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Betr.: Artikel Weltweiter Schaden

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Wie sehr die »Dritte Welt« durch diesen Wirtschaftskrieg in ihrer Entwicklung beeinträchtigt wird, macht der Artikel deutlich. Aber: Kronauer vernachlässigt m. E., dass die Krise bei der Erdöl- und Erdgasversorgung der »aufstrebenden Länder« des Südens gerade im Süden Asiens auch eine Chance ist: Eine Chance zur verstärkten Suche nach Erdgasquellen im eigenen Land, da das Import-LNG das ganze Land in unerträglicher Weise »schröpfen« hilft, wie das Kronauer am Beispiel Pakistans erläutert (übrigens: »Risikogebiet« ist es doch v.a. für westliche Finanzquellen), aber auch eine Chance zum Bau von »transasiatischen« Erdöl- und Gasleitungen in Nord-Süd-Richtung, primär aus Sibirien, doch auch unter Berücksichtigung der kasachischen und turkmenischen Liefermöglichkeiten, auf die allerdings China zunehmend zugreift. (Bei beidem müsste sich eigentlich die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank nutzen lassen – nur dass sie von China dominiert wird.)
Im Übrigen bin und bleibe ich bei der Meinung, dass (Zitat) »der ›totale Wirtschafts- und Finanzkrieg‹(Bruno Le Maire), den die transatlantischen Mächte in Reaktion auf den Überfall auf die Ukraine gegen Russland entfesselt haben«, nicht einfach eine »Reaktion« auf irgendetwas ist, sondern ein »angelsächsischer« Plan (des Monopolkapitals der USA und Großbritanniens unter Mitwirkung Kanadas) zur »Bändigung« Deutschlands, dem sich das deutsche Finanzkapital nur widerwillig untergeordnet hat, wobei es aber eine große Versuchung gibt, dem japanischen (und dem ungarischen) Beispiel zu folgen und einzelne Sanktionen mal nicht mitzumachen, vor allem unter dem Druck der über die Preissteigerungen aufgebrachten Volksmassen.
Last but not least kann ja beim Ukrainekrieg, der seit acht Jahren auf mehr oder weniger kleiner Flamme »vor sich köchelte« nicht einfach so von einem »Überfall« auf eine arglose, friedliche Ukraine die Rede sein; denn auch die ukrainische Armeeführung hatte mit westlicher Unterstützung eine militärische Lösung der »Probleme« der Krim und des östlichen Donbass seit längerem »ins Visier genommen« – also den Krieg! Den Krieg zunächst gegen die beiden Volksrepubliken! Wozu sonst standen die besten ukrainischen Armeeeinheiten im Norden der Oblast Donezk und im Westen der Oblast Lugansk in so stark befestigten Räumen – v.a. zwischen Kramatorsk und Slawjansk, Bachmut und Ugledar – bereit, dass sie bis heute nicht von dort vertrieben werden konnten? Dieser Krieg war also von beiden Seiten als unausweichlich angesehen worden, und wer einen kühlen Kopf bewahren kann, wird zugeben müssen, dass wer dann »den ersten Schuss abgibt«, militärisch schon ziemlich egal ist (propagandistisch freilich ganz und gar nicht!).

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Weltweiter Schaden

Über die Folgen des Sanktionsregimes, das der Westen über Russland verhängt hat

Die Russland-Sanktionen, sagt Nirmala Sitharaman, müssen auf die Tagesordnung. Es ist Dienstag, der 1. November. Indiens Finanzministerin präsentiert vor dem Indian Council for Research on International Economic Relations (ICRIER), einer Denkfabrik in Neu Delhi, die Schwerpunktthemen für den indischen G20-Vorsitz, der im Dezember beginnt. Sitharaman hat schon vor knapp drei Wochen bei einem Besuch in Washington scharfe Kritik an den Sanktionen des Westens geübt. Jetzt kommt sie darauf zurück. Die Zwangsmaßnahmen, die »in der Frühphase des russisch-­ukrainischen Krieges gestartet wurden«, sei es der Ausschluss russischer Banken vom Zahlungssystem SWIFT, seien es die Embargos gegen russische Energieträger, verursachten Kollateralschäden, von denen ungewiss sei, ob insbesondere die Schwellen- und Entwicklungsländer sie bewältigen könnten. »Das muss definitiv diskutiert werden«, fordert Sitharaman.

Wenn von den Folgen des Ukraine-Kriegs für die Welt und insbesondere für die ärmeren Länder die Rede ist, dann gibt es im Westen eigentlich nur ein einziges Thema: den Mangel an Getreide in Ländern Afrikas und Asiens, dadurch entstanden, dass die Ukraine bis Ende Juli kein Getreide über das Schwarze Meer auf den Weltmarkt ausführen konnte. Das wog schwer, schließlich zählt das Land traditionell zu den größten Lieferanten: Es hatte noch 2021 laut Angaben der EU-Kommission einen Anteil von zehn Prozent am globalen Weizenmarkt – bei Gerste waren es 13, bei Mais sogar 15 Prozent. Fällt all dies ersatzlos weg, dann ist dramatischer Mangel programmiert. Der Deal, den Russland und die Ukraine Ende Juli unter Vermittlung der Türkei und der Vereinten Nationen aushandelten, um das ukrainische Getreide wieder auf den Weltmarkt zu schaffen, hat nicht alle Probleme lösen können; immer wieder wird bei den Getreideexporten der Ukraine von Verzögerungen berichtet, die Russland angelastet werden. Dennoch trägt die Vereinbarung spürbar dazu bei, den globalen Getreidemangel zu lindern.

»Totaler Wirtschaftskrieg«

Geflissentlich ignoriert werden hingegen die Folgen, die nicht der Ukraine-Krieg selbst, sondern die Sanktionen des Westens für viele Schwellen- und Entwicklungsländer mit sich bringen – die Sanktionen oder, wie Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire es am 1. März ausdrückte, der »totale Wirtschafts- und Finanzkrieg«, den die transatlantischen Mächte in Reaktion auf den Überfall auf die Ukraine gegen Russland entfesselt haben. Die Folgen des westlichen Wirtschaftskriegs treffen zunächst die Staaten, die Handelsbeziehungen zu Russland unterhalten haben: Der vom Westen eigenmächtig verhängte Ausschluss russischer Finanzinstitute vom Zahlungssystem SWIFT erschwert die Bezahlung von Lieferungen aus und nach Russland, schädigt also den Handel. Indirekt treffen die Sanktionen auch Länder, die keinen Handel mit Russland treiben oder die problemlos auf ihn verzichten können, indem sie auf den Weltmärkten die Preise wichtiger Güter, die Russland traditionell exportiert, zum Teil dramatisch in die Höhe treiben. Besonders schwer wiegen die direkten bzw. die indirekten Folgen der Sanktionen vor allem in drei Bereichen: bei Energierohstoffen, Getreide und Düngemitteln.

Was die Energierohstoffe anbelangt: Deren dramatischer Preisanstieg hat mehrere Ursachen. So schnellte etwa der Gaspreis schon Ende 2021 erheblich in die Höhe – unter anderem, weil die globale Ökonomie nach der Covid-19-Pandemie wieder ansprang und die Nachfrage nach Erdgas entsprechend rasch anwuchs. Einen Sprung nach oben machte der Gaspreis dann unmittelbar zu Kriegsbeginn. Er blieb insbesondere deswegen sehr hoch, weil Deutschland und die EU begannen, einen vollständigen Ausstieg aus russischem Gas vorzubereiten und wie wild Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) zu kaufen; LNG wurde knapp, also teuer. Hinzu kam, dass Russland auf die faktische Embargodrohung reagierte, indem es begann, die Erdgasexporte zu reduzieren. Dass die Embargodrohung tatsächlich eine entscheidende Rolle gespielt hat, zeigt das Gegenbeispiel Japan. Das Land bezieht ebenfalls Erdgas aus Russland, hat aber beschlossen, diese Tatsache nicht als Waffe zu nutzen und am Kauf des russischen Rohstoffs festzuhalten. Das Ergebnis? Russland exportiert sein Erdgas bis heute umstandslos nach Japan, obwohl Tokio sich sonst an allen Sanktionen beteiligt. Die Lieferbeziehungen sind stabil – nichts, was preistreibend wirken würde.

Dass Erdgas teuer geworden ist, hat Folgen für die Verbraucher, und zwar vor allem für die ärmeren unter ihnen. Das gilt schon für die Bundesrepublik und für Europa, also für die eigentlich wohlhabenderen Regionen der Welt. Umso härter trifft es diejenigen Staaten, die kein Wohlstandspolster haben: Für sie wirkt sich der Anstieg des Gaspreises verheerend aus. Nicht anders ist es beim Erdöl, dessen Preis ebenso in die Höhe getrieben worden ist und der bald erneut nach oben schnellen könnte – zum 5. Dezember, wenn die EU nicht nur ihr Embargo in Kraft setzen, sondern außerdem einen weltweiten Preisdeckel für russisches Öl erzwingen will. Beide Maßnahmen, warnte US-Finanzministerin Janet Yellen bereits Mitte September, könnten innerhalb kürzester Zeit zu neuen Höchstpreisen beim Erdöl führen. Die Folgen? Schon im Sommer brachen Proteste in Ecuador, Ghana und Nepal los, weil Benzin für allzu viele unbezahlbar wurde; allein in Indonesien habe es 2022 bislang mehr als 600 Protestaktionen gegeben, hielt die BBC Mitte Oktober in einem penibel recherchierten Überblick fest – ein Vielfaches der gerade einmal 19 Protestaktionen im Jahr 2021. Unruhen verzeichneten bis zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 90 Länder auf allen Kontinenten.

Europa kauft auf

Die Folgen des westlichen Versuchs, auf russische Energierohstoffe zu verzichten, reichen über den globalen Anstieg der Energiepreise hinaus. So hat das Bestreben der europäischen Staaten, so rasch wie möglich aus dem Bezug russischen Pipelinegases auszusteigen, zu einer beispiellosen Jagd nach Flüssigerdgas geführt: Europa kauft, was es nur kriegen kann. Das Problem: Die weltweit vorhandene Menge an LNG ist nicht unendlich. Anfang November konstatierte Torbjörn Törnqvist, Geschäftsführer von Gunvor, dem viertgrößten Ölhandelsunternehmens weltweit, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg: »Wir sollten nicht vergessen, dass den Anteil am Flüssigerdgas, den wir kriegen, jemand anderes nicht bekommt.« Dieser »jemand«, das sind in der globalen Konkurrenz diejenigen, die im Preiskampf irgendwann nicht mehr mithalten können: die ärmeren Länder. Pakistans Energieminister Musadik Malik beispielsweise berichtete Anfang Juli resigniert: »Jedes einzelne Molekül, das in unserer Region erhältlich war, ist von Europa gekauft worden.« Warum? »Weil sie ihre Abhängigkeit von Russland verringern wollen.«

Statistiken aus der Energiebranche bestätigten damals Maliks Angaben. Das auf Energie und Rohstoffe spezialisierte britische Beratungsunternehmen Wood Mackenzie teilte mit, die europäischen Staaten hätten ihre Flüssigerdgasimporte vom 1. Januar bis zum 19. Juni gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 49 Prozent gesteigert; dazu hätten sie ihre überlegene Kaufkraft genutzt. Andere seien deshalb zu kurz gekommen: Pakistan etwa, das im selben Zeitraum ganze 15 Prozent weniger LNG habe einführen können als im Jahr zuvor, oder Indien, das 16 Prozent weniger importiert habe. Nicht einmal Lieferungen, die ärmere Staaten sich mit langfristigen Vereinbarungen gesichert zu haben glaubten, waren vor dem Zugriff der Europäer geschützt: Bei den astronomischen Preisen lohnte es sich für Erdgashändler immer wieder, Lieferverträge zu brechen, die deshalb fälligen Strafen zu zahlen, aber viel höhere Summen durch Lieferungen nach Europa zu kassieren. Ein Wood-Mackenzie-Experte stellte konsterniert fest: »Die europäische Gaskrise« – genauer: der unbedingte Wille, russisches Erdgas vom Markt zu drängen – »saugt die Welt bis aufs Blut aus«.

Wozu das führt, kann man exemplarisch in Pakistan beobachten. Bereits Mitte April teilte die Regierung des Landes mit, sie müsse die Stromversorgung künftig drosseln: Die Preise für Flüssiggas seien nicht mehr zu stemmen, und ohnehin hätten LNG-Händler zuletzt fest vereinbarte Lieferungen kurzfristig abgesagt. Anfang Juli berichtete Islamabad, eine LNG-Ausschreibung für rund eine Milliarde US-Dollar habe kein einziges Angebot eingebracht; bei den drei vorigen Ausschreibungen sei gerade mal eines eingegangen – allerdings eines, das unbezahlbar gewesen sei. Die Regierung war gezwungen, Gas zu rationieren; sie kürzte die Arbeitsstunden im öffentlichen Dienst, nötigte Einkaufszentren, ihre Öffnungszeiten zu reduzieren, und erzwang in der ersten Juliwoche gar Betriebsstilllegungen in der für das Land wichtigen Textilindustrie, um Gas für die noch wichtigere Düngemittelproduktion zu sparen. Beobachter warnten, die Textilproduktion, die ohnehin bereits merklich geschrumpft sei, könne noch weiter einbrechen; für die pakistanische Wirtschaft sei das fatal.

Seitdem ist die Lage nicht besser geworden. Während Flüssiggastanker vor den europäischen Küsten kreuzen und warten, bis dort Entladestellen an LNG-Terminals frei werden oder die Preise weiter steigen, gelingt es der pakistanischen Regierung nicht, sich Erdgas in ausreichendem Umfang zu verschaffen. Prinzipiell könnte man Lagerstätten im eigenen Land anzapfen; nur: Das Interesse bei den ausländischen Großkonzernen, die die Fähigkeiten dazu besitzen, ist gering. Pakistan gilt – nicht zu Unrecht – als politisch instabil, also als Risikogebiet. Längst diskutiert Islamabad, ob man nicht Pipelines aus Russland oder aus dem Iran bauen soll. Eine Leitung aus dem Iran ist ohnehin seit vielen Jahren im Gespräch, wird aber von den USA kompromisslos bekämpft. Eine Pipeline aus Russland wiederum wird voraussichtlich an den westlichen Sanktionen scheitern. Was tun? Am 10. November teilte ein Mitarbeiter des Energieministeriums mit, Islamabad bereite für den Winter weitere Rationierungsmaßnahmen vor. Privathaushalte würden dann nur noch für drei Stunden am Morgen, zwei Stunden am Nachmittag und drei Stunden am Abend mit Gas versorgt; mehr sei nicht drin. 16 Stunden am Tag werde ihnen das Gas also abgedreht.

Pakistan mit seinen gut 240 Millionen Einwohnern ist kein Einzelfall. Hart getroffen wird auch Bangladesch (165 Millionen Einwohner). Auch dort kann Flüssiggas kaum noch bezahlt werden. Auch dort mussten bereits im Juli der Strom rationiert, Arbeitsstunden gekürzt und die Nutzung von Klimaanlagen strikt reglementiert werden. Auch dort traf es – und trifft es bis heute – neben Privathaushalten die aufkeimende Industrie des Landes, die nach Jahrzehnten eklatanter Schwäche endlich in einer Hoffnung verheißenden Phase des Aufschwungs angekommen war. Vor allem die Textilindustrie leide, müsse immer wieder Betriebe stilllegen, weil diese nicht zuverlässig mit Energie versorgt würden, berichtete Anfang November ein Spezialist von der Bangladesh University of Engineering and Technology (BUET) in Dhaka der Deutschen Welle. Ähnlich sieht es in weiteren Ländern Süd- und Südostasiens aus – und die Aussichten sind trübe: Die Nachrichtenagentur Bloomberg meldete kürzlich, Europas Bedarf an Flüssiggas werde weiter steigen, wohl um fast 60 Prozent bis 2026. Was das für den Rest der Welt heißt, soweit er bislang LNG nutzte, liegt auf der Hand.

Schlecht gedüngt

Jenseits der dramatischen Energiepreise lastet vor allem der Mangel an Getreide und an Düngemitteln auf den ärmeren Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Beim Getreide geht es nicht nur um dasjenige aus der Ukraine, sondern auch um solches aus Russland, das vor dem Überfall auf die Ukraine der weltgrößte Weizenexporteur war und auch andere Getreidesorten im großen Stil in alle Welt lieferte. Zwar ist russisches Getreide inzwischen offiziell von den westlichen Sanktionen ausgenommen. Das heißt jedoch nicht, dass es nun problemlos exportiert werden könnte: Die westlichen Sanktionen gegen die russische Finanzbranche bereiten Probleme, Getreideexporte zu bezahlen; die Sanktionen gegen die russische Transportbranche erschweren die Lieferung. Westliche Unternehmen aber trauen sich oft genug nicht an die Abwicklung russischer Ausfuhren heran. Der Grund? Wer auch nur mal einen Blick in das kaum verständliche Gestrüpp westlicher Sanktionsgesetze geworfen hat, kennt ihn: Es ist beinahe unmöglich, mit Sicherheit herauszufinden, ob man mit Tätigkeiten in Russland nicht doch mit irgendeinem Detail gegen irgendwelche Sanktionen verstößt. In der Vergangenheit konnten zuweilen sogar humanitäre Hilfsgüter nicht in mit Sanktionen belegte Länder wie Iran gebracht werden, weil sich keine Firma dazu bereit fand.

Die gleichen Probleme bestehen beim Export russischen Getreides und russischen Düngers. Moskau hat sich in dem Deal zur Getreideausfuhr, den es im Juli mit der Ukraine geschlossen hat, zusichern lassen, dass nicht nur ukrainische, sondern auch russische Exporte möglich gemacht werden. Dennoch gibt es Komplikationen. So wurden Getreidelieferungen vor dem Krieg meist von Banken mit Sitz in der Schweiz finanziell abgewickelt; die trauten sich aber sanktionsbedingt nicht mehr an die Sache heran. Anfang November drang Moskau darauf, die Rosselchosbank, die staatliche Agrarbank, offiziell von den Sanktionen auszunehmen, damit sie endlich einspringen könne. Trotz derartiger Schwierigkeiten gelang es Russland offenbar, Weizen erfolgreich zu exportieren; Branchenexperten jedenfalls vermeldeten Anfang November, sie schätzten den Umfang der im laufenden Jahr real abwickelbaren russischen Weizenexporte auf rund 42 Millionen Tonnen. Erhebliche Probleme bestehen offenbar bei der Ausfuhr russischer Düngemittel fort; die Vereinten Nationen beharrten noch Anfang November explizit darauf, dass sämtliche sanktionsbedingten Hindernisse, die ihr weiterhin im Wege stünden, endlich ausgeräumt werden müssten.

Was droht, wenn die westlichen Staaten mit ihren Sanktionen weiterhin direkt oder indirekt russische Düngemittel vom Weltmarkt fernhalten, hat die Weltbank im Juli beschrieben. Bis 2021 wurde rund ein Fünftel des weltweit produzierten Düngers in Russland und Belarus hergestellt, bei einzelnen Grundstoffen, etwa bei Kalisalz, lag der Weltmarktanteil der beiden Staaten sogar bei 40 Prozent. Schon 2021 hatte sich freilich die Lage zugespitzt, weil die USA und die EU belarussische Düngemittelhersteller mit Sanktionen belegt hatten. Damals wiesen Beobachter darauf hin, dass das EU-Sanktionsregime noch Lücken hatte – womöglich nicht ganz ungewollt, um zu verhindern, dass die globale Düngerversorgung kollabierte. Spätestens seit Kriegsbeginn begannen jedoch die Sanktionen, die nun auch auf Russland ausgeweitet wurden, umfassend zu greifen. Und es kam hinzu, dass sie – darauf wies die Weltbank ebenfalls hin – die Lieferketten der russischen Düngemittelproduktion zu schädigen begannen. Nicht nur der Export, auch die Herstellung des russischen Düngers wurde unterminiert.

Dabei war das nicht das einzige Problem. Bereits im März hatten auch Düngemittelhersteller in Westeuropa mitgeteilt, sie würden ihre Produktion wohl einschränken müssen. Der Grund: Die Fabriken verschlingen große Mengen an Erdgas, das einen erheblichen Teil der Kosten für die Düngerherstellung verursacht, bereits damals war von bis zu 70 Prozent die Rede. Im Sommer mussten große Düngerproduzenten zeitweise den Betrieb einstellen, weil vor allem die Staaten Europas im wild entschlossenen Bestreben, möglichst rasch auf russisches Erdgas zu verzichten, die Preise immer weiter in die Höhe trieben. Als Yara International, ein Branchenriese aus Norwegen, Mitte September bekanntgab, er werde ein Düngerwerk in Belgien stilllegen müssen, rechneten Branchenexperten aus, dass allein diese Maßnahme das Angebot von Ammoniumnitrat in Frankreich um zehn Prozent senken könnte. Am 9. November sah sich die EU-Kommission genötigt, Maßnahmen zur Sicherung einer finanzierbaren Düngemittelversorgung in Europa einzuleiten: Im September, so hieß es, habe der Preis für Stickstoffdünger um 149 Prozent über dem Preis des Vorjahresmonats gelegen. Damit komme die Agrarwirtschaft nicht mehr klar.

Das war die Lage im wohlhabenden Europa. In zahlreichen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sah es noch dramatischer aus. Bereits Anfang August schlug die Afrikanische Entwicklungsbank Alarm: Sie teilte mit, auf dem Kontinent fehlten inzwischen zwei Millionen Tonnen Düngemittel. Schon dies könne zu einem Einbruch in der afrikanischen Agrarproduktion um ein gutes Fünftel führen. Besonders düster sah die Lage etwa in einigen Ländern Westafrikas aus, die vor dem Krieg einen Großteil ihrer Düngemittellieferungen aus Russland erhalten hatten; sie sahen sich – eine direkte Folge der transatlantischen Sanktionen – besonders schwerem Düngermangel und besonders hohen Preisen ausgesetzt. Äußerst perfide daran: Anders als beim Mangel an Nahrungsmitteln sieht man die Folgen nicht sofort. Die Weltbank erinnerte schon im Juli daran, dass Nahrungsmittel, die man heute konsumiert, in vielen Fällen schon vor geraumer Zeit produziert wurden, in nicht wenigen Fällen etwa vor sechs Monaten. Der Dünger, der zu ihrer Herstellung verwendet wurde, wurde typischerweise vor einem Jahr gekauft. Die Teuerung und vor allem der Mangel an Nahrungsmitteln, die der Düngermangel verursacht, werden also erst im kommenden Jahr zutage treten – auch in den ohnehin schon vom Hunger geplagten Regionen Afrikas.

Bröckelnde Blockade

Am 11. November keimte endlich etwas Hoffnung auf. An jenem Tag teilten die Vereinten Nationen mit, ihre hartnäckigen Bemühungen, die sanktionsbedingten Hindernisse auf den Export russischer Düngemittel nicht nur auf dem Papier, sondern auch im wirklichen Leben zu beseitigen, hätten endlich zu greifbaren Ergebnissen geführt; man hoffe, die Lieferungen könnten nun tatsächlich im erforderlichen Umfang abgewickelt werden: »Die Welt kann es sich nicht leisten, Schwierigkeiten beim globalen Zugriff auf Düngemittel zu globalem Nahrungsmangel werden zu lassen.« Am folgenden Tag zeigte sich ein erster Lichtblick: Mehrere EU-Staaten hoben ihre Blockade auf mehr als 260.000 Tonnen russische Düngemittel auf, die auf ihrem Territorium gestrandet waren. Der russische Hersteller Uralchem-Uralkali teilte mit, er werde sie umgehend den afrikanischen Ländern spenden, die sie am dringendsten benötigten. In einem ersten Schritt sollte ein Schiff mit 20.000 Tonnen Dünger nach Malawi ablegen, das die niederländischen Behörden im Hafen von Rotterdam festgehalten hatten.

Unabhängig davon, ob der sanktionsbedingte Mangel endlich beseitigt werden kann, lastet die westliche Sanktions- und Embargopolitik schwer auf der Welt – und sei es nur, weil das Gezocke mit den fossilen Energieträgern aus Russland mit den Energiepreisen zugleich die Inflation in die Höhe treibt. Anfang November wies Heribert Dieter von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) darauf hin, dass die Folgen der Sanktionen zwar alle träfen: »Aber nichtwestliche Länder wurden vor Verhängung der Sanktionen nicht konsultiert oder gar um Zustimmung gebeten.« Dieter, der auch am National Institute of Advanced Studies im indischen Bengaluru lehrt, fügte hinzu: »In Indien etwa sorgt dies für anhaltende Verstimmung.« Bereits im Juli hatte der britische Guardian – ganz gewiss kein auch nur irgendwie russlandfreundliches Blatt – über die westlichen Sanktionen mit ihren globalen Folgen selbstkritisch geurteilt: »Sie basieren auf der neoimperialistischen Annahme, dass westliche Staaten berechtigt seien, die Welt zu ordnen, wie sie wollen.« Diese Annahme wird freilich nicht überall geteilt. Der beginnende Abstieg des Westens öffnet für den »Rest« der Welt Möglichkeiten, sie endlich offen in Frage zu stellen. Dass Indien seinen G20-Vorsitz dazu nutzen will, könnte der Anfang sein.

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