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»Es gibt viel zu wenige Übernachtungsplätze«

Berlin: Tausende Obdachlose stehen vor schwerem Winter. Senat setzt falsche Prioritäten. Ein Gespräch mit Niclas Beiersdorf

Zum Beginn der sogenannten Kältesaison hält Berlin 1.057 Übernachtungsplätze für Obdachlose bereit. Reicht das, um mit der anhaltenden Notlage umzugehen?

Nein. Es gibt viel zu wenige Plätze. Schätzungsweise gibt es mindestens 4.000 bis 6.000 obdachlose Menschen in der Stadt.

Mit welchen Problemen müssen sich diese Menschen herumschlagen?

In erster Linie fehlt es an Wohnungen. Gerade jetzt in der Krise mit der hohen Inflation haben viele zuwenig Geld, um sich die Miete leisten zu können. In den meisten Fällen gibt es dafür auch nicht genug Sozialleistungen.

Wie kommen Obdachlose durch den Winter?

Ihr Tagesablauf ist individuell sehr verschieden. Nicht wenige arbeiten den ganzen Tag auf Baustellen und müssen abends in eine Unterkunft, weil der Lohn nicht für ein Hostel oder eine andere Alternative reicht. Ihnen fehlen der deutsche Pass oder auch Sprachkenntnisse. Wenn Osteuropäer als sogenannte Illegale ohne Vertragsbeschäftigung arbeiten, nutzen Arbeitgeber das oft aus. Andere verbringen in Cafés oder Treffpunkten den Tag zusammen, bevor es abends wieder in die Unterkunft geht. Suchtkranke sind tagsüber mit der Beschaffung von Geld beschäftigt, um sich neue Drogen zu besorgen.

In den meisten Berliner Unterkünften gibt es Frühstück und eine Mahlzeit, die meisten öffnen von 19 Uhr abends bis acht Uhr morgens. Mangel herrscht aber an Angeboten, um sich tagsüber aufwärmen, etwas essen und zur Ruhe kommen zu können.

Was kann die sogenannte Kältehilfe leisten?

Die Kältehilfe geht ins 26. Jahr und erfüllt den Minimalstandard: Niemand soll auf der Straße erfrieren. Ein Kältebus sammelt die Leute ein, es gibt Notübernachtungen. Wir haben Respekt vor den Menschen, die dabei helfen. Wir kritisieren aber, dass es keinen Plan gibt, um Obdachlosen dabei zu helfen, von der Straße wegzukommen.

Das aktuelle Modell ist überholt. Man müsste sich am Bedarf der Obdachlosen orientieren. Zu Beginn der Coronakrise gab es das Konzept, die ganze Woche rund um die Uhr einen Unterkunftsplatz zu stellen. So wurden die Menschen nicht dem Kreislauf ausgeliefert, sich abends anstellen zu müssen und morgens wieder rausgeschmissen zu werden – ohne Garantie auf einen erneuten Schlafplatz.

Weshalb wurde bislang politisch sowenig getan, um Menschen ohne Obdach zu unterstützen?

Der Senat versucht etwas zu tun, um die Obdachlosigkeit zu beheben. Der »Housing first«-Ansatz soll stärker verfolgt werden, man will sogenannte 24/7-Unterkünfte bereitstellen. Für die Versorgung im vergangenen Jahr waren zwei Millionen Euro vorgesehen, für 2022 drei Millionen. Das geht in die richtige Richtung, ist aber zuwenig. Derweil lässt man aus schlechter alter Gewohnheit die Kältehilfe einfach laufen – ohne Qualitätskontrollen. Politisch in der Verantwortung steht Sozialsenatorin Katja Kipping von der Linkspartei, vor allem aber auch Bausenator Andreas Geisel von der SPD. Er müsste den Volksentscheid »Deutsche Wohnen und Co. enteignen« umsetzen. Das würde helfen.

Nach dem Urteil des Berliner Verfassungsgerichtshofs muss die Abgeordnetenhauswahl von September 2021 wiederholt werden. Wie wird sich der bereits angelaufene Wahlkampf auf die Situation auswirken?

Obdachlose können nicht wählen, weil sie wegen fehlender Meldeadresse keine Wahlunterlagen zugeschickt bekommen. Ich bezweifle, dass die Parteien sich vornehmen, ihnen helfen zu wollen.

Müsste Ihre Arbeit bei der Berliner Obdachlosenhilfe besser finanziert werden?

Unser Verein arbeitet ehrenamtlich mit Ausnahme von einer hauptamtlichen Verwaltungskraft und zwei Sozialarbeitern. Es geht ums Abholen von Essen, um Kochen und das Verteilen der Spenden bis hin zu politischer und Pressearbeit. Da keiner bezahlt wird, haben wir flache Hierarchien. Viele sind hochmotiviert. Unsere wichtigste Forderung: Der Senat muss endlich leerstehende Wohnungen beschlagnahmen und Bedürftigen zur Verfügung stellen. Das würde uns die Arbeit erleichtern.

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