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Betr.: Artikel »Bild will mit 38 Jahre alter Protokollmeldung punkten«

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»Bild will mit 38 Jahre alter Protokollmeldung punkten«

Von wegen »Enthüllung«: Springers Blatt berichtete über Besuch des Jusos Olaf Scholz in der DDR. Ein Gespräch mit Egon Krenz

Der investigative Journalismus anno 2022 hat es am Donnerstag ans Licht gebracht: »Die DDR rollte Scholz den roten Teppich aus«, titelte Springers Bild und sprach von einer »Enthüllung«.

Ja, eine ganze Seite war dem Blatt diese »Entdeckung« wert. Augenscheinlich glaubt man dort tatsächlich, mit einer 38 Jahre alten Protokollmeldung punkten zu können.

Das liegt doch wohl ausschließlich daran, dass einer aus der sechsköpfigen Juso-Delegation, die in den 1980er Jahren in die DDR gereist war, zufällig Olaf Scholz hieß, der jetzt Bundeskanzler ist.

Natürlich. Die Delegation wurde vom Juso-Vorsitzenden Rudolf Hartung geleitet, der starb Ende 2020 mit 72 Jahren. Der interessierte das Blatt so wenig wie die anderen Jungsozialisten, mit denen ich sprach.

Die Delegation war vom Zentralrat der FDJ eingeladen worden. Teil des Besuches bei FDJ-Chef Eberhard Aurich war ein zweistündiges Gespräch mit Ihnen als ZK-Sekretär. Um was ging es da?

Es war die angespannte Zeit, als die USA in Westeuropa neue Mittelstreckenraketen stationierten und die Sowjet­union nachzog. Wir hatten eine ähnlich gefährliche, kriegsschwangere Situation wie heute. Erich Honecker wollte, dass das Teufelszeug von deutschem Boden verschwindet, und bemühte sich um eine blockübergreifende Koalition der Vernunft. Die FDJ, deren 1. Sekretär ich bis kurz zuvor gewesen war, trug dazu ihren Teil bei. Sie lud die Jusos zum Dialog. Und sie kamen.

… und machten sich mit der Führung des »Unrechtsstaates« im Friedenskampf gemein.

Die Ironie einmal beiseite: Ja, sie versicherten uns, dass sie die Aktionen der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles in Westeuropa unterstützen werden. Ziel aller Bemühungen sei ein von Atomwaffen freies Europa, sagten sie.

Das gibt es noch immer nicht.

So ist es. Die USA weigern sich bis heute, ihre Atomwaffen aus der Bundesrepublik abzuziehen. Das wäre übrigens auch ein Thema für den Bundeskanzler.

Können Sie sich noch an Details dieser Begegnung erinnern?

Ja. Wir trafen uns um 11.30 Uhr in der sogenannten Politbüroetage, direkt hinter dem Arbeitszimmer von Honecker. Aber ich erinnere mich aus einem ganz anderen Grund an dieses Gespräch: Der Lockenkopf Scholz interessierte sich für Bärbel Bohley und Ulrike Poppe, die aus mir unbekannten Gründen inhaftiert waren. Er forderte mich auf, etwas für sie zu tun.

Und, haben Sie etwas getan?

Ich habe das Problem bei Honecker angesprochen. Die beiden wurden amnestiert und entlassen.

Weil die Jusos daheim berichten sollten, dass ihr Gespräch in der DDR-Hauptstadt erfolgreich war?

Nun, ich würde lügen, wenn ich diesen Gedanken in Abrede stellte.

Bild behauptet, Scholz wurde auch im Westen »durch Stasi-Spione bespitzelt«. Will heißen: Bei seinen wiederholten DDR-Besuchen wurde er observiert.

Honecker hat im Politbüro – dem bekanntlich auch der Minister für Staatssicherheit angehörte – wiederholt erklärt: Unsere Gäste werden nicht observiert. Ob sich alle an diese Ansage hielten, weiß ich nicht. Was ich hingegen weiß: Wenn ich als FDJ-Chef zu Besuch bei den Jusos in Bonn war und auch von SPD-Funktionären wie Hans-Jürgen Wischnewski, Egon Bahr und Horst Ehmke zu Gesprächen empfangen wurde, waren stets auch Vertreter des Verfassungsschutzes und des BND präsent. Jeder weiß, dass in Bonn wie in Berlin nach politischen Gesprächen immer Protokolle angefertigt und diese zur Information in die Führungsgremien gegeben wurden. Da steckte so viel Spionage drin wie politischer Sprengstoff in dieser Bild-Titelgeschichte: nämlich null.

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