15.01.2010 / Schwerpunkt / Seite 3

»Der Todestrakt ist ein einsamer Ort«

Anruf aus dem Gefängnis von Waynesburg, Pennsylvania: Während der internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin am 9. Januar telefonierte Mumia Abu-Jamal mit seinem Rechtsanwalt Robert R. Bryan. Öffentliches Verteidigergespräch

Rechtsanwalt Robert R. Bryan aus San Francisco nahm am 9. Januar 2010 als Gastredner an der XV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz teil. Als Hauptverteidiger von Mumia Abu-Jamal erläuterte er die aktuelle Lage seines Mandanten, der im Dezember 1981 unter dem Vorwurf des Polizistenmordes verhaftet und nach einem unfairen Prozeß im Juli 1982 zum Tode verurteilt worden war. Mitten in diesen Ausführungen rief Mumia Abu-Jamal überraschend seinen Verteidiger an. junge Welt dokumentiert das Telefongespräch, das live im Konferenzsaal übertragen wurde, im Wortlaut. Übersetzung: Jürgen Heiser.

[Robert R. Bryans Handy klingelt am Rednerpult]

Robert R. Bryan: Möglicherweise meldet sich hier ein weiterer Gast der Konferenz …

Computerstimme: Sie erhalten ein R-Gespräch von Mumia Abu-Jamal [Name wie bei der Handy-Mailbox mit seiner Stimme gesprochen], einem Insassen der staatlichen Strafanstalt Greene. Wenn Sie die Funktionen Konferenzschaltung oder Anklopfen aktivieren, wird das Gespräch sofort abgebrochen.

Bryan: Es ist Mumia! Hallo, Mumia!

Mumia Abu-Jamal: Hallo, Robert!

[Applaus im Publikum brandet auf. Jubelrufe, anerkennende Pfiffe und Sprechchöre: »Hoch die internationale Solidarität!«]

Bryan: Mumia, bist du noch da? Konntest du hören, daß ich nicht allein bin? Hast du das mitbekommen?

Abu-Jamal: Allerdings habe ich das mitbekommen! [lacht]

Bryan: Hier sind gut über tausend Leute versammelt, viele stehen in den Gängen. Der Applaus galt dir. Das ist jetzt natürlich ein Verteidigergespräch, und nur wir beide werden miteinander reden, aber es steht in keinem Gesetz, daß andere nicht dabei zuhören dürfen. Deswegen hören uns jetzt ein- bis zweitausend Leute zu. Ist das okay?

Abu-Jamal: Ja, das ist »sehr gut« [er benutzt die beiden deutschen Wörter].

Bryan: Mumia, wo befindest du dich gerade?

Abu-Jamal: Ich stehe vor der Tür meiner Zelle im G-Block des Todestrakts von Waynesburg, Pennsylvania.

Bryan: Kannst du uns bitte kurz beschreiben, wie das Leben im Todestrakt ist?

Abu-Jamal: Ich habe schon vor Jahren darüber geschrieben, daß es so ist, als würde man sein Leben in einem Schlafraum oder Badezimmer verbringen, sehr klein, vielleicht sechs Quadratmeter groß. Da hältst du dich 22 Stunden am Tag auf, denn zwei Stunden am Tag haben wir Hofgang, aber ich nenne das den »Käfig«, weil das mehr ein Käfig ist als ein Hof. Stellt euch also einfach vor, ihr seid 24 Stunden am Tag in einem Raum eingesperrt – und das über viele Jahre. Das ist die Situation, das ist die Realität. Du machst alles dort, essen, schlafen, lesen, singen, machst deine Gymnastik, eben alles, was ein Mensch so macht.

Bryan: Wir kennen uns nun schon viele Jahre, länger als die letzten sieben Jahre, in denen ich dich offensiv als dein Anwalt vertrete. Hin und wieder hast du mir von anderen Gefangenen erzählt, die sich das Leben genommen haben. Kannst du uns etwas mehr über das Leben im Todestrakt erzählen?

Abu-Jamal: Innerhalb des letzten Jahres haben sich zwei meiner Freunde umgebracht. Männer, die ich seit einigen Jahren gut kannte, Bill Tilley und José Pagán. Der eine so gegen vier oder fünf Uhr morgens, der andere gegen acht Uhr. Beide haben sich jeweils eine Schlinge um den Hals gelegt und sich erhängt. Das hat uns alle hier im Todes­trakt schockiert. Wir kannten sie beide gut, wir mochten sie, sie hatten einen feinen Charakter, waren gute Leute, haben gekämpft – und plötzlich waren sie nicht mehr da. Daran zeigt sich der Einfluß, den der Todestrakt auf Menschen ausübt, sein psychologischer Einfluß, der Menschen buchstäblich in den Tod treiben kann. Genau das war der Fall bei Bill Tilley und José Pagán.

Bryan: Und wie geht es Mumia Abu-Jamal unter diesen furchtbaren Bedingungen? Was hält dich aufrecht?

Abu-Jamal: Zum Beispiel solche Veranstaltungen wie eure dort – das weiß ich von ganzem Herzen zu schätzen. Wir haben eine gute Unterstützerbasis in Deutschland wie auch in anderen Ländern. Ich höre von Leuten, kommuniziere mit ihnen und bin in der Lage teilzunehmen an dem, was sich an einem anderen Ort wie bei euch mit vielen, vielen anderen Menschen ereignet. Das gibt mir große Kraft und befähigt mich, gegen die Bedingungen hier im Todestrakt zu kämpfen.

Bryan: Bevor du angerufen hast, sprach ich gerade darüber, wie du durch deine Arbeit als Journalist, durch dein Schreiben aus dem Todestrakt, zwangsläufig zu einem Sprecher der über 20000 Männer, Frauen und Kinder in den Todeszellen dieser Welt geworden bist. Ich habe auch darüber gesprochen, warum dein Fall nicht nur für dich, sondern auch für andere so an Bedeutung gewonnen hat. Kannst du etwas dazu sagen, warum das so wichtig ist?

Abu-Jamal: Ich habe gerade gestern abend einen Brief von Frances Goldin gelesen …

Bryan: … die deine literarische Agentin in den USA ist …

Abu-Jamal: … ja, Frances zitiert aus einem Artikel der New York Times, einer Kolumne von Adam Liptak, der über juristische Themen schreibt [siehe: www.nytimes.com/2010/01/05/us/05bar.html]. Darin berichtet er über eine sehr angesehene Juristenorganisation der USA, das American Law Institute, in der über 4000 Rechtsprofessoren, Richter und Anwälte zusammengeschlossen sind. Diese Leute sind die verantwortlichen Architekten des heutigen US-Todesstrafensystems und vieler anderer Rechtsbereiche. Sie haben die Strafvorschriften für zahlreiche US-Bundesstaaten ...

[Robert R. Bryans Handy klingelt am Rednerpult]

Robert R. Bryan: Möglicherweise meldet sich hier ein weiterer Gast der Konferenz …

Computerstimme: Sie erhalten ein R-Gespräch von Mumia Abu-Jamal [Name wie bei der Handy-Mailbox mit seiner Stimme gesprochen], einem Insassen der staatlichen Strafanstalt Greene. Wenn Sie die Funktionen Konferenzschaltung oder Anklopfen aktivieren, wird das Gespräch sofort abgebrochen.

Bryan: Es ist Mumia! Hallo, Mumia!

Mumia Abu-Jamal: Hallo, Robert!

[Applaus im Publikum brandet auf. Jubelrufe, anerkennende Pfiffe und Sprechchöre: »Hoch die internationale Solidarität!«]

Bryan: Mumia, bist du noch da? Konntest du hören, daß ich nicht allein bin? Hast du das mitbekommen?

Abu-Jamal: Allerdings habe ich das mitbekommen! [lacht]

Bryan: Hier sind gut über tausend Leute versammelt, viele stehen in den Gängen. Der Applaus galt dir. Das ist jetzt natürlich ein Verteidigergespräch, und nur wir beide werden miteinander reden, aber es steht in keinem Gesetz, daß andere nicht dabei zuhören dürfen. Deswegen hören uns jetzt ein- bis zweitausend Leute zu. Ist das okay?

Abu-Jamal: Ja, das ist »sehr gut« [er benutzt die beiden deutschen Wörter].

Bryan: Mumia, wo befindest du dich gerade?

Abu-Jamal: Ich stehe vor der Tür meiner Zelle im G-Block des Todestrakts von Waynesburg, Pennsylvania.

Bryan: Kannst du uns bitte kurz beschreiben, wie das Leben im Todestrakt ist?

Abu-Jamal: Ich habe schon vor Jahren darüber geschrieben, daß es so ist, als würde man sein Leben in einem Schlafraum oder Badezimmer verbringen, sehr klein, vielleicht sechs Quadratmeter groß. Da hältst du dich 22 Stunden am Tag auf, denn zwei Stunden am Tag haben wir Hofgang, aber ich nenne das den »Käfig«, weil das mehr ein Käfig ist als ein Hof. Stellt euch also einfach vor, ihr seid 24 Stunden am Tag in einem Raum eingesperrt – und das über viele Jahre. Das ist die Situation, das ist die Realität. Du machst alles dort, essen, schlafen, lesen, singen, machst deine Gymnastik, eben alles, was ein Mensch so macht.

Bryan: Wir kennen uns nun schon viele Jahre, länger als die letzten sieben Jahre, in denen ich dich offensiv als dein Anwalt vertrete. Hin und wieder hast du mir von anderen Gefangenen erzählt, die sich das Leben genommen haben. Kannst du uns etwas mehr über das Leben im Todestrakt erzählen?

Abu-Jamal: Innerhalb des letzten Jahres haben sich zwei meiner Freunde umgebracht. Männer, die ich seit einigen Jahren gut kannte, Bill Tilley und José Pagán. Der eine so gegen vier oder fünf Uhr morgens, der andere gegen acht Uhr. Beide haben sich jeweils eine Schlinge um den Hals gelegt und sich erhängt. Das hat uns alle hier im Todes­trakt schockiert. Wir kannten sie beide gut, wir mochten sie, sie hatten einen feinen Charakter, waren gute Leute, haben gekämpft – und plötzlich waren sie nicht mehr da. Daran zeigt sich der Einfluß, den der Todestrakt auf Menschen ausübt, sein psychologischer Einfluß, der Menschen buchstäblich in den Tod treiben kann. Genau das war der Fall bei Bill Tilley und José Pagán.

Bryan: Und wie geht es Mumia Abu-Jamal unter diesen furchtbaren Bedingungen? Was hält dich aufrecht?

Abu-Jamal: Zum Beispiel solche Veranstaltungen wie eure dort – das weiß ich von ganzem Herzen zu schätzen. Wir haben eine gute Unterstützerbasis in Deutschland wie auch in anderen Ländern. Ich höre von Leuten, kommuniziere mit ihnen und bin in der Lage teilzunehmen an dem, was sich an einem anderen Ort wie bei euch mit vielen, vielen anderen Menschen ereignet. Das gibt mir große Kraft und befähigt mich, gegen die Bedingungen hier im Todestrakt zu kämpfen.

Bryan: Bevor du angerufen hast, sprach ich gerade darüber, wie du durch deine Arbeit als Journalist, durch dein Schreiben aus dem Todestrakt, zwangsläufig zu einem Sprecher der über 20000 Männer, Frauen und Kinder in den Todeszellen dieser Welt geworden bist. Ich habe auch darüber gesprochen, warum dein Fall nicht nur für dich, sondern auch für andere so an Bedeutung gewonnen hat. Kannst du etwas dazu sagen, warum das so wichtig ist?

Abu-Jamal: Ich habe gerade gestern abend einen Brief von Frances Goldin gelesen …

Bryan: … die deine literarische Agentin in den USA ist …

Abu-Jamal: … ja, Frances zitiert aus einem Artikel der New York Times, einer Kolumne von Adam Liptak, der über juristische Themen schreibt [siehe: www.nytimes.com/2010/01/05/us/05bar.html

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