heißt es: David Cameron, François Hollande und Angela Merkel wollten die Sanktionen gegen Rußland verschärfen: »Das ist wohl die einzige Sprache, die der raffinierte Ideologe Putin versteht«.

Mediengewäsch? Es ist die Unisonoausdrucksweise einer Fraktion, die ihre Machtbesoffenheit auch auf internationalem Parkett austoben will. Im Osten Europas ist wieder etwas zu holen, und anders als bei den beiden Versuchen des 20. Jahrhunderts sind USA, Frankreich, Großbritannien und andere scharf auf gemeinsame Beuteteilung. Da kann Elitz schon mal in Nazijargon verfallen, der ist in Warschau, Tallin, Riga, Wilnius und Kiew ohnehin der Sound der Saison – von »Untermenschen« (Kiews Regierungs­chef) bis »Wir wissen, daß das Raubtier durch das Fressen immer mehr Appetit bekommt« (Polens Außenminister) mit Blick auf Russen und »Prorussen«.

Innenpolitisch diktierte dieser Trupp bereits dies und das, z.B. wer Bundespräsident wird. Ein Anruf von Springers Vorstandschef Mathias Döpfner genügte, wie Christian Wulff ausplaudert, um Joachim Gauck zum Präsidenten zu machen. Der sogenannte höchste Repräsentant eine Figur von Springers Gnaden – das macht einfach Appetit auf mehr.

Artikel-Länge: 3345 Zeichen

Willkommen bei der Tageszeitung junge Welt

Zum Aufrufen dieser Seite ist ein Onlineabo erforderlich.

Bitte einloggen

Hilfe und Informationen

Abo abschließen

Welche Vorteile bietet ein Onlineabo?

  • Zugriff auf das Archiv seit 1997, alle Artikel und Recherchewerkzeuge.
  • E-Mail-Abo im Text-, HTML- oder E-Pub-Format.
  • Zugriff auf Seiten im PDF-Format.
  • Verwalten eigener Lesezeichen.

Zur aktuellen Ausgabe