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Betr.: Artikel Auf Goethes Spuren

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»In dieser Zeit wachsender Konfrontation und politischer Spannungen beugt sich der 20jährige Student Peter Hacks energisch über Bücher und seine Schreibmaschine« – der Vortragende Ralf Klausnitzer sollte mit seiner m. E. arg schwülstigen Formulierung aber auch nicht den Eindruck erwecken, das Wunderkind Hacks hätte etwa zwanzig Schubkarren Kohle für die frierenden Armen gefahren. »Energisch gebeugt« – bzw. »energisch« zu beugen hatten sich nach Kriegsende und bis in die Jetztzeit wahrlich andere, der junge Graf, Verzeihung – der aufstrebende sozialistische Klassiker blickte allenfalls in schlaue Bücher – alles andere ist auch nicht die Wahrheit, jedenfalls nicht die umfassende!

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Auf Goethes Spuren

1948 schrieb der Student Peter Hacks an den Nobelpreisträger Thomas Mann. Mit Folgen

Wir dokumentieren im Folgenden den Vortrag über Peter Hacks und Thomas Mann, den der Literaturwissenschaftler Ralf Klausnitzer am 5. November 2022 bei der 15. Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft in Berlin gehalten hat. (jW)

Der Dezember des Jahres 1948 bringt für Mitteleuropa mildere Temperaturen als in den Vorjahren. Doch der Kalte Krieg frostet weiter. Drei Jahre nach dem gemeinsamen Sieg über Nazideutschland beginnt man in Washington mit Verhandlungen über den Nordatlantikvertrag und verstärkt so das Bündnis gegen die Sowjetunion. In Berlin-Dahlem öffnet die Freie Universität; auch um der Humboldt-Universität im Ostsektor der Stadt intellektuell das Wasser abzugraben. In der Sowjetischen Besatzungszone nimmt die Pionierorganisation erste Mitglieder auf. Und in Jugoslawien erklärt Ministerpräsident Josip Broz Tito, dass sein Land einen eigenen Weg zum Kommunismus gehen werde.

In dieser Zeit wachsender Konfrontationen und politischer Spannungen beugt sich der 20jährige Student Peter Hacks energisch über Bücher und seine Schreibmaschine. Er darf seit dem Wintersemester 1946 die Münchner Universität besuchen, was nach Kriegsende und angesichts überfüllter Hochschulen nicht selbstverständlich ist. Also widmet er sich voller Eifer dem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften. Mit Erfolg. Schon im Wintersemester 1948/49 kann er am »Theaterwissenschaftlichen Oberkurs« beim prominenten Professor Artur Kutscher teilnehmen: »Vorlesungen und Übung über literarische Kritik und deutsche Stilkunde an Werken der jüngeren Zeit«. Mittwochs zwischen 15 und 17 Uhr im Hörsaal 312. Auch deshalb beachtlich, weil in Kutschers Seminar bereits der junge Bertolt Brecht saß und mehrere Generationen von Literatur- und Kulturschaffenden folgten. Zu den Schülern des Münchener »Theaterprofessors« gehörten Erwin Piscator und Ernst Toller ebenso wie der spätere Brecht-Biograph Ernst Schumacher. Und zu den Autorenabenden, die Kutscher seit 1910 in München-Schwabing organisierte, kamen Anarchisten wie Erich Mühsam und dramatische Neuerer wie Frank Wedekind, aber auch bürgerliche Schöngeister wie Stefan Zweig und expressionistische Rebellen wie Johannes R. Becher, der später die Nationalhymne der DDR dichten und Kulturminister im Arbeiter- und Bauernstaat werden sollte.

»Er gehört zu mir«

Am 15. Dezember 1948 ist Peter Hacks nervös. Denn an diesem Mittwoch nachmittag hat er in Artur Kutschers Oberkurs zu referieren. Sein Thema: »Über den Stil in Thomas Manns ›Lotte in Weimar‹«. Was eine Herausforderung ist. Der Roman, den der Literaturnobelpreisträger zwischen November 1936 und Oktober 1939 in der Schweiz und in den USA geschrieben hatte, war im Dezember 1939 im Bermann-Fischer-Verlag in Stockholm erschienen. Ein Werk des Exils, zu diesem Zeitpunkt noch nicht zehn Jahre alt und für den jungen Hacks also das, was wir heute als »Gegenwartsliteratur« bezeichnen. Gegenwärtig ist der Roman aber nicht nur aufgrund seines Erscheinungsjahres. Denn auch wenn die hier geschilderte Begegnung zwischen Charlotte Kestner und Johann Wolfgang von Goethe im September 1816 eine historische Begebenheit darstellt, zielt der Roman auf aktuelle Problemlagen. Die 1948 vorliegenden Auseinandersetzungen von Literaturkritik und Literaturwissenschaft mit dem Werk sind entsprechend begrenzt: Der Student Peter Hacks verfügt weder über eine zuverlässige Textausgabe noch über die philologisch-historischen Erkenntnisse, die wir heute besitzen. Erst die 2003 veröffentlichte Neuausgabe des Romans im Rahmen der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe wird den Text nach der Handschrift edieren und zahllose Druckfehler beseitigen. Der Kommentarband dieser Ausgabe ist mit 948 Seiten mehr als doppelt so umfänglich wie der Textteil mit 450 Seiten.

Wie gesagt: Davon weiß der Student Peter Hacks nichts, als er im Herbst 1948 den Roman analysiert und mehrere Wochen Zeit und Aufmerksamkeit in sein Referat investiert. Doch alles läuft glatt. Professor Kutscher benotet seine Ausführungen mit der Note »sehr gut« und lobt den jungen Referenten so sehr, dass dieser in einem Brief bekennt: »Wenn ich nicht schon bis zum Platzen eingebildet gewesen wäre, wäre ich es jetzt.« Nur 14 Tage später schickt er die Seminararbeit ins sonnige Kalifornien, an den 73jährigen Thomas Mann, der am San Remo Drive in Pacific Palisades lebt und im Begleitbrief über Seminararbeit und Professor Kutscher lesen kann: »Sie wurde von ihm formal außergewöhnlich gepriesen und inhaltlich für unmöglich erklärt (er erinnerte sich eines einzigen analogen Falls in seiner Praxis, dem Referat Bert Brechts über Hanns Johst). Dies sind die beiden Gründe, aus denen ich wage, eine große Menge Papiers Ihnen zuzusenden: es ist, glaube ich, von erträglicher Bedeutung; und es ist sehr symptomatisch für die Auffassung, welche die heutige akademische Jugend von ihrem Werk nicht hat.«

Am 6. Februar 1949 antwortet Thomas Mann, und zwar überaus wohlwollend. Die Arbeit des Studenten erscheine als »so ziemlich das Gescheiteste«, was ihm über das Buch vor Augen gekommen sei. Und er erklärt: »Manches ist ein bisschen über-formuliert und dadurch verdunkelt, ich konnte nicht immer ganz folgen (…). Aber ein lebhafter Wille zu kritischer Erkenntnis, ja zur ›Kühnheit im Schicklichen‹ ist da, und vieles, was im Roman halb vexatorisch und mit der Neigung sich zu entziehen herumschwebt, ist mit großer Entschiedenheit festgehalten, um nicht zu sagen: festgenagelt, – wodurch es dann freilich immer etwas verliert, aber, unter dem Gesichtspunkt der Tapferkeit, auch wieder gewinnt.«

Die unmittelbaren Folgen dieses Briefwechsels zwischen dem berühmten Schriftsteller und dem noch blutjungen Studenten sind bekannt und von Peter Hacks in einer Anekdote festgehalten: Als er im August 1949 eine Lesung von Thomas Mann in München besuchen wollte und sie ausverkauft fand, bezog er an der Eingangstür Posten. Als der Dichter erschien, hielt er ihm das Kuvert eines Briefes entgegen, das er für den Notfall eingesteckt hatte. »Sie lassen mich nicht hinein«, klagte Hacks beleidigt. »Was ist das?« fragte Thomas Mann. Und Hacks darauf: »Ein Brief, den Sie mir geschrieben haben!« Wenn es irgendeine Sache gab, die Thomas Mann nicht beeindruckte, waren es Briefe, die er irgendwem geschrieben hatte, aber er erkannte, dass er den Auftritt am reibungslosesten beendete, indem er dem Türsteher erklärte: »Er gehört zu mir.« Und Peter Hacks durfte hinein.

»Sinn und Form«

1955 und also nur wenige Jahre nach seiner frühen philologischen Meisterleistung zieht Peter Hacks aus der Bundesrepublik in die Deutsche Demokratische Republik. Hier erprobt er in Theaterstücken und dramentheoretischen Reflexionen sein Konzept einer »sozialistischen Klassik«. Und die Beschäftigung mit Thomas Manns Goethe-Roman trägt weitere Früchte. Die Zeitschrift Sinn und Form – ein in Ost und West angesehenes Periodikum der Akademie der Künste der DDR – gestaltet 1965 ein Sonderheft »Thomas Mann« und veröffentlicht seine Seminararbeit von 1948 mitsamt dem lobenden Brief des Nobelpreisträgers. Nun lässt sich nachlesen, was Hacks in seiner intensiven Beschäftigung mit dem Exilwerk »Lotte in Weimar« entdecken konnte.

Zum einen beobachtet er sehr genau die Gestaltungsweisen: Wortwahl und Charakterisierungsformen werden ebenso wahrgenommen wie Satzbau und Interpunktion. Zum anderen erfasst Hacks die ironischen Dimensionen des Romans. In Abschnitten wie »Ironie oberstes Prinzip« und »Ironie als Aussageform«, »Ironie als Ausweg« und »Ironie und Liebe« seziert er die besondere Kunstfertigkeit des Autors Thomas Mann, die Ambivalenzen von Figuren wie von Positionen vorzuführen und dabei Erkenntnisse freizusetzen: »Einsicht in Zwiespälte und gleichwertige Polaritäten, Einsicht in die Fragwürdigkeit der Meinung und die Fadenscheinigkeit der Ideale«.

Schließlich – und das wird entscheidend – arbeitet Peter Hacks das Goethe-Bild in Manns Roman heraus. Das dabei gewonnene Wissen hat es in sich. Prägnant benannt werden zunächst die Provokationen des 1939 veröffentlichten Werks und des hier gelieferten Dichterbildes, »welches für ein weihrauchoffenes Bürgertum sicherlich des schrecklich-befremdenden nicht entbehrt«. Der als »Olympier« und »Klassiker« gefeierte Dichterfürst werde vor allem in unpassenden und peinlichen Situationen gezeigt: »aus dem Wagen fallend etwa und bei Ehepaaren schmarutzend, heuchelnd oder selbstisch-naiv einer kultwütigen Gesellschaft sich preisgebend: mit einer großen Zahl schlechter Eigenschaften behaftet, welche wir zum Teil schon kannten, zum Teil uns kennenzulernen freuten«.

Ebenso deutlich charakterisiert Peter Hacks die Haltung zum vermeintlich marmorkalten Klassiker. Der Roman zeige Goethe als »Aufklärer«: »maßhaltend-vernünftig, diesseitig-heiter, jeglicher Mystik und Verwirrung ebenso abgeneigt wie aller Rohheit und Erhitzung«. Mehr noch: Wie schon Goethe stehe auch der Autor Thomas Mann für den Ausbruch aus nationalistischer Beschränktheit. »In bewusstem Kosmopolitismus, in der Verachtung provinziell-nationaler, berserkerisch-militanter Ideale, deren todverklärende Exponenten mit einbegriffen, treffen sich die Anschauungen beider Dichter aufs genaueste.«

Ja klar, doch was ist daran besonders provokativ? Und was ist ein »weihrauchoffenes Bürgertum«, dem der Roman ein »schrecklich-befremdendes« Goethe-Bild entgegensetzte? Welche »schlechten Eigenschaften« des vielseitigen Poeten und Naturforschers, Staatsministers und Sammlers Goethe kannte Peter Hacks – und woher? Und warum sollte er sich freuen, weitere »schlechte Eigenschaften« kennenzulernen?

Um die ästhetische Sprengkraft von Manns »Lotte in Weimar«-Roman aus dem Jahr 1939 verstehen und die erschließenden Leistungen von Peter Hacksens Seminararbeit aus dem Jahr 1948 nachvollziehen zu können, hilft ein Blick auf Wege und Irrwege der Goethe-Rezeption im bürgerlichen Zeitalter.

Unter Philologen …

Als der aus Nazideutschland emigrierte Nobelpreisträger Thomas Mann am 11. November 1936 die ersten Sätze einer zunächst als Novelle geplanten Geschichte mit dem Titel »Das Wiedersehen« niederschreibt und die Begegnung zwischen dem alt gewordenen Goethe und seiner Jugendliebe Charlotte Kestner erzählt, haben Forschungen und Darstellungen zum wohl bedeutsamsten deutschen Dichter bereits Berge von beschriebenem und bedrucktem Papier erzeugt. 1885 war Goethes letzter Enkel gestorben. Sein Nachlass führte zur Gründung des Weimarer Goethe-Archivs, das später zum Goethe-Schiller-Archiv erweitert wurde. Hier werkelten Generationen von Philologen und erstellten im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen eine Werkausgabe, die 133 Bände umfasste und zwischen 1887 und 1919 erschien. Auch Thomas Mann besaß diese »Sophien-Ausgabe« und rettete sie ins Exil; 1938 kam sie mit ihm in die USA und fand schließlich ihren Platz im Arbeitszimmer seiner Villa in Pacific Palisades. Wo sie heute wieder steht und von begünstigten Stipendiaten benutzt werden kann.

Die Folgen der intensiven Beschäftigung mit dem produktiven Autor sind immens. Zum einen formiert sich die neuere deutsche Literaturwissenschaft im Zeichen einer Goethe-Philologie, die noch kleinste Details von Leben und Werk zu erfassen sucht und dabei in jene Fakten- und Zettelsammelei versackt, die schon bald als »Positivismus« stigmatisiert wird. Zum anderen vereinen sich unter diesem Dach so verschiedene Akteure, dass der Initiator des Goethe-Archivs Wilhelm Scherer – erster Professor für neuere Literaturgeschichte an der Berliner Universität – feststellen muss: »Nie hat ein Schriftsteller eine so bunte Jüngerschar gehabt wie Goethe. Man könnte denken, in ihm ruhe die wahre Einheit unserer Bildung und Wissenschaft. Ihm zuliebe werden Naturforscher, Historiker, Künstler zu Philologen und Kommentatoren.« Ebenso klar benennt er die Konsequenzen: »Kein Wunder, dass die Meinungen dann weit auseinandergehen, dass jeder seinen eigenen Goethe hat und dass diese mehreren Goethes die allerverschiedensten Gesichter zeigen und die allerverschiedensten, manchmal wunderbarsten Dinge verrichten.« Mit anderen Worten: Eine intensivierte Forschung vervielfältigt die Perspektiven. Und diese fallen so unterschiedlich aus, dass Gegensätze offenkundig und Brückenschläge schwierig werden.

Eine Variante zur Vermittlung bieten großangelegte Gesamtdarstellungen. Diese Synthesen versuchen sich an der Integration der Einzelforschungen und stammen von verschiedenen Geistesarbeitern wie dem Literaturhistoriker Richard Moritz Meyer, dem Kultursoziologen Georg Simmel oder dem Philologen Friedrich Gundolf, der aus dem Kreis um den Dichter Stefan George kommt. (Gundolf veröffentlicht 1916 einen voluminösen Band mit dem Titel »Goethe«, der in mehrere europäische Sprachen und sogar ins Japanische übersetzt wird: ein Beleg für die Ausstrahlung dieser Art von Geistesgeschichte.) Thomas Mann kennt und nutzt diese Resultate der Forschung. Mehrfach und mit spitzem Bleistift studiert er unter anderem die zweibändige Monographie »Goethe. Sein Leben und seine Werke« von Albert Bielschowsky, die er zum Weihnachtsfest 1905 geschenkt bekommen hat.

Ebenso aufmerksam verfolgt er die Seitentriebe der Forschung. Zu diesen gehört Felix Aaron Theilhabers Psychobiographie »Goethe. Sexus und Eros«, die 1929 erscheint und von der universitären Philologie einhellig abgelehnt wird. Theilhabers starke Behauptungen über Goethes angeblich sehr späte Entdeckung der körperlichen Liebe werden von Mann intensiv rezipiert. Interessanterweise kehren diese Thesen wieder in Kurt R. Eisslers »psychoanalytischer Studie« über Goethe, die 1963 in den USA und 1983/85 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern auf deutsch erscheint (und Theilhabers Vorleistungen nicht erwähnt). Ebenso interessant und weiter zu beforschen bleibt die Beschäftigung von Peter Hacks mit dieser Arbeit: Sein international überaus erfolgreiches Monodrama »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« aus dem Jahr 1976 gestaltet eine ähnliche Problemlage, auf die noch zurückzukommen sein wird.

… und Instrumentalisten

Doch muss Thomas Mann nicht nur die Beiträge einer mehr oder weniger wissenschaftlichen Goethe-Forschung wahrnehmen. Seit ihren Anfängen sind Stellungnahmen zu Goethe immer auch weltanschaulich-ideologische Interventionen im Kampf um Deutungsmacht und kulturelle Repräsentanz. Diese Einsätze verstärken sich in den 1920er Jahren und kulminieren bei den Feiern zum 100. Todestag im Jahr 1932. Adolf Bartels, ein in Weimar ansässiger Vorkämpfer völkisch-nationalistischer Literaturauffassung und fanatischer Antisemit, veröffentlicht in diesem Jahr seine Schrift »Goethe der Deutsche«. Der Leipziger Ordinarius Hermann August Korff hält an der Universität, an der einst der Frankfurter Bürgersohn studierte, die Festrede »Goethes deutsche Sendung«. Und der Literaturwissenschaftler Julius Petersen fabuliert bei der Reichsgedächtnisfeier in Weimar am 22. März 1932 über »Erdentage und Ewigkeit«: »In dem Wachsen und Werden seines Größten erblickt Goethes Volk das Sinnbild des eigenen, noch unfertigen Seins, in der Unsterblichkeit seines Seins die Gewähr des eigenen Bestandes, in seinem Lebensglauben den Führer und Begleiter zu unermüdlicher Tätigkeit.«

Thomas Mann ist dabei. Und notiert: »Ich hörte die Rede des Prof. Julius Petersen, des Germanisten und Literaturhistorikers der Berliner Universität. Das Erfreulichste war der Gesang der Thomaner aus Leipzig. Ich habe sie zum ersten Mal gehört in ihrer Reinheit und Nuanciertheit. Ihr Gesang war mir lieber als die ganze Rede.«

Angesichts dieser Überhöhungen Goethes zum »Deutschen« und »Führer und Begleiter zu unermüdlicher Tätigkeit« setzen schon Thomas Manns Beiträge zu den Festivitäten des Jahres 1932 deutlich andere Akzente. Seine Vorträge »Goethes Laufbahn als Schriftsteller« und »Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters« rücken nicht den vermeintlich prophetischen »Dichter« mit Unsterblichkeitsgarantie ins Zentrum, sondern den zeitgebundenen Autor mit Sprecherfunktionen für eine bürgerliche Gesellschaft. Der Roman »Lotte in Weimar« arbeitet literarisch in dieser Richtung weiter. Statt den Dichter in ein Denkmal zu verwandeln und ihn unerreichbar auf einen Sockel zu stellen, formt der Roman ein Menschenbild. Polyphon und also mit meisterhaft in Szene gesetzten Stimmen und Körpern unterschiedlicher Protagonistinnen und Protagonisten werden diverse Blicke auf den Mann im Haus am Frauenplan geworfen. Damit gelangen psychische Aspekte ebenso in den Fokus wie soziale Dimensionen des Denkens und Schreibens: Goethes Hemmungen, seine Furcht vor Frauen, sein Fluchtverhalten, Arbeitsprozesse und Veröffentlichungsstrategien. Zugleich zeigt der Roman verschiedene Leben im Schatten eines exzeptionellen Individuums. Doch wie schon der genaue Leser Peter Hacks vermerkt: Die Darstellung von psychisch und sozial problematischen Lebensformen – etwa von Sekretär Riemer oder von Sohn August – gerät nicht zu Denunziation. In Hacksens Seminararbeit von 1948 heißt es: »Die Ironie ist nicht Spott, das Finden von Schwächen kein Akt der Lieblosigkeit; ganz umgekehrt können Abneigung und Mitleid, Verachtung und Liebe in innig-hintergründigem Zusammenhange gepaart sein. (…) Liebe heißt: miteinander schwach sein, und die Ironie dient zur Lampe, die Liebens-Würdigkeit jedes Geschöpfes aufzuhellen.«

Zu vermuten bleibt, dass die Gestaltung eines menschlichen Goethe-Bildes unter dem Eindruck zunehmender Naziverhunzungen besonders dringlich wurde. Zu Thomas Manns Lektüren in der Zeit der Niederschrift des Romans gehört auch eine Schrift unter dem Titel »Goethes Erlebnis des Ostens« des Berliner Orientalisten Hans Heinrich Schaeder (der nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft in Göttingen weiterlehren durfte). Dieser Antisemit und Mitarbeiter im »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben« schrieb dem Dichter nationalistische und fremdenfeindliche Denkweisen zu, so dass Thomas Mann in seinem Exemplar des Pamphlets empört kommentierte: »Dummkopf«, »Schafskopf«, »Fälscher«, »unverschämt«, »Pfui!«.

Bezugnahmen und Verweisspiele

Als Peter Hacks wenige Jahre nach dem Ende der Gewaltherrschaft »Lotte in Weimar« liest, kann er diese Zusammenhänge und die vielfältigen Verweise von Thomas Manns Werk auf andere Texte nur in Ansätzen kennen. Der emigrierte Autor, dem die Nazis im Jahre 1936 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt hatten, kehrte mit seinem umfangreichen Œuvre nicht ohne Widerstände ins kulturelle Bewusstsein Nachkriegsdeutschlands zurück. In der Diskussion um Thomas Mann hatte der im Nazireich verbliebene Schriftsteller Frank Thiess den Begriff »Innere Emigration« geprägt und das Ausharren verteidigt. Nicht grundlos schrieb der jugendliche Peter Hacks beim Versenden seiner Hausarbeit »Über den Stil in Thomas Manns ›Lotte in Weimar‹« an den Autor, diese seine Abhandlung sei »sehr symptomatisch für die Auffassung, welche die heutige akademische Jugend von ihrem Werk nicht hat«. Die noch immer virulenten Aversionen gegen den weltberühmten Verfasser der »Buddenbrooks« und des »Zauberberg« zeigten sich sogar im universitären Seminar der Münchener Universität. »Meine Kollegen sind ziemlich unmöglich«, berichtet Hacks dem Freund Hansgeorg Michaelis nach seinem Vortrag: »als irgendein Hanswurst behauptete, Thomas Mann sei keiner von den größten, vielleicht nicht einmal ein großer Dichter, fing der Pöbel an, Beifall zu klopfen. Es war sehr widerlich.«

Sicher ist: Peter Hacks hat die herausragenden Qualitäten von Thomas Manns Roman frühzeitig erkannt. Zu diesen gehören auch die intertextuellen Bezugnahmen, deren Dichte so hoch ist, dass schon der Autor selbst an einen philologischen Kommentar dachte, der dem Roman beigegeben werden sollte. Deutlich erkennt und benennt der 20jährige Student die in das Werk eingeschriebenen Spiegelungen und Parallelisierungen, die in der Goethe-Figur den Autor des 20. Jahrhunderts aufscheinen lassen. »›Sie meinen, sie sind Deutschland, aber ich bin’s.‹ Das ist Thomas Mann, dessen Bekenntnis zu Klarheit, Kultur, Besonnenheit, zügelnder Selbstkritik umso wertvoller gilt, da er – wie Goethe – die Periode frömmelnder und vaterländischer Romantik in eigener Jugend zu überwinden gehabt hatte; und sein Kampf gegen blöde Moral und kleinstädtische Sittsamkeit ist der Kampf Goethes ebenso wie der gegen verrückte Originalität, gegen unfruchtbares Künstlertum, gegen sterile, destruktive Rauschzustände.«

Diese Oppositionsbildung ist wichtig. Denn sie prägt die lebenslange Frontstellung zwischen geistiger Klarheit und Rationalität einerseits und »verrückter Originalität«, »unfruchtbarem Künstlertum«, »destruktiven Rauschzuständen« andererseits, die bereits hier der Romantik zugeschrieben werden. Noch im wortgewaltigen Monsteressay »Zur Romantik« von 2001 werden diese radikalen Separationen wiederkehren.

Fruchtbare Rezeption

Doch gewinnt der junge Hacks nicht nur ein vielschichtiges und menschliches, durch Ironie und Sympathie humanisiertes Dichterbild. Die bereits in der Studienzeit einsetzende Beschäftigung mit Klassik und Romantik sowie die von Thomas Mann (und von Heinrich Heine!) angeleitete Arbeit am Mythos Goethe wirkt weichenstellend für die spätere literarische Produktion. Denn die bei Mann entdeckten Verfahren der Analogisierung und Spiegelung macht der Dramatiker und Essayist Hacks auch für seine Texte fruchtbar. Nun kann er eigene Problemlagen in zeitlich distanzierten Textfiguren und Konstellationen bearbeiten und ein symbolisches Probehandeln im Medium von »Literatur über Literatur« modellieren. Und er partizipiert an den ernsten Spielen mit variantenreicher Ironie und intertextuellen Verweisen, die – wie schon in Manns Goethe-Bild – irritieren und erschrecken können. Unbedingt zu empfehlen ist deshalb die Lektüre seines großartigen Monodramas »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« (1976): Hier führt Peter Hacks weiter, was er von Thomas Mann lernen konnte. Und das war eine ganze Menge.

Zum Beschluss. Die Seminararbeit des 20jährigen Studenten Peter Hacks aus dem Jahr 1948 findet sich noch im Kommentar zur »Lotte in Weimar«-Edition der Großen Frankfurter Ausgabe von Thomas Manns Werken aufgeführt und zitiert. Erschienen im Jahr 2003. Was kann man sich Besseres wünschen?

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