24.05.2007 / Inland / Seite 8

»Bund hat sich gegen die Beschäftigten positioniert«

Regierung hätte die Möglichkeit, Telekom-Vorstand zurückzupfeifen. Ver.di will Tarifkonditionen erhalten. Ein Gespräch mit Mike Döding

* Mike Döding ist Fachbereichsleiter Telekommunikation, Informationstechnologie und Datenverarbeitung im ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg

Die Telekom hat in den vergangenen Tagen 1200 streikende Beschäftigte angeschrieben und sie aufgefordert, sich zur Ableistung von Notdiensten bereitzuhalten. Wie reagiert die Gewerkschaft darauf?

Es besteht eine geltende Notdienstvereinbarung zwischen ver.di und der Telekom. Seit Beginn des Streiks fordern wir, diese Vereinbarungen in die Praxis umzusetzen. Die Telekom hat aber ausdrücklich erklärt, daß sie sich nicht daran halten will. Die Streikenden werden also schlicht und ergreifend bedroht und eingeschüchtert. Wir klären die Kollegen darüber auf, was tatsächlich hinter den Kulissen abgeht und wie sich der Arbeitgeber verhält – und wir fordern sie auf, diese Drohungen zu ignorieren und weiter am Arbeitskampf teilzunehmen.

Welche Belege haben Sie dafür, daß es dem Konzern lediglich um Einschüchterung geht?

Das erkennt man beispielsweise daran, daß nur streikende Kollegen zum Notdienst aufgefordert werden. Es gibt auch Beschäftigte, die nicht streiken, und Beamte, die gar nicht streiken dürfen. Man könnte die Notdienste also auch durch diese Kollegen erledigen lassen. Die Telekom wendet sich damit aber ausgerechnet an die streikenden ver.di-Mitglieder. Das alles macht deutlich, worum es geht: nämlich nicht darum, Probleme für die Öffentlichkeit zu beseitigen, sondern die Kollegen am Streik zu hindern.

Inwiefern spielt die mögliche Beeinträchtigung des G-8-Gipfels in diesem Zusammenhang eine Rolle?

Der G-8-Gipfel an sich wird wegen des Streiks sicher nicht in Frage stehen. Aber Informationen von Heiligendamm aus in der Öffentlichkeit zu verbreiten, könnte eventuell zum Problem werden. Das läge dann aber in der Verantwortung der Telekom. Ob das tatsächlich der Grund für das Unternehmen ist, den Hardliner zu spielen und sich eine Konfrontation mit den Beschäftigten zu erlauben, kann ich schlecht beurteilen.

Eine Beeinträchtigung des Gipfels durch den Streik ist also tatsächlich möglich?

Wenn keine Kabel in der Erde liegen oder sie nicht zusammengeschaltet werden, kommt irgendwann der Punkt, an dem die Zeit nicht mehr reicht, das nachzuholen. Solange der Streik andauert, bleibt für die Telekom und die Bundesregierung also das theoretische Restrisiko, daß es nicht funktioniert.

Die Globalisierungskritiker fänden das sicher super.

Ja, wir finden wohl neue Freunde, andere reagieren mittlerweile hingegen ganz schön genervt. Uns bietet das ein sehr großes Druckpotential. Allerdings muß man mit so etwas sehr sorgfältig umgehen und genau überlegen, was man tut. Das machen wir.

Der Bund ist größter Anteilseigner der Telekom. Welche Rolle spielt die Regierung in der Auseinandersetzung?

Nach außen hin bezieht der Bund keine Position und sagt: Das ist ein internes Problem der Telekom. Man muß aber sagen, daß die Vertreter der Bundesregierung im Aufsichtsrat den Plänen zugestimmt haben. De facto hat sich der Bund also positioniert – gegen die Beschäftigten. Deshalb muß man schon die Frage stellen, wie das zu vereinbaren ist: Auf der einen Seite immer zu sagen, man wolle existenzsichernde Arbeit erhalten und auf der anderen zu unterschreiben, daß 50000 Menschen eben diese Perspektive verlieren sollen.

Ver.di hat kürzlich erklärt, man würde die Ausgliederung »zähneknirschend« hinnehmen, wenn Besitzstände gewahrt blieben. Befürchten Sie nicht, daß es den Beschäftigten nach einer Ausgliederung in ein, zwei Jah...

Nach außen hin bezieht der Bund keine Position und sagt: Das ist ein internes Problem der Telekom. Man muß aber sagen, daß die Vertreter der Bundesregierung im Aufsichtsrat den Plänen zugestimmt haben. De facto hat sich der Bund also positioniert – gegen die Beschäftigten. Deshalb muß man schon die Frage stellen, wie das zu vereinbaren ist: Auf der einen Seite immer zu sagen, man wolle existenzsichernde Arbeit erhalten und auf der anderen zu unterschreiben, daß 50000 Menschen eben diese Perspektive verlieren sollen.



Ja, wir finden wohl neue Freunde, andere reagieren mittlerweile hingegen ganz schön genervt. Uns bietet das ein sehr großes Druckpotential. Allerdings muß man mit so etwas sehr sorgfältig umgehen und genau überlegen, was man tut. Das machen wir.



Wenn keine Kabel in der Erde liegen oder sie nicht zusammengeschaltet werden, kommt irgendwann der Punkt, an dem die Zeit nicht mehr reicht, das nachzuholen. Solange der Streik andauert, bleibt für die Telekom und die Bundesregierung also das theoretische Restrisiko, daß es nicht funktioniert.



Der G-8-Gipfel an sich wird wegen des Streiks sicher nicht in Frage stehen. Aber Informationen von Heiligendamm aus in der Öffentlichkeit zu verbreiten, könnte eventuell zum Problem werden. Das läge dann aber in der Verantwortung der Telekom. Ob das tatsächlich der Grund für das Unternehmen ist, den Hardliner zu spielen und sich eine Konfrontation mit den Beschäftigten zu erlauben, kann ich schlecht beurteilen.

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