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08.10.2014 / 0 / Seite 99 (Beilage)

Vielfalt der Protestformen

Die »Bibliothek des Widerstands« dokumentiert Aufstieg und Fall der ­globalisierungskritischen Bewegung

Der Band 27 der »Bibliothek des Widerstands«, erschienen im Laika Verlag in Berlin, trägt den Titel »Geschichte wird gemacht!«. Er liefert einen mikroskopischen Blick auf verschiedene »Etappen des globalen Widerstands«, so der Untertitel. Entstehung, Wachstum und Niedergang der globalisierungskritischen Bewegung werden aus der Innenperspektive heraus rückblickend nachvollzogen.

Den einen Teil dieses Medienbuches bilden drei DVDs, auf denen sich, chronologisch geordnet, längere Dokumentationen und Agitpropfilme aus der Bewegung befinden. »Im Herbst der Bestie« (1989) macht als ältester Film den Anfang. Die zweistündige Doku (Regie: autofocus Videowerkstatt e.V.) beschäftigt sich mit den Protesten gegen den Westberliner Gipfel von IWF und Weltbank im Herbst '88. Den zeitlichen Schlusspunkt des auf den DVDs abgehandelten Zeitraums setzt die Produktion »>Handel macht Klima<-Karawane« (2010; Regie: Heiko Thiele, Jürgen Kraus). Sie zeigt den Verlauf der gleichnamigen Buskarawane, die 2009 rund vierzig Vertreter sozialer Bewegungen von der WTO-Konferenz in Genf über verschiedene Stationen zum Klimagipfel in Kopenhagen führte.

Unter den Produzenten ist das aus der Ostberliner Hausbesetzerszene hervorgegangene autonome Videokollektiv AK Kraak zu finden und die vom Kreuzberger content e.V. getragene Videoplattform kanalB. Letztere steuert Reportagen zum Protest gegen das IWF-Weltbank-Treffen im Jahr 2000 in Prag, zum G-8-Gipfel in Genua 2001 und eine Reportage aus dem krisengebeutelten Argentinien des Jahres 2002 bei. Auch wenn die Bilder dieser Filme sich teilweise ähneln: Die gezeigte Polizeirepression, die Gegenwehr der Protestierenden und deren Statements stehen im Dienst der Information über das jeweils konkrete Ereignis und werden nicht als verklärende Aufstandsbilder benutzt. Dagegen wird von Jill Freidberg und Richard Rowley in »The Fourth World War« (USA 2003) schlicht auf Überwältigung durch Betroffenheit gesetzt, mit wild zusammengeschnittenen, teils drastischen Bildern von Protesten aus aller Welt. Das ist einer Aufklärung des Zuschauers etwa über soziale Spannungen in Südafrika nicht gerade zuträglich.

Den anderen Teil des Bandes bildet Friederike Habermanns 264 Seiten umfassendes Buch, für das sie den Text geschrieben und zahlreiche Archivfotos zusammengestellt hat. Sie ist studierte Volkswirtin und war über einen längeren Zeitraum hinweg selbst Aktivistin in der Globalisierungsbewegung, wie sie sie nennt. Ausgangspunkt ist die These des Ökonomen Francis Fukuyama, der seinerzeit in dem Ende der Sowjetunion gleich auch das »Ende der Geschichte« ausmachte, da im ehemaligen »Ostblock« auf den Sozialismus nicht der Kommunismus, sondern erneut der Kapitalismus folge. Dem hält Habermann als Statement die Zeile »Geschichte wird gemacht« des Fehlfarben-Songs »Ein Jahr (Es geht voran)« entgegen und münzt den Satz hier speziell auf die Geschichte der Globalisierungsbewegung.

Habermann lässt den global vernetzten und selbstbestimmten Kampf gegen den Siegeszug des Neoliberalismus im Urwald des mexikanischen Bundesstaates Chiapas bei den Zapatisten beginnen. Dort hielten 1996 rund dreitausend Aktivisten aus über 50 Ländern als Delegierte ihrer Organisationen ein »intergalaktisches Treffen« ab. An diesem bunten Zusammenkommen verdeutlicht sich der früher sehr starke internationalistische Anspruch, der sich auch in Habermanns Begriffswahl von der Globalisierungsbewegung niederschlägt. Es ging also nicht gegen Globalisierung an sich, das Ziel war ein globalisierter Widerstand gegen die Globalisierung des Kapitals.

Bei einem ähnlichen Zusammentreffen ein Jahr später in Barcelona wurde Peoples Global Action (PGA) als nicht hierarchische Plattform verschiedener internationaler Organisationen gegründet. Bei PGA war auch Friederike Habermann im Bereich der Pressearbeit sowie als Aktivistin tätig. Deswegen kann sie verschiedene Gipfelproteste und andere Protestaktionen aus der Teilnehmerperspektive schildern. Zu nennen sind hier die Aktionen im Rahmen der Konferenz der WTO Ende 1999 in Seattle, wo auch die freie und offene Informationsplattform Indymedia den Betrieb aufnahm.

Auf den Höhepunkt an Erfolg, Popularität und öffentlicher Wahrnehmung, den die Globalisierungsbewegung in Seattle erlebte, folgte schon 2001 der Beginn ihres Zerfalls. Verantwortlich dafür sind laut Habermann vor allem zwei Faktoren. Zum einen die massive Brutalität durch die Polizei gegen die Demonstranten beim G-8-Gipfel in Genua. Die unglaubliche staatliche Gewalt, durch die auch Carlo Giuliani getötet wurde, schildert Habermann eindrücklich. Die faktische Außerkraftsetzung grundlegender Menschenrechte führte zu einer starken Verunsicherung in der Bewegung. Hinzu kamen 2001 die Anschläge vom 11. September, die weltweit verschärfte Einreisebedingungen nach sich zogen. Als in Deutschland 2007 die globalisierungskritische Bewegung zum G-8-Treffen in Heiligendamm startete, so Habermann, habe eine internationale Vernetzung außer bei NGOs kaum mehr existiert.

Diesen resignierenden Tatsachen begeg­net Habermann gegen Ende des Buches mit viel Optimismus. Beispielsweise sieht sie die neue bürgerliche Kapitalismuskritik als Erweiterung des »Sagbarkeitsraumes«. Gipfelproteste gebe es auch deshalb nicht mehr, weil die G 8 gegenüber den G 20 an Bedeutung verloren hätten und außerdem die WTO heute einen Hebel für die Interessen der Schwellenländer darstelle. Den sogenannten Arabischen Frühling sieht Habermann ebenfalls recht positiv und als Beginn einer neuen Ära.

Die Lektüre der eigenständigen Text­ebene des Buches liefert einen Leitfaden zur Einordnung und zum besseren Verständnis der Filme. Dem gesamten Medienbuch gelingt eine Dokumentation der unglaublich zahlreichen Protestformen, in denen sich die Globalisierungsbewegung manifestiert hat.

Bibliothek des Widerstands (Band 27): Geschichte wird gemacht! Etappen des globalen Widerstands. Mit einem Text von Friederike Habermann. Laika Verlag, Berlin 2014, 264 Seiten (und drei DVDs), 29,90 Euro

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