05.09.2012 / Schwerpunkt / Seite 3

»Die DDR war für sie zweite Heimat«

Über die Zeit mit vietnamesischen Vertragsarbeitern in der DDR. Ein Gespräch mit Bodo Quart

Daniel Bratanovic
Bodo Quart war Mitarbeiter im ZK der SED, Berufsschullehrer und Eisenbahner

Am Montag wurde die Ausstellung »Bruderland ist abgebrannt« über Vertragsarbeiter in der DDR im Zentrum für Demokratie eröffnet. Was war Ihr Eindruck von dieser Ausstellung?

Meines Erachtens entspricht diese Ausstellung nicht den Tatsachen. Es ist teilweise empörend, wie die große Solidaritätsleistung, die die DDR gegenüber Vietnam und den anderen Bruderländern erbracht hat, auf eine solch herabwürdigende Art und Weise dargestellt wird. In den Herkunftsländern der Menschen, die als Vertragsarbeiter in der DDR tätig waren, besteht eine völlig andere Einschätzung zur Betreuung und zur Ausbildung beziehungsweise zu den Arbeitsbedingungen, als es in dieser Ausstellung vermittelt wird.

Der Ausstellung zufolge wurden die DDR-Vertragsarbeiter schlechter entlohnt und mußten zudem niedriger qualifizierte Arbeit verrichten, also Arbeit, die sonst keiner machen wollte. Ist das ein zutreffendes Bild?

Nein, das ist falsch. Die Entlohnung wurde in einem Rahmenkollektivvertrag geregelt. Ihre Höhe entsprach dem der anderen Arbeiter. Es mag vereinzelte Ausnahmen gegeben haben, deren Gründe mir nicht bekannt sind. Aber eine generell vereinbarte niedrigere Entlohnung gab es nicht. Das haben verschiedene Teilnehmer der Veranstaltung am Montag, die früher Gewerkschaftsfunktionen innehatten, auch noch einmal bestätigt. Insofern handelt es sich da um eine Unterstellung. Gleiches gilt für die jeweilige Tätigkeit. Auch hier läßt sich die pauschale Behauptung nicht aufrechterhalten, die Vertragsarbeiter hätten nur minder qualifizierte Arbeit verrichtet. Ich habe noch heute gute Beziehungen zu ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern, die das auf keinen Fall bestätigen würden. Um ein angemessenes Bild zu erhalten, sollte man diejenigen Vietnamesen, die damals in der DDR waren, ansprechen, um sie nach ihren Erfahrungen zu befragen. Ich bin sicher, das Ergebnis wird ein anderes sein, als das der Ausstellung.

Laut Ausstellung sollen den Vertragsarbeitern bei Ankunft die Pässe abgenommen worden sein, man hat sie abgeschottet von der restlichen Bevölkerung.

Keine DDR-Institution hätte es gewagt, den ausländischen Arbeitskräften die Pässe abzunehmen. Seitens der Betriebe oder der Gewerkschaften wäre das niemals in Frage gekommen. Denkbar ist, daß es entsprechende Regelungen etwa seitens der vietnamesischen Botschaft gab. Auf der Grundlage meiner Erfahrungen kann ich eine Abschottung nicht bestätigen. In meiner Zeit im Reichsbahnausbesserungswerk Meiningen habe ich viele Jahre mit Vietnamesen zusammengearbeitet. Wir haben zusammen mit ihnen im Lehrlingswohnheim gelebt. Soweit es ihnen ihnen aufgrund der Sprachbarriere möglich war, haben die vietnamesischen Vertragsarbeiter am gesellschaftlich, kulturellen und sportlichen Leben in den Betrieben und in den Wohngebieten teilgenommen.

Haben Sie Kenntnis davon, wie ehemalige Vertragsarbeiter ihre Zeit in der DDR betrachten?

Wie sie sicherlich bemerkt haben dürften, kann ich nur für den vietnamesischen Fall sprechen. Die Vietnamesen haben es nie vergessen, was die DDR in dieser schweren Zeit wirklich für die Ausbildung für das vietnamesische Volk getan hat. Und das merkt man noch heute, wenn man mit Reisegruppen hinfährt. Im Gespräch mit den Dolmetschern, die in der DDR ausgebildet worden sind, habe ich erfahren, daß nahezu alle Familien, deren Angehörige in der DDR waren, noch heute schwärmen. Die DDR war für sie damals die zweite Heimat. Das ist wirklich eine Sache, die Bestand hat. Das merkt man auf Schritt und Tritt in Vietnam. In Saigon gibt es eine Sportschule, die den verpflichtenden Namen »Ernst Thälmann« trägt. Das würde in Deutschland überhaupt nicht möglich sein, aber in Vietnam ist das eben auch eine Erinnerung an die DDR.

Wie sie sicherlich bemerkt haben dürften, kann ich nur für den vietnamesischen Fall sprechen. Die Vietnamesen haben es nie vergessen, was die DDR in dieser schweren Zeit wirklich für die Ausbildung für das vietnamesische Volk getan hat. Und das merkt man noch heute, wenn man mit Reisegruppen hinfährt. Im Gespräch mit den Dolmetschern, die in der DDR ausgebildet worden sind, habe ich erfahren, daß nahezu alle Familien, deren Angehörige in der DDR waren, noch heute schwärmen. Die DDR war für sie damals die zweite Heimat. Das ist wirklich eine Sache, die Bestand hat. Das merkt man auf Schritt und Tritt in Vietnam. In Saigon gibt es eine Sportschule, die den verpflichtenden Namen »Ernst Thälmann« trägt. Das würde in Deutschland überhaupt nicht möglich sein, aber in Vietnam ist das eben auch eine Erinnerung an die DDR.

Keine DDR-Institution hätte es gewagt, den ausländischen Arbeitskräften die Pässe abzunehmen. Seitens der Betriebe oder der Gewerkschaften wäre das niemals in Frage gekommen. Denkbar ist, daß es entsprechende Regelungen etwa seitens der vietnamesischen Botschaft gab. Auf der Grundlage meiner Erfahrungen kann ich eine Abschottung nicht bestätigen. In meiner Zeit im Reichsbahnausbesserungswerk Meiningen habe ich viele Jahre mit Vietnamesen zusammengearbeitet. Wir haben zusammen mit ihnen im Lehrlingswohnheim gelebt. Soweit es ihnen ihnen aufgrund der Sprachbarriere möglich war, haben die vietnamesischen Vertragsarbeiter am gesellschaftlich, kulturellen und sportlichen Leben in den Betrieben und in den Wohngebieten teilgenommen.

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