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Betr.: Artikel Die Leute haben Durst

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Die Leute haben Durst

Auf der Jagd nach der goldenen Rolex: Die Gruppe H im Prophetendiskurs

Donnerstag, 14 Uhr,

Uruguay – Südkorea

Donnerstag, 17 Uhr,

Portugal – Ghana

Zum Thema Boykott ist alles von allen gesagt, nur von mir noch nicht. Also: Ich hatte nicht nur wegen Bela Rednich beschlossen, die Weltmeisterschaft auszulassen. Dann aber wurde ich vom Menschenrechtsbeauftragten dieser Tageszeitung davon überzeugt, dass ich mehr Geld damit verdienen würde, die WM durch Berichterstattung zu beschädigen.

Das Spektakel verspricht auch ohne unser Zutun zum Debakel zu werden, wie das alberne Bindenballett am Montag gezeigt hat. Selbst in meiner Weimarer Kneipe wird das Turnier erst einmal nicht gezeigt, sagt Hosh, es gibt auch kein Tippspiel. Der fußballwahnsinnige Wirt (Motor Wunderbar) selbst guckt nur, weil er auf einen Eklat hofft. Der Irish Pub hat die Gäste abstimmen lassen, und die wollten den Boykott. Im Irish Pub! Das kam sogar nuscheldeutschlandweit in den MDR-Abendnachrichten.

Im Henrys und im Pub verpassten sie eine Eröffnungsfeier, die auch nicht grässlicher war als sonst. Rod Stewart hatte eine Million Dollar ausgeschlagen und abgesagt, dafür kam Morgan Freeman und murmelte eine Menschenrechtsregisterarie. Was so eine Fußballweltmeisterschaft alles vermag: Freeman ein Idiot und Stewart cool, früher war das andersrum. Das hätte nicht sein müssen, vom Namen her wäre beim Humanrightswashing Denzel ­Washington passender gewesen.

Man müsste mir sehr viel Bier ausgeben, damit ich zu einer Fußballweltmeisterschaft fahre. Schon wegen der anderen WM-Touristen, ich habe sie 2006 am Frankfurter Flughafen erlebt. Lauter fickrige jungsche Stinos, die von ihren stino Eltern in einer stino Karaokebar gezeugt worden sind und sich nach Freud fäkalnational vollschmieren. Und wegen der Bierpreise, 13 Euro kostet in Katar der halbe Liter Spülwasser, wenn man welches kriegt, im Stadion gibt es ja keins. Ich denke, deshalb sind beim Eröffnungsspiel alle nach der ersten Halbzeit gegangen. Die Leute hatten einfach Durst, geht mir in der Wüste auch immer so.

Für mich haben die WM-Turniere generell viel von ihrem Reiz verloren, und das liegt nicht allein an der Verkommenheit des Geschäfts, die ist ja nicht erst neulich über den Fußball gekommen. Der Grund ist, dass ich nicht mehr vier Wochen am Stück jeden Tag den ganzen Tag in der Bar sitzen und saufen kann. Sollte.

Wie schön war doch die Weltmeisterschaft 2002 im Prenzlauer Krug, hinter dicken grauschwarzen Gardinen, vor riesigen Röhrenfernsehern, bei einem Wirt, der das Bein nachzog, wenn er hustend kleine Biere und Muttis Buletten austrug. Bei mir saßen oft ein Bulle mit fiependem Funkgerät, der zum Kaffee immer Muttis Stullen von zu Hause auspackte, und ein trinkfester Berufsdrückeberger, bei dem Mutti immer von zu Hause kommen musste, um ihn auszulösen. »Wasn hier los?« Fragte der, als er beim Vorrunden-8:0 von Deutschland gegen Saudi-Arabien durch die Tür kam. »Is ne Aufzeichnung von neunzehnvierunfuffzich.«

Damit zum aktuellen Turnier. Heute werden die Teams der Gruppe H ins Geschehen eingreifen. Die Befragung eines entrückt schielenden Kleinkinds hat ergeben, dass Uruguay und Portugal weiterkommen und gleich danach ausscheiden werden. Ich muss zum Schluss unbedingt auf meine Ergebnistipps hinweisen, sie sind nämlich sehr gut. Damit ich trotz mangelnder Sachkenntnis eine Chance habe, beim Prophetendiskurs der jungen Welt die vom Emir ausgelobte goldene Rolex zu gewinnen, lasse ich mir alle Endergebnisse von einem fränkischen Fußballreporter anfertigen, der die Gabe hat, live im Radio die Tore vorherzusagen. Und so lässt Alex heute spielen:

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