14.08.2012 / Inland / Seite 8

»Wir sind eine sehr gemischte Gruppe«

Mainzer Hausbesetzer im Gespräch mit Stadtratsfraktionen: Lage trotz Nutzungsverbot entspannt. Ein Gespräch mit Kai Aslan

Claudia Wangerin
Kai Aslan gehört zum Besetzerkollektiv der Oberen Austraße 7 in Mainz. Die alte Fabrikantenvilla im Besitz der Stadtwerke ist seit dem 3. August besetzt

Wie haben Sie und die anderen Hausbesetzer in der Mainzer Oberen Austraße die Situation auf dem Wohnungsmarkt erlebt, bevor Sie sich zu dieser Aktion entschieden haben?


Die Situation ist äußerst prekär. Abgesehen davon, daß die Mieten hoch sind und jedes Jahr steigen, ist die Nachfrage sehr hoch, trotz einer starken Fluktua­tion durch Studierende. Bei der Wohnungsvergabe wird Persönlichkeit zur Ware. Wenn man sich vorstellt, kommt es einerseits auf den Geldbeutel an, aber auch darauf, ob man sympathisch ist und gut grinsen kann. Auf der Suche nach einem WG-Zimmer spielt es auch eine Rolle, wer die richtige Musik hört. Die hohen Mieten sind nicht der einzige Grund, warum das Haus besetzt wurde.

Sondern?

Wir sind eine Gruppe von Menschen, die auch für andere Formen der Ökonomisierung der Welt ein Problembewußtsein haben. Nach unserem Empfinden ist es nicht nur beim Wohnen, sondern auch in vielen anderen Bereichen ganz entscheidend, ob man Geld hat. Das betrifft auch den Zugang zur Bildung, den Grad der politischen Teilhabe – wer sich wie in Parteien oder NGOs engagieren kann, hängt auch vom sozialen Hintergrund ab – sowie die Gesundheit und die durchschnittliche Lebenserwartung. Wir haben das Haus nicht besetzt, weil wir selber prekär leben oder keine Wohnung haben, sondern wollten auch einen Ort zu schaffen, an dem wir uns zusammenschließen, über all diese Probleme ins Gespräch kommen und ihnen gemeinsam begegnen können. Außerdem wollten wir ein kulturelles Zentrum schaffen.

Sind es überwiegend Studierende und junge Menschen, die das Haus besetzt haben?


Wir sind eine sehr gemischte Gruppe, sowohl in der Altersstruktur als auch vom sozialen Hintergrund her. Es ist überwiegend ein studentisches Milieu, aber es sind auch ältere Leute dabei, die sich zum Beispiel im ATTAC-Umfeld bewegen. Insgesamt 20 bis 30 Aktive, die sich aber nicht alle ständig im Haus aufhalten.

Aus Behördensicht ist der Aufenthalt in diesem Haus auch gefährlich – sein Zustand soll gegen Brandschutzvorschriften verstoßen. Die Stadtverwaltung hat daher am Donnerstag den Aufenthalt in dem Gebäude verboten. Warum haben Sie dieses Haus ausgewählt?

Es liegt relativ zentral und ist leicht zu erreichen. Außerdem ist es ein sehr schönes Haus, eine alte Fabrikantenvilla von 1922 – und eigentlich in einem sehr guten Zustand. Die Argumente der Stadtverwaltung beziehen sich sowohl auf Brandschutzverordnungen als auch auf hygienische Bestimmungen. Laut Brandschutzverordnung fehlt ein Rettungsweg, der aber leicht eingerichtet werden kann, außerdem wird das Fehlen von Toiletten und fließendem Wasser bemängelt. Aber das ist mittlerweile behoben. Wir haben Dixie-Klos im Garten aufgestellt. Außerdem gibt es Wasserkanister, die jederzeit bei den Nachbarn aufgefüllt werden können. Momentan benutzen die Aktiven Privatwohnungen, um sich und ihre Kleidung zu waschen. Bei den Nachbarn, die im Kunsthandwerk tätig sind, haben die Stadtwerke als Übergangslösung einfach Hydranten geöffnet und einen Schlauch verlegt. Das wäre auch bei uns leicht möglich, aber die Stadtwerke weigern sich. Sie wollen wohl keinen Anreiz dafür schaffen, daß weitere ihrer leerstehenden Häuser besetzt werden.

Eine Räumung scheint aber nicht anzustehen. Für ein Hoffest haben Mitarbeiter der Stadtwerke sogar den Parkplatz aufgesperrt. Wie steht überhaupt der Stadtrat dazu?


Gespalten. Oberbürgermeister Michael Ebeling von der SPD ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke und hat wohl starke Vorurteile, weil er fälschlicherweise von Stereotypen ausgeht, wie etwa, daß es bei Hausbesetzern schmutzig wäre. Zudem ist es angeblich ein Industriegebiet, deshalb gibt es Bedenken dagegen, daß da Leute wohnen. Das ist zwar auch erklärtes Ziel des Projekts, aber darüber könnte man ja noch mal sprechen, ob es dauerhaft der einzige Wohnsitz dieser Menschen sein muß, oder ob es eine Übernachtungsmöglichkeit oder ein Zweitwohnsitz ist. Wir haben am Montag Gespräche mit Vertretern der Stadtratsfraktionen von SPD, CDU, ÖDP und Linken geführt – die Gesprächspartner zeigten sich eigentlich recht aufgeschlossen, was unsere Ziele betrifft. Es gab nur Zweifel, ob die Mittel angemessen sind. Die Grünen hatten die Einladung zu spät bekommen, sind aber auch sehr offen für unser Vorhaben. Von der FDP war niemand zu dem Treffen erschienen.

Gespalten. Oberbürgermeister Michael Ebeling von der SPD ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke und hat wohl starke Vorurteile, weil er fälschlicherweise von Stereotypen ausgeht, wie etwa, daß es bei Hausbesetzern schmutzig wäre. Zudem ist es angeblich ein Industriegebiet, deshalb gibt es Bedenken dagegen, daß da Leute wohnen. Das ist zwar auch erklärtes Ziel des Projekts, aber darüber könnte man ja noch mal sprechen, ob es dauerhaft der einzige Wohnsitz dieser Menschen sein muß, oder ob es eine Übernachtungsmöglichkeit oder ein Zweitwohnsitz ist. Wir haben am Montag Gespräche mit Vertretern der Stadtratsfraktionen von SPD, CDU, ÖDP und Linken geführt – die Gesprächspartner zeigten sich eigentlich recht aufgeschlossen, was unsere Ziele betrifft. Es gab nur Zweifel, ob die Mittel angemessen sind. Die Grünen hatten die Einladung zu spät bekommen, sind aber auch sehr offen für unser Vorhaben. Von der FDP war niemand zu dem Treffen erschienen.
Eine Räumung scheint aber nicht anzustehen. Für ein Hoffest haben Mitarbeiter der Stadtwerke sogar den Parkplatz aufgesperrt. Wie steht überhaupt der Stadtrat dazu?

Es liegt relativ zentral und ist leicht zu erreichen. Außerdem ist es ein sehr schönes Haus, eine alte Fabrikantenvilla von 1922 – und eigentlich in einem sehr guten Zustand. Die Argumente der Stadtverwaltung beziehen sich sowohl auf Brandschutzverordnungen als auch auf hygienische Bestimmungen. Laut Brandschutzverordnung fehlt ein Rettungsweg, der aber leicht eingerichtet werden kann, außerdem wird das Fehlen von Toiletten und fließendem Wasser bemängelt. Aber das ist mittlerweile behoben. Wir haben Dixie-Klos im Garten aufgestellt. Außerdem gibt es Wasserkanister, die jederzeit bei den Nachbarn aufgefüllt werden können. Momentan benutzen die Aktiven Privatwohnungen, um sich und ihre Kleidung zu waschen. Bei den Nachbarn, die im Kunsthandwerk tätig sind, haben die Stadtwerke als Übergangslösung einfach Hydranten geöffnet und einen Schlauch verlegt. Das wäre auch bei uns leicht möglich, aber die Stadtwerke weigern sich. Sie wollen wohl keinen Anreiz dafür schaffen, daß weitere ihrer leerstehenden Häuser besetzt werden.


Wir sind eine sehr gemischte Gruppe, sowohl in der Altersstruktur als auch vom sozialen Hintergrund her. Es ist überwiegend ein studentisches Milieu, aber es sind auch ältere Leute dabei, die sich zum Beispiel im ATTAC-Umfeld bewegen. Insgesamt 20 bis 30 Aktive, die sich aber nicht alle ständig im Haus aufhalten.



Die Situation ist äußerst prekär. Abgesehen davon, daß die Mieten hoch sind und jedes Jahr steigen, ist die Nachfrage sehr hoch, trotz einer starken Fluktua­tion durch Studierende. Bei der Wohnungsvergabe wird Persönlichkeit zur Ware. Wenn man sich vorstellt, kommt es einerseits auf den Geldbeutel an, aber auch darauf, ob man sympathisch ist und gut grinsen kann. Auf der Suche nach einem WG-Zimmer spielt es auch eine Rolle, wer die richtige Musik hört. Die hohen Mieten sind nicht der einzige Grund, warum das Haus besetzt wurde.

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