06.08.2011 / Feuilleton / Seite 12

Das echte Leben im Falschen

Die Tödliche Doris liest (28): Die Kinder der Berliner Seiten schreiben um ihre Existenz – Katja Kullmanns Buch über das neue Prekariat

Wolfgang Müller
Einmal im Monat empfiehlt die Tödliche Doris ganz besondere Bücher. Der Künstler Wolfgang Müller ist der Sprecher der Berliner Avantgardegruppe.

Über Jahre war das Wort »Kreativbranche« sehr beliebt. Junge, enthusiastische Menschen erschienen vor dem inneren Auge, gebildet, gutaussehend, engagiert und flexibel. Jederzeit bereit, für einen guten Job die Wohnung zu verlassen, private Beziehungen und Zusammenhänge aufzulösen, um irgendwo anders hinzuziehen. Notfalls sogar in ein furchtbares Kaff. Denn, so wurde deutlich gemacht: um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, müßten alle produktiv, kreativ und verfügbar sein, jederzeit.

Diese Blase begann zu jener Zeit zu wachsen, als die FAZ 1999 ihr Projekt »Berliner Seiten« startete – und platzte, als die das Projekt wieder einstellte: aus »Kostengründen«. Die Hoffnung junger Akademiker, ohne zeitraubende, anstrengende Umwege direkt nach »oben«, zu großen, einflußreichen Medien und ihren Mac...


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