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Betr.: Artikel Hartz IV heißt jetzt Twix

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Klassenkampf ist bis in linke Kreise lange aufgekündigt. Hartz IV und seine Wortumwandlung beweist dagegen; Klassenkampf tobt, auch wenn nur eine Klasse, die Klasse der Besitzenden und Herrschenden ihn von Sieg zu Sieg führt. Wieviele Lohnabhängige, genannt Arbeitnehmer, wieviele Erwerbs- und Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger vertreten im größten deutschen Bundestag aller Zeiten die Interessen der Bevölkerungsteile von ganz unten? Wer entscheidet und beschließt unwissend, ahnungslos, großkotzig, herrschaftlich und machtbesessen über das Schicksal, Lebenssituation, Verarmung, Ausgrenzung und Entmenschlichung von Teilen der Bevölkerung, mit welchem Mandat und Gewissen? Wessen Demokratie und Freiheit herrscht in dieser »Volksvertretung«? In welchem Wissen haben sie beschlossen, den scheinbar Millionen arbeitsunwilligen, faulen, schmarotzenden Hartz-Empfängern weiterhin Sanktionen, Zwang, Diffamierung und Entmenschlichung zu verordnen? Wo sind die Analysen, Erhebungen und fachlichen Aussagen der Arbeitsagenturen, die den massenhaften Missbrauch sozialer Leistungen belegen? Warum gibt es nicht, was leicht zu machen wäre? Woher wissen plötzlich alle, Hartzer haben mehrheitlich mehr als 60.000 Euro auf dem Konto? Von denen oben ist nach aller Erfahrung nur ihr Erfolgsrezept des teile und herrsche zu erwarten. Von den Dummen wie Wissenden von Kapitals Gnaden ebenso. Wann beginnt Klasse und Masse zu begreifen, wer was mit ihnen, ihresgleichen treibt? Klasse und Masse, so bunt und widersprüchlich auch immer, sie schreit stumm nach politischer Orientierung, Standpunkt für sich und gegen wen. Es wird schwer und schwerer, wenn politische Kräfte die Seiten wechseln.

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Hartz IV heißt jetzt Twix

Ansonsten ändert sich nix: Ampel und CDU/CSU finden Bürgergeld-Kompromiss

Die Ampelkoalition hat sich am Dienstag mit CDU/CSU auf eine Hartz-IV-Reform verständigt; das Bürgergeld kann kommen. Geändert wird nur der Name. Vom Kernstück der Reform, geringfügigen Verbesserungen im Eingangsbereich der Hartz-IV-Hölle, ist nach der Blockade des Gesetzes durch CDU/CSU im Bundesrat am 14. November so gut wie nichts übriggeblieben.

Das Sanktionsregime soll unverändert bestehen bleiben. Die geplante »Vertrauenszeit« von einem halben Jahr, in der »nur« Terminverstöße mit zehn Prozent Kürzung bestraft werden sollten, ist vom Tisch, erklärten Regierungs- und Unionsparteien am Dienstag. Wer seine Mitwirkungspflichten verletzt, sich also nach Einschätzung des Fallmanagers im Jobcenter nicht eifrig genug um den nächstliegenden Drecksjob bemüht, soll vom ersten Tag an mit zehn Prozent Kürzung bestraft werden. Im zweiten Monat sollen ihm 20 Prozent, ab dem dritten Monat 30 Prozent gestrichen werden. Von einem Existenzminimum wohlgemerkt, das zu tief angesetzt ist. 725 Euro wären das absolute Minimum, zeigen nachprüfbare Berechnungen des Paritätischen Sozialverbands; mit dem Bürgergeld ist eine Erhöhung um 53 auf 502 Euro geplant.

Für reihenweise Hartz-IV-Bezieher wird die Einführung des Bürgergelds sogar eine Verschlechterung bedeuten. In der Coronakrise beschloss die Regierung Merkel (CDU/CSU und SPD) eine Karenzzeit für Hartz-IV-Neuankömmlinge, die zum Jahresende ausläuft. Wer Hartz IV bezieht, muss dank dieser Regelung zwei Jahre lang keinen Zwangsumzug fürchten und kann in dieser Zeit bis zu 60.000 Euro Vermögen behalten. Die Verstetigung der Karenzzeit wäre die zweite Säule des mickrigen Bürgergeld-Gesetzes gewesen, sie wurde in den Verhandlungen mit CDU/CSU noch mal auf halbe Höhe gestutzt. Bürgergeld-Bezieher werden nun also schon nach zwölf Monaten aus Wohnungen fliegen, die für unangemessen erachtet werden. Und sie dürfen auch nicht mehr zwei Jahre lang 60.000 Euro Vermögen behalten, sondern nur ein Jahr lang die Hälfte.

Die Unionsparteien waren es am Dienstag zufrieden. CDU-Chef Friedrich Merz zeigte sich überrascht, zu welch weitgehenden Kompromissen die Ampelregierung bereit gewesen sei. Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, erklärte: »Wir haben in den Verhandlungen schwere Systemfehler im Hartz-IV-Update, das ja missverständlich als Bürgergeld bezeichnet wird, also schwere Fehler im Hartz-IV-Update beseitigen können.«
Merz hatte vor der Einigung in der Pose eines rechten Arbeiterführers nach unten getreten: Jedem Bürgergeld-Bezieher müsse es noch einmal deutlich schlechter gehen als dem ärmsten Niedriglöhner, war sein Mantra. Tatsächlich haben in der Bundesrepublik seit den Hartz-Reformen vor 20 Jahren massenhaft Zeitarbeiter, Minijobber und Scheinselbständige nicht viel mehr auf der Hand als das Nicht-mal-Existenzminimum.

Bundeskanzler Olaf Scholz nahm den Bürgergeld-Kompromiss am Dienstag bei einem »Wirtschaftsgipfel« in Berlin erfreut zur Kenntnis. Man werde »jetzt eine ganz große Sozialreform beschließen«, verkündete der Sozialdemokrat. »Das ist jetzt in einer Art und Weise formuliert worden, wo, glaube ich jedenfalls, die Regierungsparteien alle drei für sich sagen können: Sie sind damit sehr zufrieden. Ich hoffe, auch die Opposition wird das sagen, und dann ist ja alles okay.« Am Freitag soll das Bürgergeld-Gesetz im Bundesrat verabschiedet werden.

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