01.03.2014 / Feuilleton / Seite 13

Lenin in der Straßenbahn

Geschichte wird von den Siegern gemacht, aber nicht finanziert: Ein Film über die FDJ-Hochschule »Wilhelm Pieck« aus Finnland

Christof Meueler
Wo sind wir jetzt? Seele versetzt, Herzen verkauft,
ich halt’s nicht mehr aus!
Ton Steine Scherben, 1983


Das Lied »El Pueblo Unido« kostet 10000 Dollar die Minute, will man es in einem Film verwenden. Die Rechte liegen beim Musikverlag Schott in Mainz. Nur die für die Komposition. Möchte man »El Pueblo Unido«, gesungen von Inti Illimani oder Quilapayún, wird es noch teurer.

Geschichte muß man sich leisten können. Zum Beispiel den Satz »Geschichte wird von den Siegern gemacht«. Den wollten MDR und RBB nicht in einem Dokumentarfilm dulden, der von der FDJ-Jugendhochschule »Wilhelm ­Pieck« am Bogensee handelt. Weil sie nicht darauf verzichten wollte, bekam die finnische Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen vom deutschen Fernsehen kein Geld für ihren Film »Comrade where are you today?«

Der offizielle Vorwurf lautete, sie orientiere sich zu wenig an der »deutsch-deutschen Geschichte«. Warum sollte sie? Sie war ja damals aus Finnland in den Wald von Wandlitz bei Berlin gekommen, um am Bogensee für ein Jahr zu studieren – im vorletzten Jahrgang, 1988/89. Der letzte wurde im Februar 1990, noch unter der Regierung Modrow, abgebrochen. Die Hochschule wurde »abgewickelt«, wie man damals so sagte.

Wer an der »Wilhelm Pieck« studierte, wurde anschließend FDJ-Sekretär in den Betriebs-, Kreis- oder Bezirksleitungen oder arbeitete für den FDJ-Zentralrat. Es sei denn, man kam aus dem Ausland, wie ungefähr die Hälfte von den 400 Studenten eines Jahrgangs. Liimatainen lernte »Jugendfreunde«, wie es offiziell hieß, aus dem Irak, Afghanistan, Libanon, Südafrika, Bolivien oder Jemen kennen. Manche hat sie für ihren Film besucht.

Aus Finnland kam mit ihr noch ein Genosse, in den 70er Jahren waren es noch 30, 40 gewesen. Die beiden bekamen wie alle Ausländer einen Dolmetscher, um dem deutschen Unterricht folgen zu können. Die Umgangssprache war Englisch.

Liimatainens Großeltern mütterlicherseits waren Kommunisten aus Pispala, dem »roten Viertel« von Tampere, der drittgrößten Stadt Finnlands. Auch wenn sie nicht in der Partei war, empfand ihre Mutter das Ende des Realsozialismus als Trauma, sie fühlte sich auf diffuse Weise angeklagt. Das gilt anscheinend auch für viele ehemalige Kommilitonen von Liimatainen. Die wenigsten wollten über diese Zeit sprechen, schon gar nicht vor der Kamera.

Dabei muß es ganz schön gewesen sein. Vormittags war Unterricht, danach Theatergruppe oder Frauenfußball, beispielsweise. Verglichen mit der »Karl Marx«, der Parteihochschule der SED in Berlin-Mitte, wo man sich gegenseitig streng beäugte, galt die »Wilhelm Pieck« als tendenziell liberale Institution, mit hedonistischen Möglichkeiten. Auch wenn man dies bei Unterrichtsfächern wie »Wissenschaftlicher Kommunismus« oder »Politische Ökonomie« nicht vermuten würde. Hier studierten junge Männer und Frauen, ungefähr 19 bis 21 Jahre alt, mit viel Party-Energie. Dafür war die FDJ ja sowieso zuständig. Der Campus der »Wilhelm Pieck« war wie eine kleine Welt, in der alles da war (Post, Restaurant, Buchladen, Studentenwohnheim), das hatte stellenweise auch etwas von einer »Rock’n’Roll Highschool«, wie in der gleichnamigen US-Teenie-Komödie von 1979.

Natürlich war das hier viel ernster. Das Gelände der Hochschule war von einem Zaun umgeben, dessen Abschreiten zu einem mittellangen Spaziergang wurde. Wer rein oder raus wollte, wurde kontrolliert. Verborgen bleiben sollten nicht nur die Autos der hier studierenden SDAJler aus dem kapitalistischen Ausland Bundesrepublik. Ein Land, in dem Staatsfeinde zwar behindert, aber nicht umgebracht wurden. Als der letzte Jahrgang der Hochschule, der von 89/90, von Kurt Hager per Vorlesung begrüßt wurde, gedachte man zweier Hochschüler vom ANC aus dem Jahrgang zuvor. Die waren nach der Landung in Südafrika aus dem Flugzeug geholt und erschossen worden.

In vielen Staaten war es lebensgefährlich, Kommunist zu sein. Aus diesem Grund gibt es kaum Fotos und Filme von den ausländischen Hochschülern, die in der »Wilhelm Pieck« mit Decknamen ausgestattet waren. Liimatainen erinnert sich, wie ihr die Südafrikaner sagten, für den ANC sei die DDR »das sicherste Land der Welt«. Der Ärger über die als zu starr und stumpf empfundene DDR, der Liimatainen entgegenschlug, wenn sie am Wochenende nach Ostberlin zu schwul-lesbischen Freunden fuhr, erschien den ANClern wie ein Luxusproblem. Daß Liimatainen in der Straßembahn Lenin las, wirkte wiederum auf ihre Freunde weltfremd. Es ist dieser Spagat, der sie interessiert. Weil sich so wenige filmen lassen wollten, erzählt sie mit »Comrade where are you?« ihre eigene Geschichte. Zwangsweise als Low-Budget-Film – um Spenden wird gebeten.

1989 ging Liimatainen zurück nach Finnland und wurde Schauspielerin. Weil ihr die Fernsehserien, in denen sie dann spielte, zu blöd vorkamen, kehrte sie nach Deutschland zurück, um in Potsdam-Babelsberg als Filmregisseurin ausgebildet zu werden. Heute wohnt sie in Berlin-Pankow. Das Gelände der »Wilhelm Pieck« steht seit 1999 leer. Viele ihrer Kommilitonen sehen sich »irgendwie als Kommunisten, im tiefen Inneren«, sagt sie.

Spenden für »Comrade where are you today?« im Internet (bis Sonntag 23.59 Uhr) unter www.startnext.de/comrade

Und ganz normal bei der Postbank unter Ilanga Films, Konto: 20529101, BLZ 10010010

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