16.01.2009 / Ausland / Seite 6

Zwei Stunden in der Hölle

Israel greift die Palästinenser aus der Luft, vom Land und vom Meer her an. Es gibt keinen Ort, wohin man flüchten könnte

Luisa Morgantini
Die italienische Abgeordnete des Europäischen Parlaments Luisa Morgantini besuchte am vergangenen Sonntag mit einer Delegation den von Israel mit Krieg überzogenen Gazastreifen. Wir dokumentieren ihren Bericht, der am Mittwoch in der italienischen Zeitung Il Manifesto erschien:

Wenig mehr als zwei Stunden reichten aus, um das schreckliche Ausmaß der Zerstörung und der Verzweiflung der Menschen in Palästina zu erkennen. Wir – acht Mitglieder des Europäischen Parlaments und ein italienischer Senator (der Demokratischen Partei, PD) – sind die einzigen politischen Repräsentanten, die nach dem israelischen Angriff in den Gazastreifen gelangt sind.

Wir sind dank der Hilfe des UN-Hilfswerks (UNRWA) und der ägyptischen Behörden am Rafah-Übergang eingereist, nachdem unsere Bitte von israelischer Seite abgelehnt worden war. Ganz in der Nähe des UN-Gebäudes, in dem wir uns aufhielten, gingen Granaten und Bomben nieder, trotz der angeblichen dreistündigen Feuerpause, die aber nicht eingehalten wird. Die Resolution (1860, d. Red.)des UN-Sicherheitsrats wurde von Israel wie der Hamas gleichermaßen zurückgewiesen.

»Beide Seiten werden sich zum Sieger erklären, während wir hier sterben«, so ein in einem UN-Flüchtlingslager auf dem Boden liegender Mann. Natürlich trägt die Hamas ihren Teil der Verantwortung, aber die Asymmetrie läßt sich nicht leugnen. Seit mehr als 40 Jahren fährt Israel damit fort, palästinensisches Land und seine Bevölkerung unter Anwendung militärischer Gewalt und unter Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts zu besetzen und zu kolonisieren. In Rafah sah ich vom Terror gezeichnete Menschen, erschöpft durch Schlaflosigkeit, verursacht durch zweiwöchiges, schweres Bombardement, durch verzweifelte Suche nach Leichen unter den Trümmern. Und auch durch den Hunger, der schon mindestens solange andauert wie die Blockade, also lange, bevor die Operation »Gegossenes Blei« die Zivilbevölkerung des Gazastreifens als eine Form der kollektiven Bestrafung heimsuchte, begann.

Sie werden aus der Luft, vom Land und vom Meer her angegriffen; niemand und nichts ist sicher. Und es ist vielleicht das erste Mal überhaupt, daß eine bombardierte Bevölkerung keinen Ort hat, wohin sie flüchten kann: die Grenzen sind geschlossen, also müssen sie bleiben und auf den Tod warten. Einer von ihnen, er heißt Raed, erzählte mir: »Jedesmal bevor ich zu schlafen versuche, küsse ich meine Frau in der Hoffnung, daß wir am folgenden Tag noch zusammen sind und nicht durch die Bomben getötet wurden.«

Horror und Straflosigkeit: Die UNRWA-Schule in Dschabalija wurde gezielt von einer Rakete getroffen, und es war nicht die Hamas, die schoß. 45 Zivilisten wurden dabei getötet. Die Leichenhallen quellen über, und die Krankenhäuser sind überfüllt mit Menschen, die Brandverletzngen durch weißem Phosphor davontrugen oder von DIME-Waffen verwundet wurden, die schon im Libanon eingesetzt worden waren – Israel hat das schon zugegeben.

Ein Arzt erzählte uns, daß Patienten mit chronischen Krankheiten nicht mehr versorgt werden können, weil es keine Medikamente und zu viele Verwundete gibt. In Gaza schauten uns Dutzende Mütter, die mit ihren Kindern in einem kleinen Raum eingepfercht waren, verzweifelt an. Der Blick einiger von ihnen war trostlos und leer. Sie zeigten auf ihre verwundeten Kinder und fragten: »Warum?«

Das UN-Hilfswerk beklagt das Fehlen von Gütern aller Art, die dringend benötigt werden. Israel weigert sich, Hilfslieferungen zuzulassen. Aber nichts und niemand ist sicher vor Israels Entscheidung, den Kurs der Illegalität einzuschlagen.

Während Gaza bombardiert wird, nimmt die Zahl illegaler Siedler im Westjordanland zu, und der Bau der Mauer schreitet voran, wodurch Land enteignet und Palästinenser von Palästinensern getrennt werden. Die Hoffnung aufrechtzuerhalten auf einen Staat innerhalb der Grenzen von 1967 mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt, wird immer schwieriger.

Wie können wir die Internationale Gemeinschaft dazu bewegen, ihre Verantwortung zu übernehmen? Wie läßt sich eine sofortige Feuerpause erreichen? Wie können wir Israel davon überzeugen, daß es sich an das Völkerrecht zu halten hat und endlich anfangen muß, auf die Stimmen – von innen und von außen – zu hören, die Frieden, Gerechtigkeit und Würde für das palästinensische Volk einklagen, als einzigen Weg für Israels Sicherheit. Die EU muß den Mut und den Zusammenhalt haben, ihre Beziehungen und ihre Zusammenarbeit mit Israel, vor allem die militärische Kooperation nicht weiter aufzuwerten.

Wir fordern dies mit Nachdruck, sowie eine Feuerpause von beiden Seiten und eine internationale Truppe zum Schutz der Zivilisten in Gaza und dem Westjordanland.

Und ich wünschte, daß die Friedensbewegung in Italien verstehen würde, daß Einigkeit entscheidend ist, und daß wir nicht für Israel oder für die Palästinenser sein dürfen, sondern für Rechte und Gerechtigkeit. Ich werde fortfahren, mich mit den Palästinensern und Israelis zu solidarisieren, die sagen: »Wir weigern uns, Feinde zu sein! – Stoppt das Massaker! – Stoppt die Besatzung!«

Quelle: luisamorgantini.net/node/750. Übersetzung: Jürgen Jung luisamorgantini.net/node/750

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