22.08.2009 / Thema / Seite 10

»Die Höhlen kann man graben«

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Dietmar Dath. Teil 1: Über Klassenkampf, Planwirtschaft und die Aktualität Lenins

Alexander Reich und Thomas Wagner
Dietmar Dath wurde 1970 in der Nähe von Freiburg im Breisgau geboren. Der Science-Fiction-, Horror- und Heavy-Metal-Fan hat nie einen Hehl aus seinen marxistischen Überzeugungen und seiner Bewunderung für das politische Denken Lenins gemacht. Er war Chefredakteur der Musikzeitschrift Spex (1998–2000) und Redakteur der FAZ (2001–2007). Sein Roman »Die Abschaffung der Arten« stand 2008 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Im September kommt bei Suhrkamp sein Roman »Sämmtliche Gedichte« heraus. Im Januar 2010 soll von ihm im selben Verlag in der Reihe BasisBiographien (Band 35) ein Buch über Rosa Luxemburg erscheinen. Dath hat im April in der jW-Ladengalerie aus seinem politischen Essay »Maschinenwinter« und anderen Texten gelesen.
Vielleicht sind Sie zur Zeit der einzige Marxist unter den deutschen Schriftstellern. Welche Texte von Marx haben für Sie eine besondere Bedeutung?

Unverzichtbar finde ich die Feuerbachthesen, also daß es auf die Praxis ankommt. Am zweitwichtigsten ist die Klassengeschichte, also daß es eine Rolle spielt, wo ich im gesellschaftlichen Produktionsprozeß stehe. Ich muß eine Praxis haben, und die spielt sich zwischen Gruppen ab, die in einem antagonistischen Widerspruch zueinander stehen, also Klassen. Im Vergleich dazu halte ich die Krisentheorie für verzichtbar. Die kann ich auch von einem bürgerlichen oder keynesianischen Standpunkt aus haben. Ich habe gerade ein Gespräch zwischen dem Schriftsteller H.G. Wells und Stalin über den New Deal gelesen. Wells hat im Juni 1934 eine ausgedehnte Welttournee hinter sich und erzählt, daß die Amerikaner sich ja jetzt auch langsam in Richtung Sozialismus bewegen. Stalin sagt: Alles gut und schön, aber sie werden niemals die Eigentumsverhältnisse ändern. Sie werden niemals etwas machen, was die Situation ändert, die das heraufbeschworen hat, was sie jetzt pflastern wollen. Insofern ist das so sinnlos wie Dem-eigenen-Schwanz-Hinterherrennen.Wells meint, daß doch alle etwas davon haben, wenn das marode System geflickt wird. An dieser Stelle bringt Stalin den Klassenstandpunkt rein und sagt: Einige hätten eben nichts davon, wenn das Ding grundlegend geändert wird, und das sind die, die am Steuer sitzen. Deshalb wird nichts passieren. Das hat damals gestimmt. Wäre ich noch bei der FAZ, hätte ich sicherlich eine schöne Glosse daraus machen können, wie H.G. Wells und Stalin sich über Obama unterhalten.

Keynes führt nicht weit genug. Aber ist zur Zeit nicht eher zu wü...

Unverzichtbar finde ich die Feuerbachthesen, also daß es auf die Praxis ankommt. Am zweitwichtigsten ist die Klassengeschichte, also daß es eine Rolle spielt, wo ich im gesellschaftlichen Produktionsprozeß stehe. Ich muß eine Praxis haben, und die spielt sich zwischen Gruppen ab, die in einem antagonistischen Widerspruch zueinander stehen, also Klassen. Im Vergleich dazu halte ich die Krisentheorie für verzichtbar. Die kann ich auch von einem bürgerlichen oder keynesianischen Standpunkt aus haben. Ich habe gerade ein Gespräch zwischen dem Schriftsteller H.G. Wells und Stalin über den New Deal gelesen. Wells hat im Juni 1934 eine ausgedehnte Welttournee hinter sich und erzählt, daß die Amerikaner sich ja jetzt auch langsam in Richtung Sozialismus bewegen. Stalin sagt: Alles gut und schön, aber sie werden niemals die Eigentumsverhältnisse ändern. Sie werden niemals etwas machen, was die Situation ändert, die das heraufbeschworen hat, was sie jetzt pflastern wollen. Insofern ist das so sinnlos wie Dem-eigenen-Schwanz-Hinterherrennen.Wells meint, daß doch alle etwas davon haben, wenn das marode System geflickt wird. An dieser Stelle bringt Stalin den Klassenstandpunkt rein und sagt: Einige hätten eben nichts davon, wenn das Ding grundlegend geändert wird, und das sind die, die am Steuer sitzen. Deshalb wird nichts passieren. Das hat damals gestimmt. Wäre ich noch bei der FAZ, hätte ich sicherlich eine schöne Glosse daraus machen können, wie H.G. Wells und Stalin sich über Obama unterhalten.

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