14.01.2011 / Inland / Seite 2

»Genossenschaft wäre Alternative zum Verkauf«

Beschäftigte und Kunden wollen Ökotextilunternehmen nicht an Heuschrecke verlieren. Ein Gespräch mit Dagmar Embshoff

Ralf Wurzbacher
Dagmar Embshoff ist aktiv beim Netzwerk Solidarische Ökonomie (NSÖ) und dem globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC

Das Ökotextilunternehmen hessnatur, seit 2001 in den Händen einer Tochter des Essener Handelskonzerns Arcandor, soll womöglich vom US-amerikanischen Private-Equity-Fonds Carlyle aufgekauft werden. Dagegen regt sich Widerstand bei Mitarbeitern und Kunden der Firma. Warum?

Hessnatur ist nicht nur Pionier im Bereich konsequent ökologischer Kleidung, sondern hat auch sehr früh auf Sozialstandards bei der Produktion gesetzt. Das paßt nicht zu einem Finanzinvestor von weltweitem Rang, der für seine Rüstungsgeschäfte bekannt ist. Also hat ATTAC kurz vor Weihnachten zu einer Kundgebung am Firmensitz in Butzbach aufgerufen. Seither wurden schon über 4000 Unterschriften für einen Kaufboykott gesammelt, falls Carlyle den Ökotextilversand wirklich schlucken sollte.

Die Arcandor-Tochter Primondo hat dieser Tage eine aktuelle Verkaufsabsicht dementiert. Wie ist ihrer Kenntnisstand?

Der Karstadt-Quelle-Mitarbeiter-Trust (KQMT) ist derzeit der einzige Gesellschafter von hessnatur. Und dieser hat im Dezember ein Kaufinteresse von Carlyle gegenüber der Presse bestätigt. Der Finanz­investor hat kürzlich bereits sechs andere Arcandor-Töchter in seine Einkaufstüte gepackt. Matthias Siekmann von Primondo ist gleich mit zu Carlyle gewechselt. Nun wird dezent geschwiegen: Der Medienwirbel scheint den Verantwortlichen nicht zu gefallen.

Das heißt also, Sie werden am Ball bleiben?

Auf jeden Fall. Es geht jetzt erst richtig los.

Das Netzwerk Solidarische Ökonomie und ATTAC haben zu Wochenanfang eine Kampagne mit dem Ziel vorgestellt, das Unternehmen in die Hände von Belegschaft und Kunden zu überführen. Wie soll das konkret aussehen?

Die Idee ist, daß sich Mitarbeiter und Lieferanten von hessnatur sowie Kunden und ethisch interessierte Investoren zu einer Genossenschaft zusammenschließen. Diese Rechtsform bietet unter anderem steuerliche Vorteile, da sie quasi eine wirtschaftliche Selbsthilfeeinrichtung ist. Anders als in Aktiengesellschaften gilt bei Kooperativen das demokratische Prinzip »one person, one vote« – unabhängig von der Höhe der jeweiligen Einlage. Als Genossenschaft wäre hessnatur praktisch nicht mehr übernehmbar. Wir werden also Absichtserklärungen für Genossenschaftsbeitritte sammeln. Momentan organisieren wir ein Treuhandkonto für die Anteile.

Was halten die Belegschaft und der Betriebsrat davon?

Für die war der Gedanke einer Genossenschaft erst einmal neu. Ich spreche auch lieber von Kooperativen, weil viele beim Wort Genossenschaft ans 18. Jahrhundert denken oder an bestimmte Parteien. Der Betriebsrat war jedenfalls mit fünf Vertretern bei unserem Treffen anwesend und hat Interesse bekundet, den Konzeptentwurf weiter zu diskutieren.

Warum sollte Arcandor bei dem Vorhaben mitspielen? Schließlich soll der Laden gewinnbringend verkauft werden.

Derzeit scheint noch nicht einmal ganz klar, wer für den Verkauf zuständig ist. Die Geschäftsanteile von hessnatur-Textil werden zu 100 Prozent vom KQMT gehalten. Dieser Pensionsfonds ist zwar ein großer Gläubiger von Acandor, bedient aber gleichzeitig die Interessen der früheren Belegschaften von Karstadt-Quelle. Der Betriebsrat von hessnatur-Textil hat außerdem am Montag angekündigt, daß er seine wirtschaftlichen Mitwirkungsrechte in dieser Sache prüfen lassen werde. Schließlich drohen durch die Insolvenz von Acandor dem Tochterunternehmen hessnatur sogenannte betriebliche Änderungen bis hin zu Umstrukturierungen und Entlassungen. Daher meinen wir: Der Betriebsrat muß nach dem Betriebsverfassungsgesetz einbezogen werden. Eine Alternative zum Verkauf wäre die direkte Umwandlung der hessnatur-Textil GmbH in eine Genossenschaft. Kommt es zum Verkauf, werden wir einen fairen Preis bieten, der ermöglicht, daß das Unternehmen mit den bisherigen Standards weiterwirtschaften kann.

Gibt es für den Plan Vorbilder?

Es gibt einige jüngere Konsumentengenossenschaften in Deutschland. Darunter zum Beispiel Greenpeace Energie und die Elektrizitätswerke Schönau oder auch die junge Welt und die taz. Die hessnatur-Kooperative wäre in der beabsichtigen Konstruktion als große sogenannte Multistakeholder-Kooperative in Deutschland aber eine Neuheit.

Es gibt einige jüngere Konsumentengenossenschaften in Deutschland. Darunter zum Beispiel Greenpeace Energie und die Elektrizitätswerke Schönau oder auch die

Derzeit scheint noch nicht einmal ganz klar, wer für den Verkauf zuständig ist. Die Geschäftsanteile von hessnatur-Textil werden zu 100 Prozent vom KQMT gehalten. Dieser Pensionsfonds ist zwar ein großer Gläubiger von Acandor, bedient aber gleichzeitig die Interessen der früheren Belegschaften von Karstadt-Quelle. Der Betriebsrat von hessnatur-Textil hat außerdem am Montag angekündigt, daß er seine wirtschaftlichen Mitwirkungsrechte in dieser Sache prüfen lassen werde. Schließlich drohen durch die Insolvenz von Acandor dem Tochterunternehmen hessnatur sogenannte betriebliche Änderungen bis hin zu Umstrukturierungen und Entlassungen. Daher meinen wir: Der Betriebsrat muß nach dem Betriebsverfassungsgesetz einbezogen werden. Eine Alternative zum Verkauf wäre die direkte Umwandlung der hessnatur-Textil GmbH in eine Genossenschaft. Kommt es zum Verkauf, werden wir einen fairen Preis bieten, der ermöglicht, daß das Unternehmen mit den bisherigen Standards weiterwirtschaften kann.



Für die war der Gedanke einer Genossenschaft erst einmal neu. Ich spreche auch lieber von Kooperativen, weil viele beim Wort Genossenschaft ans 18. Jahrhundert denken oder an bestimmte Parteien. Der Betriebsrat war jedenfalls mit fünf Vertretern bei unserem Treffen anwesend und hat Interesse bekundet, den Konzeptentwurf weiter zu diskutieren.

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