09.11.2012 / Ansichten / Seite 8

Merkels Europa

Bundeskanzlerin empört über »die Griechen«

Uli Schwemin


Bundeskanzlerin Angela Merkel war am Mittwoch empört. Und das ganz öffentlich. Sie sprach vor dem Europäischen Parlament in Brüssel über die Zukunft der EU. Zur gleichen Zeit war in Athen Generalstreik. Hunderttausende wehrten sich dort gegen die ihnen zugedachte Rolle als Armenmeute der Europäischen Union. Dafür fehlt Merkel jedes Verständnis. »Es ist nicht in Ordnung, daß ich jedes Mal einen Streik mache, wenn eine Privatisierung erfolgen soll; es ist nicht in Ordnung, daß ein Eisenbahnsystem über die Fahrkartenpreise nicht mal soviel einbringt, daß man davon die Beschäftigten bezahlen kann; es ist nicht in Ordnung, wenn man ein Steuersystem hat, aber keine Steuern zahlt.«

Merkels Empörung ist echt. Sie richtet sich gegen »die Griechen«. Niemand weiß, warum. Denn »die Griechen« streiken gar nicht, wenn eine Privatisierung erfolgen soll. Es streiken vielmehr jene, die die Privatisierung bezahlen müssen. Und zwar mit nichts Geringerem als ihrer Existenzgrundlage. Millionäre, Unternehmer und Banker streiken nicht. Und daß ein »Eisenbahnsystem über die Fahrpreise nicht mal soviel einbringt, daß man davon die Beschäftigten bezahlen kann, das ist nur in Merkels Europa möglich. Weil die Gewinne aus diesem System – übrigens nicht nur in Griechenland – herausgezogen werden, um mit ihnen an den Börsen zu spekulieren, und weil der Staat seiner Verantwortung zur Aufrechterhaltung und Entwicklung der Infrastruktur schon lange nicht mehr gerecht wird.

Merkels »Ich-werde-da-sehr-leidenschaftlich«-Empörung über »die Griechen« nimmt übrigens jene 2000 Familien, denen 80 Prozent des Vermögens des Landes gehören, aus...

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