15.04.2002 / Thema / Seite 0

Gewehre umgedreht

Die Namenslisten der »Nazis« im Dienste der DDR (Teil II und Schluß)

Detlef Joseph

»Das folgenreichste dürfte der emotionale Antikommunismus sein. Er ist die offizielle staatsbürgerliche Haltung, und in ihm haben sich ideologische Elemente des Nazismus mit denen des kapitalistischen Westens amalgamiert. So ist eine differenzierte Realitätsprüfung für alles, was mit dem Begriff "kommunistisch" bezeichnet werden kann, ausgeblieben.«

(Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern, 1994)


Wer waren die inkriminierten Personen?

Herbert Kröger (SED): (1913-1989); Studium der Staats- und Rechtswissenschaften in Berlin und Jena; 1933 SA; 1935 Dr. jur.; 1936-37 Soldat der Wehrmacht; 1937 NSDAP; 1938 SS, zuletzt SS-Oberscharführer (Feldwebel) in einer dem SD-Hauptamt unterstehenden Einheit; 1939 zweite juristische Staatsprüfung, Gerichtsassessor, 1941 Ernennung zum Landgerichtsrat und Tätigkeit in Guben; Wehrmacht und sowjetische Kriegsgefangenschaft; Mitarbeiter im Nationalkomitee »Freies Deutschland« (NKFD); Antifaschule in Krasnogorsk. 1947 Rückkehr nach Deutschland; Professor an der Verwaltungsakademie der DDR in Forst-Zinna bzw. an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam-Babelsberg, 1955-1964 deren Rektor. 1964-1978 Direktor beziehungsweise stellvertretender Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen der Akademie für Staat und Recht, 1950-1963 Volkskammerabgeordneter. Kröger war einer der Verteidiger der KPD in dem gegen sie in der BRD durchgeführten Verbotsprozeß. Von 1965 bis 1989 war er Vizepräsident der Gesellschaft für Völkerrecht der DDR.

Kriegs- und Naziverbrechen wurden ihm nicht zur Last gelegt, aber eine diffamierende Beurteilung ausgestellt: »Herbert Kröger war als SS-Führer bis zu seiner Gefangennahme ... ein getreuer Gefolgsmann Hitlers und wurde nach 1945 zum unterwürfigen Diener Ulbrichts und der SED. Er stellte das, was er an juristischer Technik gelernt und für die Nazis verwendet hatte, nunmehr in den Dienst des Kommunismus.« Genau das machte ihn schuldig!

Ernst Melsheimer (KPD/SED): (1897-1960); Studium der Rechtswissenschaft in Marburg und Bonn, 1918 Dr. jur., seit 1924 Landgerichtsrat in Berlin, 1926 Beginn der Tätigkeit im Preußischen Justizministerium; 1928-1932 Mitglied der SPD; 1932 Oberjustizrat im Preußischen Justizministerium; ab 1933 Direktor beim Landgericht 3 in Berlin; Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und des republikanischen Richterbundes. Wegen dieser Organisationszugehörigkeit wurde er 1933 aus dem preußischen Justizministerium an den 1. Zivilsenat des Kammergerichts versetzt. Dessen ungeachtet konnte er seine berufliche Laufbahn als Landgerichtsdirektor in Berlin fortsetzen und war seit 1937 auch als Rechtsberater für die NS-Wohlfahrt tätig. Seine Ernennung zum Kammergerichtsrat erfolgte 1940. Der NS-Wohlfahrt (NSV) war er 1937 beigetreten. Seit 1936 war Melsheimer Mitglied des NS-Rechtswahrerbundes (NSRB). (Kappelt kommentierte diese Tatsache mit wenig Sachkunde über den Mechanismus faschistischer Machtausübung: »Ein besonders schwerer Fall von politischem Tätertum liegt bei Ernst Melsheimer vor, der es trotz seiner Mitgliedschaft im NS-Rechtswahrerbund nach 1945 bis zum Generalstaatsanwalt der DDR brachte.« Der Antifaschist Wolfgang Weiß konstatierte: »Ohne Mitgliedschaft in diesem Rechtswahrerbund war keinerlei juristische Tätigkeit möglich.« Hans Christoph Buch nannte aber Melsheimer ohne weitere Begründung »Freislers Adlatus am NS-Volksgericht.«)

1945 war Melsheimer Staatsanwalt in Berlin-Friedenau und Berlin-Mitte, anschließend Leiter der Abteilung Gesetzgebung der Deutschen Zentralverwaltung für Justiz (DZVfJ), 1946-1949 Vizepräsident der DZVfJ und von 1949 bis zu seinem Tode 1960 Generalstaatsanwalt der DDR.

Von keiner Seite konnten ihm Nazi- und Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden, weil er die nicht begangen hatte. Olaf Kappelt aber unterstellte Melsheimer, daß etwa 800 Todesurteile in der DDR »auf sein Konto gehen« würden. Nach Öffnung der DDR-Archive vermochten die »Fahnder« der Gauck-Behörde diese exorbitante Zahl nicht nachzuweisen. Vom 8. Mai 1945 bis zum Jahre 1981 wurden in der SBZ/DDR von deutschen Gerichten insgesamt 373 Todesurteile verkündet und 208 vollstreckt, das letzte im Jahre 1981. Kappelt suggerierte überdies, bei den DDR-Todesurteilen hätte es sich um Willkürakte gehandelt. Mit dieser Auffassung steht Kappelt ziemlich allein.

Nun könnte man durchaus fragen, ob es besonders klug oder politisch opportun gewesen war, das Amt des höchsten Anklägers der DDR ausgerechnet einem Juristen zu übertragen, der schon in der Nazizeit tätig war. Selbst wenn er juristisch unschuldig geblieben war. Die Frage liefert schon die Antwort: natürlich nicht. Damit war er immer angreifbar. Und mit ihm der Staat, für den er Klage erhob.

Kurt Schumann (1908-1989): 1937 NSDAP. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften war er von 1931 bis 1935 im thüringischen Justizdienst und ab 1935 im Heeresjustizdienst tätig; 1942 Kriegseinsatz als Kriegsgerichtsrat; 1942 bei Stalingrad sowjetische Kriegsgefangenschaft; Mitbegründer des NKFD-nahen Bundes Deutscher Offiziere; 1948 Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft; NDPD, bis 1989 Mitglied des NDPD-Hauptausschusses; 1948 Landgerichtsrat beziehungsweise Landgerichtsdirektor in Altenburg, 1949-1960 Präsident des Obersten Gerichts der DDR, von 1960-1963 Professor für Zivilrecht und Zivilprozeßrecht an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften und danach bis zu seiner Emeritierung 1973 Professor für Zivilrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nazi- und Kriegsverbrechen hat Schumann nicht begangen.

Da gegen diese Juristen nichts tatsächlich Belastendes vorzubringen war, beschränkten sich die Vorwürfe auf verbale Attacken bzw. bloße Aufzählung der während der Nazizeit innegehabten Funktionen und Mitgliedschaften. Kappelt behauptete, Schumann hätte im Zweiten Weltkrieg »als gefürchteter Kriegsgerichtsrat« gewütet, ohne dafür auch nur einen Beleg vorzuweisen.

Die SED-Führung blieb von Vorhaltungen, daß angeblich »Nazis« in führenden Positionen der DDR arbeiten, nicht ganz unberührt. Es lag kein Grund vor, Beschuldigungen wegen der Beschäftigung ehemaliger NS-Anhänger zu fürchten. Aber es ging doch immer auch um das Ansehen der DDR. Und deshalb reagierte man umgehend. Im Falle Kurt Schumanns, seit Dezember 1949 Präsident des Obersten Gerichts der DDR, schrieb Albert Norden am 16. Januar 1960 an Walter Ulbricht, es tauche »in der gegnerischen Agitation immer wieder der Name des Richters Schumann auf. Die Londoner Times z. B. gibt zu, daß wir die Nazijuristen abserviert hätten, findet es darum aber um so komischer und erstaunlicher, daß unser Oberster Richter eben Schumann sei. Nun erinnere ich mich, daß Du bereits seit langer Frist im Politbüro den Hinweis gabst, daß hier eine Umbesetzung erfolgen und Schumann eine andere Funktion erhalten soll. Das ist noch nicht verwirklicht.« Schumann wurde im April 1960 von seiner Funktion am Obersten Gericht entbunden. Juristen der Nazizeit, vor allem jene, an deren Händen Blut klebte, hatten in der DDR jedenfalls keine Chance. Sie hatten ihre Heimat in der Bundesrepublik gefunden.


Hitler-Offiziere in der NVA?


Der Verweis auf ehemalige Wehrmachtangehörige als Mitwirkende bei der Schaffung der bewaffneten Kräfte der DDR ist nicht erst mit dem Untergang des sozialistischen Staates zum Thema geworden. Nach den Veröffentlichungen der DDR zur Rolle ehemaliger Nazi-Offiziere in den westdeutschen Streitkräften kam von dort die Retourkutsche. Nach dem Untergang der DDR entstanden auch durchaus seriöse Analysen, wobei allerdings die Wertungen nicht selten darauf abzielten, den DDR-Antifaschismus in Frage zu stellen. So konstatierte beispielsweise Rüdiger Wenzke, Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, 1994 in »Auf dem Wege zur Kaderarmee« zunächst mit Recht, daß nur ein relativ kleiner Teil der erforderlichen militärischen Spezialisten aus dem Offizierskorps der Wehrmacht ausgewählt und herangezogen worden sei. Nimmt man die Fakten, dann hat man es in diesem Fall mit einem sachlichen und informativen Beitrag zu tun. Nimmt man die Wertungen, hat man ein typisches Produkt des Zeitgeistes: »Dazu hatten sowjetische Offiziere und Funktionäre in den Kriegsgefangenen- und Antifalagern der UdSSR - nicht selten durch Ausübung politischen und moralischen Drucks - frühzeitig ein gewisses Potential willfähriger Wehrmachtsoffiziere schaffen können.« Den Einsatz und die Tätigkeit von Wehrmachtsoffizieren habe man weitgehend geheimgehalten, wobei der Westen dank seiner Agenten über hinreichend Informationen verfügte, so Wenzke. »In der späteren DDR-Propaganda wurde offiziell der Mythos gepflegt, beim Aufbau der ersten deutschen "Arbeiter- und Bauern-Armee" auf die Hilfe von "Hitler-Generalen" völlig verzichtet zu haben.«

Das allerdings war kein »Mythos«, sondern Realität! Die in die bewaffneten Kräfte der SBZ/DDR eingetretenen »Hitler-Generale« hatten sich von Hitler losgesagt und in ihrer Mehrzahl durch aktives Handeln gegen die Weiterführung des Krieges bewiesen, daß sie mit dem Nazismus gebrochen hatten. Nicht wenige von ihnen waren von nazistischen Gerichten in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Sie waren mithin tatsächlich keine »Hitler-Generale« mehr. Es greift daher auch nicht, wenn Wenzke meint, es hätte nicht ins Bild gepaßt, »daß sich zeitweise mehr ehemalige Wehrmachtsoffiziere in den Reihen ihres Offizierskorps befanden als Widerstandskämpfer und KPD-Funktionäre aus der Zeit vor 1945«. Abgesehen davon, daß die »Kommandohöhen«, wie Wenzke an anderer Stelle selbst geschrieben hatte, von Kommunisten eingenommen wurden. Es gehört schon gewisse Unverfrorenheit dazu, den Kommunisten vorzuhalten, daß sie nicht ausreichend Militärs in ihren Reihen hatten, um das Heft des militärischen Aufbaus überall selbst in die Hand zu nehmen.

Die »Väter« der Bundeswehr hatten nachgewiesenermaßen einen solchen Bruch mit ihrer Vergangenheit nicht vollzogen, wie es die Militärs im Osten getan hatten. Sie waren mehrheitlich ihrem »Führer« bis zum bitteren Ende treu geblieben. Der naserümpfende Hinweis im Westen auf die angeblich »kommunistisch geläuterten Wehrmachtsoffiziere« machte nämlich eines unbewußt deutlich: Diese hatten schon früher mit Hitler gebrochen als ihre Kollegen im Westen. Deren »Bruch« erfolgte erst mit der bedingungslosen Kapitulation.

Die Militärs handelten als deutsche Patrioten, als sie sich in die Antihitlerkoalition einreihten und gegen die Nazidiktatur kämpften: in Kriegsgefangenenlagern oder an der Front, um deutsche Soldaten zur Einstellung des Kampfes aufzufordern, als Aufklärer der Roten Armee hinter der Front, als Partisanen oder Agitatoren, die versuchten, Truppenteile zur Kapitulation zu bewegen, was mancher mit seinem Leben bezahlte.

Eine solch aktive antinazistische Haltung sucht man bei den von der DDR aufgelisteten Westmilitärs vergebens. Sie waren bis 1945 unbelehrbare Antikommunisten, und sie blieben es auch. Deshalb brauchte man sie ja.


MfS - »Heimstatt von Ex-Nazis«


Zur antikommunistischen Hetze gehört, das MfS als »Träger des Terrors« mit dem deutschen Faschismus in eine mindestens partielle Verbindung zu bringen. 1994 erklärte der Präsident des BND, der Sozialdemokrat Konrad Porzner: »MfS und Stasi sind mit der Gestapo vergleichbar, nicht mit dem Bundesnachrichtendienst.«

Natürlich sind weder der BND noch der Verfassungsschutz, aber ebensowenig ist auch das MfS mit der Gestapo vergleichbar.

Jens Gieseke hat sich 1997 in seinem Aufsatz »Erst braun, dann rot? zur Frage der Beschäftigung ehemaliger Nationalsozialisten als hauptamtliche Mitarbeiter des MfS« sachlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Mit Recht weist er darauf hin, daß man, wenn man versuche, »die Quellenbasis für die in ... Veröffentlichungen genannten Einzelfälle zu ergründen, ... auf eine - als abschreckendes Beispiel geradezu lehrbuchtaugliche - Zitierkette (stoße). Insgesamt zwölf Personen werden in Artikeln und Büchern namentlich als Beispiele erwähnt.« Die »Urquelle« seien Veröffentlichungen des »Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen«, die sich ihrerseits auf Aussagen von Überläufern und andere dubiose Quellen stützten.

Gieseke zog den Schluß, »daß der hauptamtliche Apparat der Staatssicherheit im Vergleich zu anderen Zweigen des SED-Herrschaftssystems ein Feld relativer avantgardistischer Reinheit war, in dem das "Fachwissen" zur Ausübung geheimdienstlichen Terrors und zur Überwachung der Bevölkerung nicht von - im leninistischen Sinne - "bürgerlichen Spezialisten" beigesteuert, sondern in erster Linie durch die Anleitung und das Vorbild der sowjetischen Sicherheitsorgane und ihrer Instrukteure vermittelt wurde«.

Daß Gieseke nicht unbedingt ein Freund der DDR oder des MfS war und ist, wies er durchaus nach: »Es bleibt weiterer Forschung vorbehalten, näher zu analysieren, inwiefern sich auf anderen Ebenen der Herrschaftspraxis, zum Beispiel des Instrumentariums der Aktenführung, der Verhörmethoden und der Spitzelarbeit oder auch der ideologischen Legitimationsmuster für den totalen Machtanspruch, Kontinuitäten zwischen den Repressionsapparaten des "Dritten Reiches" und der DDR finden lassen, die im Widerspruch zur antifaschistischen Legitimationsideologie des stalinistischen Systems standen.« Insofern dürfte er über den Verdacht erhaben sein, er würde das MfS reinwaschen wollen.

Franz Gold (1913-1977); Generalleutnant des MfS und Leiter des Personenschutzes. Gold soll seit 1. November 1938 Mitglied der NSDAP gewesen sein. Kappelt schreibt boshaft, es gebe »bedeutsame Beispiele, wo frühere NSDAP-Mitglieder sich beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit hochdienen konnten«, wobei er Franz Gold als Beispiel anführte. Tatsächlich war Gold Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes und seit 1932 Mitglied der tschechischen KP. Bei Kappelt liest sich das so: »Seine Biographie bog sich Gold nach 1945 zurecht, insbesondere wurde angemerkt, er habe der KPC angehört und dem kommunistischen Jugendverband in der CSR.« Und Karl Wilhelm Fricke zeigte sich bei der 30. Sitzung der Bundestags-Enquete-Kommission am 5. März 1993 empört, als er zum Thema »Nazigrößen in der DDR« meinte, es habe »selbst in der Staatssicherheit ehemalige Nationalsozialisten gegeben, die bis zum Generalsrang aufstiegen. Ich denke an Franz Gold ..., Mitglied der NSDAP seit 1938. Ein Mann, der, wie viele andere ehemalige Nationalsozialisten, sich erst unter dem Eindruck des Rußlandfeldzuges und der Mitgliedschaft im Nationalkomitee "Freies Deutschland" zum Antifaschisten gewandelt hat.«

Tatsächlich wurde Gold 1940 zur Wehrmacht eingezogen und lief bereits im September 1941, mithin zum Zeitpunkt der größten Erfolge der nazistischen Wehrmacht, zur Roten Armee über. Er war 1942/43 Propagandist in deutschen Kriegsgefangenenlagern, 1943 Mitbegründer und Frontbevollmächtigter des NKFD. 1944/45 war Gold Kommandeur einer Partisaneneinheit beim slowakischen Nationalaufstand.

Jens Gieseke schrieb: »Am 2. November 1964 erschien in der Westberliner Boulevardzeitung BZ eine Meldung mit Foto unter der Überschrift: "Skandal um Ulbrichts Leibwächter. Gold - erst braun, dann rot" ... Die Nachricht schlug als "neuer Nazi-Skandal in Ulbrichts engster Umgebung" Wellen in der westlichen Öffentlichkeit, sie wurde sofort über die Agenturen... verbreitet. Die Zeitungsmeldung war zwar schnell wieder vergessen, ihr Inhalt fand aber Eingang in den westlichen Wissensschatz über die Staatssicherheit.« Noch 1994 war diese »Tatsache« für die Enquete-Kommission des Bundestags Veranlassung zu behaupten, »daß es in der SBZ/DDR Kontinuitäten nationalsozialistischen Denkens gegeben hat.«

Giesekes Nachprüfung ergab: Franz Gold war »tatsächlich nie Mitglied der NSDAP; die gegenteilige Behauptung basiert auf einer Verwechslung mit einer anderen Person gleichen Namens, die im Document Center als NSDAP-Mitglied ausgewiesen ist, was aber schon durch einen Vergleich der Geburtsdaten zu erkennen gewesen wäre«. Gieseke merkt an dieser Stelle an: »Das Geburtsdatum war zumindest bei der Erstellung des "Braunbuchs DDR" bereits bekannt; ob es schon bei der ersten Erwähnung 1964 vorlag, ist nicht ersichtlich.«

Von der Verleumdung des Generals Franz Gold einmal abgesehen, muß im übrigen erstens doch wohl angemerkt werden: Wäre Franz Gold 1938 tatsächlich der NSDAP beigetreten, dann wäre er 25 Jahre alt gewesen, ein Alter, in dem unter dem Aspekt der nazistischen Massenhysterie derartige Fehltritte wohl noch entschuldbar waren, sofern nicht verbrecherisches Verhalten hinzukam. Zum zweiten: Selbst wenn Gold der NSDAP beigetreten wäre, dann wäre sein Übertritt zur Roten Armee im Jahre 1941 schon ein antinazistisches Bekenntnis gewesen. Hier aber kam sogar noch weiterer aktiver Kampf gegen den deutschen Faschismus hinzu. Gründe genug, eine vermeintliche NSDAP-Mitgliedschaft differenziert zu bewerten ...

Detlef Joseph: Nazis in der DDR - Die deutschen Staatsdiener nach 1945 - woher kamen sie?. edition ost, Berlin 2002, 218 Seiten, 12,90 Euro

Zur antikommunistischen Hetze gehört, das MfS als »Träger des Terrors« mit dem deutschen Faschismus in eine mindestens partielle Verbindung zu bringen. 1994 erklärte der Präsident des BND, der Sozialdemokrat Konrad Porzner: »MfS und Stasi sind mit der Gestapo vergleichbar, nicht mit dem Bundesnachrichtendienst.«

Natürlich sind weder der BND noch der Verfassungsschutz, aber ebensowenig ist auch das MfS mit der Gestapo vergleichbar.

Jens Gieseke hat sich 1997 in seinem Aufsatz »Erst braun, dann rot? zur Frage der Beschäftigung ehemaliger Nationalsozialisten als hauptamtliche Mitarbeiter des MfS« sachlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Mit Recht weist er darauf hin, daß man, wenn man versuche, »die Quellenbasis für die in ... Veröffentlichungen genannten Einzelfälle zu ergründen, ... auf eine - als abschreckendes Beispiel geradezu lehrbuchtaugliche - Zitierkette (stoße). Insgesamt zwölf Personen werden in Artikeln und Büchern namentlich als Beispiele erwähnt.« Die »Urquelle« seien Veröffentlichungen des »Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen«, die sich ihrerseits auf Aussagen von Überläufern und andere dubiose Quellen stützten.

Gieseke zog den Schluß, »daß der hauptamtliche Apparat der Staatssicherheit im Vergleich zu anderen Zweigen des SED-Herrschaftssystems ein Feld relativer avantgardistischer Reinheit war, in dem das "Fachwissen" zur Ausübung geheimdienstlichen Terrors und zur Überwachung der Bevölkerung nicht von - im leninistischen Sinne - "bürgerlichen Spezialisten" beigesteuert, sondern in erster Linie durch die Anleitung und das Vorbild der sowjetischen Sicherheitsorgane und ihrer Instrukteure vermittelt wurde«.

Daß Gieseke nicht unbedingt ein Freund der DDR oder des MfS war und ist, wies er durchaus nach: »Es bleibt weiterer Forschung vorbehalten, näher zu analysieren, inwiefern sich auf anderen Ebenen der Herrschaftspraxis, zum Beispiel des Instrumentariums der Aktenführung, der Verhörmethoden und der Spitzelarbeit oder auch der ideologischen Legitimationsmuster für den totalen Machtanspruch, Kontinuitäten zwischen den Repressionsapparaten des "Dritten Reiches" und der DDR finden lassen, die im Widerspruch zur antifaschistischen Legitimationsideologie des stalinistischen Systems standen.« Insofern dürfte er über den Verdacht erhaben sein, er würde das MfS reinwaschen wollen.

Franz Gold (1913-1977); Generalleutnant des MfS und Leiter des Personenschutzes. Gold soll seit 1. November 1938 Mitglied der NSDAP gewesen sein. Kappelt schreibt boshaft, es gebe »bedeutsame Beispiele, wo frühere NSDAP-Mitglieder sich beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit hochdienen konnten«, wobei er Franz Gold als Beispiel anführte. Tatsächlich war Gold Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes und seit 1932 Mitglied der tschechischen KP. Bei Kappelt liest sich das so: »Seine Biographie bog sich Gold nach 1945 zurecht, insbesondere wurde angemerkt, er habe der KPC angehört und dem kommunistischen Jugendverband in der CSR.« Und Karl Wilhelm Fricke zeigte sich bei der 30. Sitzung der Bundestags-Enquete-Kommission am 5. März 1993 empört, als er zum Thema »Nazigrößen in der DDR« meinte, es habe »selbst in der Staatssicherheit ehemalige Nationalsozialisten gegeben, die bis zum Generalsrang aufstiegen. Ich denke an Franz Gold ..., Mitglied der NSDAP seit 1938. Ein Mann, der, wie viele andere ehemalige Nationalsozialisten, sich erst unter dem Eindruck des Rußlandfeldzuges und der Mitgliedschaft im Nationalkomitee "Freies Deutschland" zum Antifaschisten gewandelt hat.«

Tatsächlich wurde Gold 1940 zur Wehrmacht eingezogen und lief bereits im September 1941, mithin zum Zeitpunkt der größten Erfolge der nazistischen Wehrmacht, zur Roten Armee über. Er war 1942/43 Propagandist in deutschen Kriegsgefangenenlagern, 1943 Mitbegründer und Frontbevollmächtigter des NKFD. 1944/45 war Gold Kommandeur einer Partisaneneinheit beim slowakischen Nationalaufstand.

Jens Gieseke schrieb: »Am 2. November 1964 erschien in der Westberliner Boulevardzeitung BZ eine Meldung mit Foto unter der Überschrift: "Skandal um Ulbrichts Leibwächter. Gold - erst braun, dann rot" ... Die Nachricht schlug als "neuer Nazi-Skandal in Ulbrichts engster Umgebung" Wellen in der westlichen Öffentlichkeit, sie wurde sofort über die Agenturen... verbreitet. Die Zeitungsmeldung war zwar schnell wieder vergessen, ihr Inhalt fand aber Eingang in den westlichen Wissensschatz über die Staatssicherheit.« Noch 1994 war diese »Tatsache« für die Enquete-Kommission des Bundestags Veranlassung zu behaupten, »daß es in der SBZ/DDR Kontinuitäten nationalsozialistischen Denkens gegeben hat.«

Giesekes Nachprüfung ergab: Franz Gold war »tatsächlich nie Mitglied der NSDAP; die gegenteilige Behauptung basiert auf einer Verwechslung mit einer anderen Person gleichen Namens, die im Document Center als NSDAP-Mitglied ausgewiesen ist, was aber schon durch einen Vergleich der Geburtsdaten zu erkennen gewesen wäre«. Gieseke merkt an dieser Stelle an: »Das Geburtsdatum war zumindest bei der Erstellung des "Braunbuchs DDR" bereits bekannt; ob es schon bei der ersten Erwähnung 1964 vorlag, ist nicht ersichtlich.«

Von der Verleumdung des Generals Franz Gold einmal abgesehen, muß im übrigen erstens doch wohl angemerkt werden: Wäre Franz Gold 1938 tatsächlich der NSDAP beigetreten, dann wäre er 25 Jahre alt gewesen, ein Alter, in dem unter dem Aspekt der nazistischen Massenhysterie derartige Fehltritte wohl noch entschuldbar waren, sofern nicht verbrecherisches Verhalten hinzukam. Zum zweiten: Selbst wenn Gold der NSDAP beigetreten wäre, dann wäre sein Übertritt zur Roten Armee im Jahre 1941 schon ein antinazistisches Bekenntnis gewesen. Hier aber kam sogar noch weiterer aktiver Kampf gegen den deutschen Faschismus hinzu. Gründe genug, eine vermeintliche NSDAP-Mitgliedschaft differenziert zu bewerten ...


Der Verweis auf ehemalige Wehrmachtangehörige als Mitwirkende bei der Schaffung der bewaffneten Kräfte der DDR ist nicht erst mit dem Untergang des sozialistischen Staates zum Thema geworden. Nach den Veröffentlichungen der DDR zur Rolle ehemaliger Nazi-Offiziere in den westdeutschen Streitkräften kam von dort die Retourkutsche. Nach dem Untergang der DDR entstanden auch durchaus seriöse Analysen, wobei allerdings die Wertungen nicht selten darauf abzielten, den DDR-Antifaschismus in Frage zu stellen. So konstatierte beispielsweise Rüdiger Wenzke, Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, 1994 in »Auf dem Wege zur Kaderarmee« zunächst mit Recht, daß nur ein relativ kleiner Teil der erforderlichen militärischen Spezialisten aus dem Offizierskorps der Wehrmacht ausgewählt und herangezogen worden sei. Nimmt man die Fakten, dann hat man es in diesem Fall mit einem sachlichen und informativen Beitrag zu tun. Nimmt man die Wertungen, hat man ein typisches Produkt des Zeitgeistes: »Dazu hatten sowjetische Offiziere und Funktionäre in den Kriegsgefangenen- und Antifalagern der UdSSR - nicht selten durch Ausübung politischen und moralischen Drucks - frühzeitig ein gewisses Potential willfähriger Wehrmachtsoffiziere schaffen können.« Den Einsatz und die Tätigkeit von Wehrmachtsoffizieren habe man weitgehend geheimgehalten, wobei der Westen dank seiner Agenten über hinreichend Informationen verfügte, so Wenzke. »In der späteren DDR-Propaganda wurde offiziell der Mythos gepflegt, beim Aufbau der ersten deutschen "Arbeiter- und Bauern-Armee" auf die Hilfe von "Hitler-Generalen" völlig verzichtet zu haben.«

Das allerdings war kein »Mythos«, sondern Realität! Die in die bewaffneten Kräfte der SBZ/DDR eingetretenen »Hitler-Generale« hatten sich von Hitler losgesagt und in ihrer Mehrzahl durch aktives Handeln gegen die Weiterführung des Krieges bewiesen, daß sie mit dem Nazismus gebrochen hatten. Nicht wenige von ihnen waren von nazistischen Gerichten in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Sie waren mithin tatsächlich keine »Hitler-Generale« mehr. Es greift daher auch nicht, wenn Wenzke meint, es hätte nicht ins Bild gepaßt, »daß sich zeitweise mehr ehemalige Wehrmachtsoffiziere in den Reihen ihres Offizierskorps befanden als Widerstandskämpfer und KPD-Funktionäre aus der Zeit vor 1945«. Abgesehen davon, daß die »Kommandohöhen«, wie Wenzke an anderer Stelle selbst geschrieben hatte, von Kommunisten eingenommen wurden. Es gehört schon gewisse Unverfrorenheit dazu, den Kommunisten vorzuhalten, daß sie nicht ausreichend Militärs in ihren Reihen hatten, um das Heft des militärischen Aufbaus überall selbst in die Hand zu nehmen.

Die »Väter« der Bundeswehr hatten nachgewiesenermaßen einen solchen Bruch mit ihrer Vergangenheit nicht vollzogen, wie es die Militärs im Osten getan hatten. Sie waren mehrheitlich ihrem »Führer« bis zum bitteren Ende treu geblieben. Der naserümpfende Hinweis im Westen auf die angeblich »kommunistisch geläuterten Wehrmachtsoffiziere« machte nämlich eines unbewußt deutlich: Diese hatten schon früher mit Hitler gebrochen als ihre Kollegen im Westen. Deren »Bruch« erfolgte erst mit der bedingungslosen Kapitulation.

Die Militärs handelten als deutsche Patrioten, als sie sich in die Antihitlerkoalition einreihten und gegen die Nazidiktatur kämpften: in Kriegsgefangenenlagern oder an der Front, um deutsche Soldaten zur Einstellung des Kampfes aufzufordern, als Aufklärer der Roten Armee hinter der Front, als Partisanen oder Agitatoren, die versuchten, Truppenteile zur Kapitulation zu bewegen, was mancher mit seinem Leben bezahlte.

Eine solch aktive antinazistische Haltung sucht man bei den von der DDR aufgelisteten Westmilitärs vergebens. Sie waren bis 1945 unbelehrbare Antikommunisten, und sie blieben es auch. Deshalb brauchte man sie ja.


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