23.03.2006 / Feuilleton / Seite 12

In falschen Hälsen

»Das Leben der Anderen« – einfach ein gutes Melodrama.

Jürgen Karl Klauß

Ein Film, der die Wissenden von den Unwissenden trennt und sich der Zustimmung letzterer sicher sein darf, ist Florian Henckel von Donnersmarck gelungen. Was ergreift mehr unbedarfte Herzen als ein Melodram? Zwar hält dessen Anspruch, eine historische Realität abzubilden, genauerer Überprüfung nicht stand. Aber das schmälert keineswegs die allgemeine Euphorie, auch nicht die in den Redaktionsstuben. Statt genauer nachzuforschen, schließt man sich überkommenen Bildern an, fragt: »Aber es könnte doch so gewesen sein, oder wäre das völlig ausgeschlossen? Na also!«

»Das Leben der Anderen« spielt Mitte der 80er. Hier war der Erosionsprozeß des Staates DDR in vollem Gange. In den 60ern oder 70ern wäre die Geschichte etwas plausibler gewesen. Aber auch aus dieser Zeit ist kein Selbstmord eines namhaften Regisseurs bekannt, kein Opfertod einer hochrangigen Schauspielerin. Es gab Liebesverhältnisse zwischen Schauspielerinnen und Funktionären, Beispiele wären Vera Oelschlegel und der Berliner SED-Bezirkschef Konrad Naumann, Angelika Waller und der designierte Honecker-Nachfolger Werner Lamberz. Aber kein Spitzenfunktionär konnte die Stasi einfach mal so auf seinen Nebenbuhler ansetzen. Jede »Eröffnung eines operativen Vorgangs« kam zu den Akten. Selbst über Markus Wolf und Erich Mielke wurden Akten geführt (letzterer ordnete einmal einen Eintrag über sich selbst an: keine ungenehmigten Westkontakte).

Filme leben von visuellen und szenischen Einfällen, sind besser oder schlechter ausgedachte Lügengeschichten. Das wissen auch doofe Zuschauer. Etwas anderes ist es, wenn sie Anspruch auf Authentizität erheben. Und weil man Donnersmarck für seinen Debütfilm ein beachtliches handwerkliches Können bescheinigen muß, besonders in puncto Schauspielerführung, ist schärferes Kritisieren angebracht als bei den anderen Kasperle-Geschichten aus dem Märchenland DDR.

Auch wenn es die mediale Begleitmusik suggeriert: Der Film zeigt so gut wie keinen DDR-Alltag, schon aus Kostengründen. Man sieht niemanden Straßenbahn fahren, in der HO Pökelfleisch kaufen, erlebt keine Parteiversammlung und keine Schlange von Wartenden, die vor zwölf Jahren beantragte Trabis abholen. Der Film enthält kaum Totalen, auch nicht solche, die möglich gewesen wären und das Cinemascope-Format gerechtfertigt hätten, etwa vom Stasihauptquartier in der Normannenstraße oder dem Knast in Hohenschönhausen. In Nahaufnahmen läßt sich's leichter und unaufwendiger erzählen. Davon leben Action-und Videoclip-Regisseure. Zur Not kann man auch gute Melodramen so erzählen.

»Das Leben der Anderen«, BRD 2006, Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 137 min, Kinostart heute
Ein Film, der die Wissenden von den Unwissenden trennt und sich der Zustimmung letzterer sicher sein darf, ist Florian Henckel von Donnersmarck gelungen. Was ergreift mehr unbedarfte Herzen als ein Melodram? Zwar hält dessen Anspruch, eine historische Realität abzubilden, genauerer Überprüfung nicht stand. Aber das schmälert keineswegs die allgemeine Euphorie, auch nicht die in den Redaktionsstuben. Statt genauer nachzuforschen, schließt man sich überkommenen Bildern an, fragt: »Aber es könnte doch so gewesen sein, oder wäre das völlig ausgeschlossen? Na also!«

»Das Leben der Anderen« spielt Mitte der 80er. Hier war der Erosionsprozeß des Staates DDR in vollem Gange. In den 60ern oder 70ern wäre die Geschichte etwas plausibler gewesen. Aber auch aus dieser Zeit ist kein Selbstmord eines namhaften Regisseurs bekannt, kein Opfertod einer hochrangigen Schauspielerin. Es gab Liebesverhältnisse zwischen Schauspielerinnen und Funktionären, Beispiele wären Vera Oelschlegel und der Berliner SED-Bezirkschef Konrad Naumann, Angelika Waller und der designierte Honecker-Nachfolger Werner Lamberz. Aber kein Spitzenfunktionär konnte die Stasi einfach mal so auf seinen Nebenbuhler ansetzen. Jede »Eröffnung eines operativen Vorgangs« kam zu den Akten. Selbst über Markus Wolf und Erich Mielke wurden Akten geführt (letzterer ordnete einmal einen Eintrag über sich selbst an: keine ungenehmigten Westkontakte).

Filme leben von visuellen und szenischen Einfällen, sind besser oder schlechter ausgedachte Lügengeschichten. Das wissen auch doofe Zuschauer. Etwas anderes ist es, wenn sie Anspruch auf Authentizität erheben. Und weil man Donnersmarck für seinen Debütfilm ein beachtliches handwerkliches Können bescheinigen muß, besonders in puncto Schauspielerführung, ist schärferes Kritisieren angebracht als bei den anderen Kasperle-Geschichten aus dem Märchenland DDR.

Auch wenn es die mediale Begleitmusik suggeriert: Der Film zeigt so gut wie keinen DDR-Alltag, schon aus Kostengründen. Man sieht niemanden Straßenbahn fahren, in der HO Pökelfleisch kaufen, erlebt keine Parteiversammlung und keine Schlange von Wartenden, die vor zwölf Jahren beantragte Trabis abholen. Der Film enthält kaum Totalen, auch nicht solche, die möglich gewesen wären und das Cinemascope-Format gerechtfertigt hätten, etwa vom Stasihauptquartier in der Normannenstraße oder dem Knast in Hohenschönhausen. In Nahaufnahmen läßt sich's leichter und unaufwendiger erzählen. Davon leben Action-und Videoclip-Regisseure. Zur Not kann man auch gute Melodramen so erzählen.

Artikel-Länge: 2715 Zeichen

Willkommen bei der Tageszeitung junge Welt

Zum Aufrufen dieser Seite ist ein Onlineabo erforderlich.

Bitte einloggen

Hilfe und Informationen

Abo abschließen

Welche Vorteile bietet ein Onlineabo?

  • Zugriff auf das Archiv seit 1997, alle Artikel und Recherchewerkzeuge.
  • E-Mail-Abo im Text-, HTML- oder E-Pub-Format.
  • Zugriff auf Seiten im PDF-Format.
  • Verwalten eigener Lesezeichen.

Zur aktuellen Ausgabe