10.04.2013 / Thema / Seite 10

»Lustvolle Blutrünstigkeit«

Dokumentation. Stellungnahme des US-Soldaten Bradley Manning in einer Anhörung vom 28. Februar 2013. Das Pentagon will den »Whistleblower« als »Terrorhelfer« verurteilt sehen

jW veröffentlicht Auszüge einer 35seitigen Einlassung des Obergefreiten Bradley Manning, gegen den ein US-Militärgericht in Fort Meade/Maryland, verhandelt, weil er der Enthüllungsplattform Wikileaks Dokumente aus Datenbanken der US-Armee zur Veröffentlichung zugespielt haben soll. Mit seiner am 28. Februar 2013 vorgetragenen Stellungnahme bekennt sich der Nachrichtenanalyst dazu, »Whistleblower« aus Überzeugung zu sein, um Kriegsverbrechen aufzudecken. In den Hauptanklagepunkten »Unterstützung des Feindes« und »Spionage« erklärt er sich jedoch durch sein Bekenntnis faktisch für »nicht schuldig«. Heute beginnt die 13. Sitzungsperiode der Anhörungen, mit denen seit Dezember 2011 die Hauptverhandlung »United States gegen Obergefreiten Bradley E. Manning« vorbereitet wird. Sie wird voraussichtlich am 3. Juni eröffnet, wenn für den Ende Mai 2010 in Bagdad verhafteten US-Soldat das vierte Jahr seiner Untersuchungshaft beginnt.

Ich bin ein 25jähriger Obergefreiter der Armee der Vereinigten Staaten. Derzeit bin ich dem Hauptquartier US Army Garrison – USAG, Joint Base Myer, Henderson Hall, Fort Myer/Virginia, unterstellt. Vor dieser Zuweisung war ich dem 2nd Brigade Combat Team, 10th Mountain Division in Fort Drum, New York, unterstellt. Meine militärische Spezialisierung: Nachrichtenanalyst. Ich trat am 2. Oktober 2007 in den aktiven Militärdienst ein. Meine Dienstverpflichtung erfolgte in der Hoffnung, reale Erfahrungen zu machen und auf der Basis des GI-Gesetzes1 die Voraussetzungen für ein College-Stipendium zu erwerben.

Der Grund dafür, daß ich der WLO (Wikileaks Organization) auf IRC2 folgte, war Neugier. (…) Ich wollte wissen, wie die Organisation strukturiert ist und wie sie an ihre Daten kommt. Die von mir verfolgten Chats waren normalerweise technischer Natur. Bei Themen, die der jeweiligen Person ein besonderes Anliegen waren, gingen sie manchmal in eine lebhafte Debatte über. Nach einer Zeit der Beobachtung habe ich mich direkt an diesen Diskussionen beteiligt, vor allem, wenn es um geopolitische Ereignisse und Themen der Informationstechnologie, wie Networking und Verschlüsselungsmethoden, ging. Nach meinem Eindruck wurden die WLO-Diskussionen eher akademisch geführt. (…)

Nachdem ich beschlossen hatte, die SigActs3 der Presse zu übergeben, rief ich zunächst die Washington Post an und sprach mit einer Reporterin. Ich fragte sie, ob die Washington Post interessiert sei, Informationen zu bekommen, die von enormem Wert für die amerikanische Öffentlichkeit seien. Obwohl wir etwa fünf Minuten über den allgemeinen Informationsgehalt des Materials sprachen, glaube ich nicht, daß sie mich ernst nahm. Sie sagte, die Washington Post könnte eventuell interessiert sein, solche Entscheidungen würden aber erst nach Einsicht in die von mir angebotenen Informationen getroffen und nachdem die leitenden Redakteure sie geprüft hätten.

Daraufhin kontaktierte ich die größte und bekannteste Zeitung, die New York Times. Ich rief die offizielle Redaktionsnummer ihrer Website an. Dort meldete sich nur der Anrufbeantworter. (…) Ich hinterließ eine Nachricht, daß ich Zugang zu sehr wichtigen Informationen über Irak und Afghanistan hätte. Obwohl ich meine Skype-Telefonnummer und meine persönliche E-Mail-Adresse hinterließ, erhielt ich jedoch nie eine Antwort von der New York Times. Nach diesen Fehlschlägen beschloß ich, das Material an die WLO weiterzugeben. Ich war allerdings nicht sicher, ob die WLO wirklich die SigAct-Daten veröffentlichen würde. Ich befürchtete, daß sie von den amerikanischen Medien nicht beachtet würden. Trotzdem schien die WLO nach allem, was ich während meiner Recherchen gelesen hatte, in meiner Reichweite das beste Medium zur weltweiten Veröffentlichung dieser Informationen zu sein.

»Kriegspornographie«

Als Anal...

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