09.06.2008 / Feuilleton / Seite 13

Ein tragischer Spion

Hinweis auf Allan Winningtons erstaunlichen Tibet-Roman »Der Doppelagent«

Max Seltei
Fauliges Wasser bedeckte den verkarsteten Boden. Dahinter erhob sich ein Wall aus stinkendem Unrat und Müll, auf dem tote Hunde lagen. Raben hüpften um die Kadaver herum und hackten mit ihren Schnäbeln auf sie ein.« Diese ersten Eindrücke von einer »heiligen Stadt« müßten nicht dem Lhasa von 1904 entstammen – im päpstlichen Rom, das Goethe und Herder besuchten, sah es nicht viel besser aus. Die Ausrichtung auf Paradies oder Nirwana läßt die hygienischen Gegenwartsverhältnisse gern ungeklärt. Und so täuscht sich auch der junge John Holder, in Indien aufgewachsener Sohn einer Tibeterin und eines versoffenen englischen Kaufmanns, wenn er meint, die Tibeter unterschieden sich von »den Christen« wesentlich darin, daß sie keine religiösen Heuchler seien. Heiter den formalen Vorschriften des Glaubens zu gehorchen und seine heiligsten Gesetze ebenso heiter zu brechen, war Teil der katholischen, vorbürgerlichen Volksfrömmigkeit, ebenso wie die Laxheit im Umgang mi...

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