14.06.2012 / Titel / Seite 1

Sterben für Deutschland? Nicht in unserem Namen

»Daß es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glücksüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen.« Bundespräsident Joachim Gauck, 12. Juni 2012, in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg

Bundespräsident Joachim Gauck hat am Dienstag für die Kriegseinsätze der Bundeswehr geworben und die Bevölkerung aufgefordert, für ihr Land gegebenenfalls auch ihr Leben zu geben. Dagegen regt sich erster Widerspruch.

Konstantin Wecker, Liedermacher:

Wenn mir wieder jemand das Sterben fürs Vaterland schmackhaft machen will, dann werde ich sehr nervös und hellhörig. Das erinnert mich an eine Kriegsrhetorik, von der ich glaubte, wir hätten sie schon längst überwunden. Außerdem ist es eine Lüge, daß unsere Freiheit im Ausland verteidigt wird. Es ist ausschließlich die Freiheit des Marktes.

Peter Strutynski, Bundesausschuß Friedensratschlag:

Gaucks Rede strotzt nur so von großen Gefühlen und Werten. Was bei ihm nicht vorkommt, ist der Auftrag der Bundeswehr, wirtschaftliche Interessen zu wahren. Bundespräsident Horst Köhler hat das 2010 ehrlich benannt und mußte dafür seinen Hut nehmen.

Katja Kipping, Linke-Vorsitzende:

Die Beteiligung deutscher Soldaten an Kriegen im Ausland ist und bleibt für die Linke ein klarer Bruch der Verfassung. Der Krieg in Afghanistan hat gezeigt, daß mit Krieg kein einziges Problem des Landes gelöst wurde. Tausende Zivilisten sind durch die Waffen »demokratischer« Soldaten getötet worden (…). In Hamburg vertrat Gauck die Auffassung: Die Verletzung von Menschenrechten in anderen Staaten oder der Terrorismus rechtfertigen das Führen von Kriegen – und selbstverständlich darf die Bundeswehr dabeisein. Darüber möchte Herr Gauck in der Gesellschaft wieder verstärkt debattieren – mit anderen Worten: Werbung für Kriegseinsätze im Amte des Staatsoberhauptes betreiben. Dabei scheut sich der Bundespräsident auch nicht vor einer weiteren, zynischen Unterstellung, indem er davon spricht, daß die kriegsversehrten und gefallenen deutschen Soldaten ihr Opfer im »Einsatz für Deutschland« gebracht haben. Für mich ist dies schlicht Kriegspropaganda, und ich bin bestürzt, wie offen Herr Gauck sie betreibt. (…) Wir bleiben jedoch dabei: Deutschlands Freiheit wird an der Wahlurne verteidigt und nicht am Hindukusch! Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Nirgendwo auf der Welt. Darauf kann man sich bei der Linken verlassen!

www.die-linke.de

Hans-Eckardt Wenzel, Liedermacher:

Der Gauck ist aufgegangen!

Die Uniformen prangen

Am Hindukusch so klar.

Die Welt steht da und schweiget

Und aus den Reden steiget

Der alte Scheiß so wunderbar.

Ach, Gauck, du clevre Nudel

In deinem Freiheitsstrudel

Folgst du dem deutschen Brauch.

Du lebst im ob’ren Drittel

Da heilt der Zweck die Mittel

Und unsern toten Nachbarn auch.

Egon Krenz, 1989 Staatsratsvorsitzender der DDR:

In den ersten fünf Jahrzehnten seines Lebens, meinte der Bundespräsident, seien ihm Soldaten und Militär allgegenwärtig gewesen. Nur Gedankenlosigkeit? Nein, ein abstoßendes Geschichtsbild. Nicht etwa, daß ihn die Nazigeneralität störte, die die Bundeswehr aufgebaut hat. Nicht, daß ihm mißfiel, daß ein bundesdeutscher Oberst Zivilisten in den Tod bomben ließ. Nicht, daß er bundesdeutsche Rüstungsexporte in Krisengebiete verurteilte. Nein, er nahm sich die NVA als Prügelknaben vor. Jene Armee, die bisher die einzige deutsche Armee ist, die nie an einem Krieg beteiligt war. Die im Herbst 1989 alles tat, damit Gewalt ausgeschlossen wurde. Die ersten 50 Jahre seines Lebens – das waren ja bis 1945 Naziherrschaft und danach Besatzungszeit bzw. bis 1990 die DDR. Wieviel Haß muß ein Mensch in sich tragen, der das alles in einen Topf wirft? Undenkbar auch, daß ein DDR-Staatsoberhaupt eine Armee gelobt hätte, die sich – wie die Bundeswehr – im Krieg befindet.

Wolfgang Schorlau, Schriftsteller:

Ich hatte gewisse Hoffnungen, Joachim Gauck würde ein Bürgerpräsident. Diese Hoffnung ist mit seiner Rede vor der Führungsakademie zerstoben. Er ist nun Kriegspräsident. Schade.

Eugen Drewermann, katholischer Theologe, vom Priesteramt suspendiert:

Krieg schafft keinen Frieden – so wenig wie ein Sack voller Lügen, selbst wenn der vom Bundespräsidenten geschnürt wird. Wie kann Herr Gauck in der Zeit der asymmetrischen Kriegsführung, in der Zeit der Drohnenangriffe, davon reden, daß wir menschliche Interessen ausgerechnet in Somalia und Afghanistan vertreten? Vom Balkankrieg, der mutwillig vom Zaun gebrochen wurde, ganz zu schweigen. Das alles ist ein Bruch des Völkerrechts!

Was die Bundeswehr verteidigt, sind nicht die Menschenrechte und ganz bestimmt nicht die Freiheit in der Welt. Die Osterweiterung der NATO bis nach Georgien, Kasachstan, Kirgisien hat einen einzigen Zweck: Die Verteidigung der Interessen des Kapitalismus und die geostrategische Einkreisung von Indien und China. Entscheidend bleibt, daß man von einem Soldaten nicht verlangen kann, daß er mutig stirbt – sterben werden wir alle, ob mit oder ohne Mut. Verlangt wird vom Soldaten vielmehr, daß er tötet! Auf dieses moralische Problem sollte der einstige Pastor auch hinweisen.

Sevim Dagdelen, Mitglied im Auswärtigen Ausschuß des Bundestages und Sprecherin für Internationale Beziehungen der Fraktion Die Linke:

Jetzt zeigt sich, daß Gaucks Freiheitsbegriff lediglich nationalistische und militaristische Propaganda ist. Selbst ein System von striktem Befehl und Gehorsam, das den Befehl zum Töten und das eigene Leben zu opfern beinhaltet, bekommt Bundespräsident Gauck mit seinem Freiheitsbegriff vereinbart. Die Tatsache, daß v.a. Angehörige der unteren Schichten Kriege für eine kleine nationale Elite führen, bezeichnet er sogar als Stütze der Freiheit. Das ist einfach nur widerwärtig.

Daß er die Notwendigkeit von Auslandseinsätzen gerade mit der spezifischen deutschen Geschichte begründet, abstrahiert und verallgemeinert die Zumutung des Auschwitz-Vergleiches, mit dem die Grünen einst die Bundeswehr in ihren ersten handfesten – und noch dazu völkerrechtswidrigen – Krieg geführt haben. (…) Gauck schreibt sich mit seiner Propagierung des Krieges als Mittel der Politik in die dunkelsten Traditionen des deutschen Imperialismus und Militarismus ein. Gaucks Freiheitsbegriff, der zugunsten nationaler Eliten und nationalen Kapitals Kriege und die Entrechtung weiter Teile der Bevölkerung propagiert, liegt bedrohlich nahe an der Ideologie alter und neuer rechter Bewegungen. (…) Gaucks Freiheit ist nichts als die Freiheit zum Krieg zugunsten von Machteliten und deutschem Kapital.

Freiheit durch soziale Sicherheit, Freiheit durch Sozialismus, Demokratie und Sozialstaat sind die Alternativen zu Gaucks Freiheit zum Krieg. Es gilt dieser neuen wilhelminischen Propaganda Gaucks in den Arm zu fallen, bevor unter der Flagge der Freiheit neue Kriege vom Zaun gebrochen werden.

Hans Modrow, 1989/1990 Ministerpräsident der DDR, heute Vorsitzender des Ältestenrates Die Linke:

Im Krieg gefallene Soldaten lösen Trauer in ihren Familien aus und hinterlassen schwere menschliche Schicksale. Da ich das Ende des Zweiten Weltkrieges noch mit 17 Jahren in der Uniform der faschistischen Wehrmacht erlebt habe, ist mir bewußt, wovon ich spreche. Auch in meinem Dorf stand das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Vom Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, egal wie er heißt und aus welcher Umgebung er auch kommt, erwarte ich eine klare Aussage, die den Krieg verurteilt und nicht um Verständnis für Kriegseinsatz und neue Denkmäler in den Dörfern wirbt. Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, die Nationale Volksarmee habe an militärischen Einsätzen teilgenommen. Ich erwarte, daß der Präsident das Grundgesetz achtet und nicht für deutsche Interessen am Hindukusch gekämpft wird. Weder die Nationale Volksarmee noch die Bundeswehr haben bis 1990 an Kriegseinsätzen im Ausland teilgenommen. Das sollten wir gemeinsam achten und dafür Sorge tragen, daß die Werte der Verfassung gültig sind, und ein Mann der Kirche sollte zumindest die christlichen Werte achten.

...

Im Krieg gefallene Soldaten lösen Trauer in ihren Familien aus und hinterlassen schwere menschliche Schicksale. Da ich das Ende des Zweiten Weltkrieges noch mit 17 Jahren in der Uniform der faschistischen Wehrmacht erlebt habe, ist mir bewußt, wovon ich spreche. Auch in meinem Dorf stand das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Vom Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, egal wie er heißt und aus welcher Umgebung er auch kommt, erwarte ich eine klare Aussage, die den Krieg verurteilt und nicht um Verständnis für Kriegseinsatz und neue Denkmäler in den Dörfern wirbt. Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, die Nationale Volksarmee habe an militärischen Einsätzen teilgenommen. Ich erwarte, daß der Präsident das Grundgesetz achtet und nicht für deutsche Interessen am Hindukusch gekämpft wird. Weder die Nationale Volksarmee noch die Bundeswehr haben bis 1990 an Kriegseinsätzen im Ausland teilgenommen. Das sollten wir gemeinsam achten und dafür Sorge tragen, daß die Werte der Verfassung gültig sind, und ein Mann der Kirche sollte zumindest die christlichen Werte achten.



Jetzt zeigt sich, daß Gaucks Freiheitsbegriff lediglich nationalistische und militaristische Propaganda ist. Selbst ein System von striktem Befehl und Gehorsam, das den Befehl zum Töten und das eigene Leben zu opfern beinhaltet, bekommt Bundespräsident Gauck mit seinem Freiheitsbegriff vereinbart. Die Tatsache, daß v.a. Angehörige der unteren Schichten Kriege für eine kleine nationale Elite führen, bezeichnet er sogar als Stütze der Freiheit. Das ist einfach nur widerwärtig.

Daß er die Notwendigkeit von Auslandseinsätzen gerade mit der spezifischen deutschen Geschichte begründet, abstrahiert und verallgemeinert die Zumutung des Auschwitz-Vergleiches, mit dem die Grünen einst die Bundeswehr in ihren ersten handfesten – und noch dazu völkerrechtswidrigen – Krieg geführt haben. (…) Gauck schreibt sich mit seiner Propagierung des Krieges als Mittel der Politik in die dunkelsten Traditionen des deutschen Imperialismus und Militarismus ein. Gaucks Freiheitsbegriff, der zugunsten nationaler Eliten und nationalen Kapitals Kriege und die Entrechtung weiter Teile der Bevölkerung propagiert, liegt bedrohlich nahe an der Ideologie alter und neuer rechter Bewegungen. (…) Gaucks Freiheit ist nichts als die Freiheit zum Krieg zugunsten von Machteliten und deutschem Kapital.

Freiheit durch soziale Sicherheit, Freiheit durch Sozialismus, Demokratie und Sozialstaat sind die Alternativen zu Gaucks Freiheit zum Krieg. Es gilt dieser neuen wilhelminischen Propaganda Gaucks in den Arm zu fallen, bevor unter der Flagge der Freiheit neue Kriege vom Zaun gebrochen werden.



Krieg schafft keinen Frieden – so wenig wie ein Sack voller Lügen, selbst wenn der vom Bundespräsidenten geschnürt wird. Wie kann Herr Gauck in der Zeit der asymmetrischen Kriegsführung, in der Zeit der Drohnenangriffe, davon reden, daß wir menschliche Interessen ausgerechnet in Somalia und Afghanistan vertreten? Vom Balkankrieg, der mutwillig vom Zaun gebrochen wurde, ganz zu schweigen. Das alles ist ein Bruch des Völkerrechts!

Was die Bundeswehr verteidigt, sind nicht die Menschenrechte und ganz bestimmt nicht die Freiheit in der Welt. Die Osterweiterung der NATO bis nach Georgien, Kasachstan, Kirgisien hat einen einzigen Zweck: Die Verteidigung der Interessen des Kapitalismus und die geostrategische Einkreisung von Indien und China. Entscheidend bleibt, daß man von einem Soldaten nicht verlangen kann, daß er mutig stirbt – sterben werden wir alle, ob mit oder ohne Mut. Verlangt wird vom Soldaten vielmehr, daß er tötet! Auf dieses moralische Problem sollte der einstige Pastor auch hinweisen.



Ich hatte gewisse Hoffnungen, Joachim Gauck würde ein Bürgerpräsident. Diese Hoffnung ist mit seiner Rede vor der Führungsakademie zerstoben. Er ist nun Kriegspräsident. Schade.



In den ersten fünf Jahrzehnten seines Lebens, meinte der Bundespräsident, seien ihm Soldaten und Militär allgegenwärtig gewesen. Nur Gedankenlosigkeit? Nein, ein abstoßendes Geschichtsbild. Nicht etwa, daß ihn die Nazigeneralität störte, die die Bundeswehr aufgebaut hat. Nicht, daß ihm mißfiel, daß ein bundesdeutscher Oberst Zivilisten in den Tod bomben ließ. Nicht, daß er bundesdeutsche Rüstungsexporte in Krisengebiete verurteilte. Nein, er nahm sich die NVA als Prügelknaben vor. Jene Armee, die bisher die einzige deutsche Armee ist, die nie an einem Krieg beteiligt war. Die im Herbst 1989 alles tat, damit Gewalt ausgeschlossen wurde. Die ersten 50 Jahre seines Lebens – das waren ja bis 1945 Naziherrschaft und danach Besatzungszeit bzw. bis 1990 die DDR. Wieviel Haß muß ein Mensch in sich tragen, der das alles in einen Topf wirft? Undenkbar auch, daß ein DDR-Staatsoberhaupt eine Armee gelobt hätte, die sich – wie die Bundeswehr – im Krieg befindet.



Gaucks Rede strotzt nur so von großen Gefühlen und Werten. Was bei ihm nicht vorkommt, ist der Auftrag der Bundeswehr, wirtschaftliche Interessen zu wahren. Bundespräsident Horst Köhler hat das 2010 ehrlich benannt und mußte dafür seinen Hut nehmen.

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