14.11.2012 / Medien / Seite 2

»Mit dieser Insolvenz geht eine Ära zu Ende«

Die Frankfurter Rundschau steht vor dem Aus, die berufliche Zukunft der Mitarbeiter ist ungewiß. Ein Gespräch mit Wolfgang Storz

Gitta Düperthal
Wolfgang Storz war von 2000 bis 2002 stellvertretender Chefredakteur und dann bis 2006 ­Chefredakteur der ­Frankfurter Rundschau

Die Frankfurter Rundschau (FR) steht vor dem Aus. Am Dienstag hat das dem Dumont-Verlag zugehörige Traditionsblatt Insolvenz angemeldet. Wie ist zu erklären, daß die ehemals linksliberale Tageszeitung pleite ist?


Meiner Einschätzung nach wurden seit den 90er Jahren große Fehler gemacht. Viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung wurden verschenkt; bei Inhalten, Gestaltung und im Marketing. Zudem krankte die FR daran, auf zwei schwachen Beinen zu stehen: In Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet wie in der nationalen Berichterstattung war sie schlecht aufgestellt; in der Auflage wie im Anzeigengeschäft. Da die Zeitung von 1945 bis 2007 der Karl-Gerold-Stiftung gehörte, lautete der Stiftungsauftrag zu gewährleisten, daß sie eine überregional verbreitete Qualitätszeitung bleibt. Weil dieser Spagat immer weitergetrieben wurde, ist sie vermutlich ökonomisch eingegangen.

Wie kam es, daß die FR sowohl regional als auch überregional schwächelte?

Eine überregionale Zeitung braucht eine gute wirtschaftliche Basis: Mittel für Marketing, gute Anzeigenverkäufer, ein anspruchsvolles redaktionelles Angebot. Der Fehler war wohl, sich nicht auf eines der beiden Felder zu konzentrieren. Möglicherweise hätte man sich früher für den Ausbau des Regionalen entscheiden und dort mehr investieren müssen. Während meiner Zeit als Chefredakteur haben wir das realisiert. Wir haben die Berichterstattung in Frankfurt gestärkt; in größeren Städten im Rhein-Main-Gebiet einzelne Lokalausgaben gemacht. Zugegebenermaßen ist es so nur gelungen, die Auflage zu stabilisieren.

Jede Zeitung, die überregional auftritt, braucht ein starkes regionales Bein. Beispiel Süddeutsche Zeitung: Sie hat ihr ökonomisches Standbein im Großraum München und Bayern, was Anzeigen, Abonnenten und Käuferschichten angeht. Weiterer Grund für den Niedergang war die nicht sehr umsichtige Entwicklung der FR mit der Umstellung auf das kleinere Tabloid-Format. Diese war mit einer gewissen Polarisierung und der Abkehr von einem klaren linksliberalen Profil verbunden. Stammleser wurden vertrieben, neue aber nicht hinzugewonnen.

Hat sich der Einfluß der SPD als Anteilseigner auf die journalistische Qualität im Sinn von Parteilichkeit negativ ausgewirkt?

Das spielte nur eine Rolle, als mich die SPD als Chefredakteur rausgeschmissen hat. Ansonsten hat sie sich mit Sparzwängen eingemischt, aber nicht hineinregiert; etwa in dem Sinn, daß die FR platte sozialdemokratische Positionen übernehmen soll. Das Blatt fühlte sich publizistisch mit Werten wie Solidarität und Gerechtigkeit verbunden; nicht etwa Partei- oder Gewerkschaftsapparaten.

Der neue Eigentümer, das Verlagshaus DuMont, hatte sich als Mehrheitseigner das Recht genommen, Rahmenbedingungen zu bestimmen: Abkehr vom klassischen linksliberalen Konzept und Profil. Die Umstellung des Formats diente eher dem Ego des Verlegers.

Was bedeutet die Pleite der FR für die anderen dem Verlag zugehörigen Blätter, unter anderem die Berliner Zeitung oder den Kölner Stadtanzeiger?

Wegen der ungeklärten Führungsfrage ist der Verlagskonzern in einer schwierigen Situation. Auch durch die rasch erfolgten Zukäufe der Berliner Zeitung, der FR und von Anteilen der israelischen Zeitung Haaretz. Die FR wurde wohl aufgegeben, weil sie betriebswirtschaftlich ein Klotz am Bein war. Der Berliner Zeitung geht es aufgrund von Anzeigeneinbrüchen und Leserverlusten ebenfalls nicht gut. Man wollte offenbar Handlungsspielraum gewinnen.

Wie viele Jobs in Redaktion, Druckerei und Vertrieb sind gefährdet?

Ob der Betrieb weitergeführt wird, weiß ich nicht. Für langjährige Redakteure ist es ein Drama, egal ob die Zeitung komplett dichtgemacht oder in verkleinerter Form weitergeführt wird. Die Belegschaft hat vermutlich zehn Sparrunden hinter sich; allein unter meiner Verantwortung als Chefredakteur hatte ich mehrere durchziehen müssen. Der Etat wurde damals um über ein Drittel zusammengestrichen. Mit dieser Insolvenz geht eine Ära zu Ende.

Ob der Betrieb weitergeführt wird, weiß ich nicht. Für langjährige Redakteure ist es ein Drama, egal ob die Zeitung komplett dichtgemacht oder in verkleinerter Form weitergeführt wird. Die Belegschaft hat vermutlich zehn Sparrunden hinter sich; allein unter meiner Verantwortung als Chefredakteur hatte ich mehrere durchziehen müssen. Der Etat wurde damals um über ein Drittel zusammengestrichen. Mit dieser Insolvenz geht eine Ära zu Ende.
Wegen der ungeklärten Führungsfrage ist der Verlagskonzern in einer schwierigen Situation. Auch durch die rasch erfolgten Zukäufe der Berliner Zeitung, der FR und von Anteilen der israelischen Zeitung Haaretz. Die FR wurde wohl aufgegeben, weil sie betriebswirtschaftlich ein Klotz am Bein war. Der Berliner Zeitung geht es aufgrund von Anzeigeneinbrüchen und Leserverlusten ebenfalls nicht gut. Man wollte offenbar Handlungsspielraum gewinnen.



Das spielte nur eine Rolle, als mich die SPD als Chefredakteur rausgeschmissen hat. Ansonsten hat sie sich mit Sparzwängen eingemischt, aber nicht hineinregiert; etwa in dem Sinn, daß die FR platte sozialdemokratische Positionen übernehmen soll. Das Blatt fühlte sich publizistisch mit Werten wie Solidarität und Gerechtigkeit verbunden; nicht etwa Partei- oder Gewerkschaftsapparaten.

Der neue Eigentümer, das Verlagshaus DuMont, hatte sich als Mehrheitseigner das Recht genommen, Rahmenbedingungen zu bestimmen: Abkehr vom klassischen linksliberalen Konzept und Profil. Die Umstellung des Formats diente eher dem Ego des Verlegers.

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