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Kein Strom am Kap

Südafrika: Staatskonzern Eskom kann den Elektrizitätsbedarf seit Jahren nicht decken. Gestiegene Dieselpreise verschärfen Krise

In Südafrika ist die Frage dieser Tage nicht, ob es Stromausfälle gibt, sondern wie oft und wie lange. Der Stromversorger Eskom, betrieben als staatseigener Konzern, schaltet nach einem vorab veröffentlichten Zeitplan reihum Stadtteil für Stadtteil und Ort für Ort den Strom ab – immer für zweieinhalb Stunden am Stück, derzeit zwei- bis dreimal täglich. Andernfalls würde aufgrund zu geringer Elektrizitätsmengen ein völliger Kollaps des Netzes drohen. Die Krise wurde durch die hohen Dieselpreise infolge der Wirtschaftssanktionen westlicher Länder gegen Russland noch verschärft. Neu ist das Problem im Land am Kap der Guten Hoffnung aber keinesfalls.

Die erste Welle von »Load-Shedding«, also »Lastabwurf«, wie die Stromabschaltungen in Südafrika euphemistisch genannt werden, erlebte das Land bereits 2007. Regierungseigene Experten hatten das Fiasko sogar schon 1998 vorhergesagt und eine Ausweitung der Kapazitäten angemahnt, waren aber ungehört geblieben. Die lange Geschichte der südafrikanischen Stromkrise ist eine von verfehlter Kürzungspolitik, Misswirtschaft und Korruption. Im inzwischen herrschenden neoliberalen Flügel des seit dem Ende der Apartheid 1994 regierenden African National Congress (ANC) gab es seit jeher ein Bestreben, Teile des staatlichen Stromversorgers zu privatisieren.

Weil das gegen den Widerstand der Parteilinken und der eigenen Allianzpartner, dem Gewerkschaftsbund ­COSATU und der South African Communist Party, nicht möglich war, verlegte sich die Regierung zunächst darauf, den Staatskonzern mit einem vorgeblichen Sparkurs zu entkernen. Wartungsmaßnahmen wurden aufgeschoben, unternehmenseigene Kompetenzen abgebaut, Personal entlassen und die benötigten Leistungen dann von externen Dienstleistern eingekauft. Profitabler wurde Eskom dadurch freilich nicht. Inzwischen hat der Staatskonzern einen Schuldenberg von rund 400 Milliarden Rand (22,5 Milliarden Euro) angehäuft.

Immer wieder fallen die Kohlekraftwerke, mit denen Eskom etwa 90 Prozent des Stroms gewinnt, aus. Betroffen sind dabei allerdings nicht nur die alternden, schlecht gewarteten Meiler, sondern auch die Blöcke der neuen Megakraftwerke Medupi und Kusile, mit einem gigantischen Weltbankkredit erst im vergangenen Jahrzehnt gebaut und noch immer nicht vollständig am Netz. Eskoms Leiden sind vielfältig. Obwohl Südafrika über gigantische Reserven hochwertiger Steinkohle verfügt, kommt in den Kraftwerken oft nur mangelhafte Ware an. Die gute wird exportiert. Hauptabnehmer, so berichtete das Magazin Spiegel Anfang dieses Monats, ist inzwischen die BRD. Auch Sabotage ist nicht selten. Manchmal werden der Kohle Steine oder Metallteile beigemischt, die die Mühlen der Kraftwerke beschädigen. Mitunter werden aber auch einfach Strommasten umgesägt oder Kabel durchtrennt. Die Eskom-Führung vermutet, dass sich eigene Mitarbeiter mit privaten Dienstleistern verschworen haben, die den Schaden dann teuer wieder beheben.

Um auf den Ausfall einzelner Kohlemeiler reagieren zu können, betreibt Eskom zwei Dieselkraftwerke, die zuletzt jedoch mehr oder minder durchgehend liefen. Durch die weltweit gestiegenen Dieselpreise hat Eskom sein Budget für den Kraftstoff im Finanzjahr 2022/23 bereits aufgebraucht, obwohl der ursprüngliche Etat von umgerechnet 344 Millionen Euro bereits auf 625 Millionen ausgeweitet worden war. Die Tanks sind leer, ohne neuerliche Finanzspritzen seitens der Regierung könnte Eskom vor Ablauf des Finanzjahres Ende März 2023 seine Dieselkraftwerke also nicht mehr betreiben. Die Folge sind schon jetzt häufigere Stromabschaltungen.

Man arbeite »mit Hochdruck mit dem Finanzministerium und Eskom zusammen, damit sie das Geld finden, um Diesellieferungen zu kaufen«, hieß es am Montag in einer Mitteilung des Ministeriums für staatseigene Unternehmen. Dringlich ist die Angelegenheit auch deshalb, weil ab dem 8. Dezember der Block 1 des einzigen südafrikanischen Atomkraftwerks Koeberg bei Kapstadt für Wartungsarbeiten und den Austausch von Brennstäben vom Netz geht. Es wird voraussichtlich erst im Juni 2023 wieder Strom liefern können. Stromsperren werden so ebenfalls im kommenden Jahr zum südafrikanischen Alltag gehören, die Frage ist nur noch, wie schwer die Krise wird. Die Folgen für die Wirtschaft sind schon jetzt enorm, die Erwerbslosigkeit liegt mit offiziell 33,9 Prozent auf Rekordniveau.

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