05.10.2010 / Inland / Seite 2

»Strahl gezielt ins Gesicht gerichtet«

Der vom Wasserwerfer der Polizei verletzte Stuttgarter Demonstrant wird heute operiert. Ein Gespräch mit Matthias von Herrmann

Gitta Düperthal
Matthias von Herrmann ist einer der Demoteilnehmer gegen den Bahnhofsumbau in Stuttgart und Sprecher der »Parkschützer«

Der 66jährige Friedrich W. ist am Donnerstag bei den Protesten der Parkschützer gegen das Projekt »Stuttgart 21« durch einen Wasserwerfer der Polizei schwer verletzt worden – er ist jetzt möglicherweise blind. Wie ist sein Zustand?

Sonntag war ich noch im Katarinenhospital bei ihm, am heutigen Dienstag wird er operiert. Er ist immer noch hell entsetzt über diesen Einsatz und findet es unfaßbar, daß ein Staat mit einer solchen Brutalität gegen seine Bürger vorgeht.

Friedrich W. ist bei den Parkschützern organisiert und wollte am Donnerstag an der angemeldeten Demonstration von Schülern teilnehmen. Als die sich in Marsch setzen wollte, wurde über Internet gemeldet, daß die Polizei den Schloßgarten abriegeln will. Daraufhin gingen die Schüler direkt zum Park, wo die Demo eigentlich enden sollte, und ließen sich dort in einer Sitzblockade nieder. So etwas ist nicht strafbar, sondern gilt schlimmstenfalls als Ordnungswidrigkeit. Die Beamten forderten daraufhin die Blockierer auf, den Platz zu räumen, worauf die Schüler aber nicht reagierten. Daraufhin begann die Polizei, wie es in solchen Fällen üblich ist, die Sitzblockierer wegzutragen.

So weit klingt das ja noch nicht dramatisch – wie kam dann der Wasserwerfer ins Spiel?

Ein Demonstrant hörte, wie der Einsatzleiter plötzlich den Befehl gab: »Räumen, egal wie!«. Die Beamten zückten also ihre Knüppel und prügelten auf die Blockierer ein, es wurde auch Pfefferspray eingesetzt. Das hat dem einen oder anderen Beamten sogar noch Spaß gemacht: Ein Video zeigt, wie z. B. der Bediener des Wasserwerfers grinsend am Steuerknüppel sitzt und die Leute wegbläst.

Der Strahl war so hart und heftig, daß Schüler über Tische und Bänke eines Biergartens geschleudert wurden. Friedrich W. wollte den Beamten zu verstehen geben, daß sie damit aufhören sollten, und nahm gestikulierend die Arme hoch – in dem Augenblick traf ihn der Strahl mitten ins Gesicht. Wie er danach aussah, ist nicht nur im Internet, sondern auch in Zeitungen zu sehen: Er blutete aus beiden Augen, eines davon hing halb aus der Augenhöhle heraus.

Wie hat er den Angriff der Polizei denn selbst wahrgenommen?

Er sagt, der Wasserwerfer habe seinen Strahl gezielt in sein Gesicht gerichtet, er sei regelrecht abgeschossen worden. Er ging zu Boden und verlor das Bewußtsein. Zwei Mitdemonstranten führten ihn dann behutsam aus dem Park heraus – Rettungswagen durften nicht hinein, weil die Polizei das Gelände als Sicherheitsgebiet ausgewiesen hatte.

Es gab viele andere Verletzungen durch diesen Einsatz: Rippenbrüche, blutige Nasen und einen Schädelbasisbruch. Allein unsere ehrenamtlichen Sanitäter haben etwa 400 Pfeffersprayopfer behandelt.

Wie ist die Stimmung der Bürger in Stuttgart nach diesem ungeheuerlichen Ereignis?

Die ganze Stadt ist traumatisiert. Man hätte es nie für möglich gehalten, daß die Landesregierung so rücksichtslos nicht nur gegen erwachsene Bürger vorgeht, sondern sogar gegen Kinder. Viele Menschen sind völlig verstört wegen der Brutalität, die plötzlich in ihren Alltag eingebrochen ist. Friedrich W. ist übrigens kein typischer Aktivist, sondern ein ganz normaler Bürger, der nur seine Empörung gegen den Umbau des Hauptbahnhofs zum Ausdruck bringen wollte.

Haben die politisch Verantwortlichen in irgendeiner Weise reagiert, sich entschuldigt oder Stellung genommen?

Innenminister Heribert Rech (CDU) hat die Polizeimaßnahmen als vollkommen rechtmäßig gerechtfertigt. Er will den Verletzten sogar besuchen – was wir aber gar nicht gut finden –; er will ja nur Pluspunkte in der öffentlichen Berichterstattung sammeln. Friedrich W. hingegen steckt voller kalter Wut. Er meint, Rech solle ruhig kommen, er werde ihm die Meinung sagen.

Bahnchef Rüdiger Grube ist der Auffassung, daß Baurecht vor Demonstrationsrecht geht. Aber offenbar hat er die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes nicht gelesen. Und Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) findet, daß es keine Ausschreitungen mehr geben darf. Welchen Unfug er damit redet, merkt er offenbar selber nicht – die Ausschreitungen kamen jedenfalls nicht von den Demonstranten.

Innenminister Heribert Rech (CDU) hat die Polizeimaßnahmen als vollkommen rechtmäßig gerechtfertigt. Er will den Verletzten sogar besuchen – was wir aber gar nicht gut finden –; er will ja nur Pluspunkte in der öffentlichen Berichterstattung sammeln. Friedrich W. hingegen steckt voller kalter Wut. Er meint, Rech solle ruhig kommen, er werde ihm die Meinung sagen.

Bahnchef Rüdiger Grube ist der Auffassung, daß Baurecht vor Demonstrationsrecht geht. Aber offenbar hat er die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes nicht gelesen. Und Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) findet, daß es keine Ausschreitungen mehr geben darf. Welchen Unfug er damit redet, merkt er offenbar selber nicht – die Ausschreitungen kamen jedenfalls nicht von den Demonstranten.

Die ganze Stadt ist traumatisiert. Man hätte es nie für möglich gehalten, daß die Landesregierung so rücksichtslos nicht nur gegen erwachsene Bürger vorgeht, sondern sogar gegen Kinder. Viele Menschen sind völlig verstört wegen der Brutalität, die plötzlich in ihren Alltag eingebrochen ist. Friedrich W. ist übrigens kein typischer Aktivist, sondern ein ganz normaler Bürger, der nur seine Empörung gegen den Umbau des Hauptbahnhofs zum Ausdruck bringen wollte.



Er sagt, der Wasserwerfer habe seinen Strahl gezielt in sein Gesicht gerichtet, er sei regelrecht abgeschossen worden. Er ging zu Boden und verlor das Bewußtsein. Zwei Mitdemonstranten führten ihn dann behutsam aus dem Park heraus – Rettungswagen durften nicht hinein, weil die Polizei das Gelände als Sicherheitsgebiet ausgewiesen hatte.

Es gab viele andere Verletzungen durch diesen Einsatz: Rippenbrüche, blutige Nasen und einen Schädelbasisbruch. Allein unsere ehrenamtlichen Sanitäter haben etwa 400 Pfeffersprayopfer behandelt.

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