20.07.2012 / Feuilleton / Seite 12

Der bekannte Unbekannte

Vergessene Schriftsteller: Alfred Wolfenstein und der Weg zur Humanität

Annette Riemer
»Wenn Christus heute lebte, würde er wie jeder anständige Mensch Kommunist sein.« Dieser Ausspruch wurde dem seinerzeit äußerst populären Schriftsteller Alfred Wolfenstein (1883–1945) zum Verhängnis, nachdem die Münchner Räterepublik 1919 zerschlagen worden war. Der Dichter wurde wie so viele andere Intellektuelle, die sich für den sozialistischen Modellstaat engagiert hatten, verhaftet. Doch Wolfensteins Beliebtheit rettete ihn vor einer Verurteilung – der wachhabende Offizier ließ ihn kurzerhand laufen.

Wolfenstein hat den Expressionismus mitgeprägt, diese Literatur der Jugend, des Aufbruchs und der sprachlichen Formsuche. »Wir Beiden, o wir können Tausende in Brand setzen«, schrieb ihm etwa Johannes R. Becher nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbands »Die gottlosen Jahre« (1914), in dem sich Wolfenstein – äußerst selten am Vorabend des Weltkriegs – für eine internationale Verbrüderung aussprach.

Schon 1915 hatte sic...



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