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Betr.: Artikel »Um Finanzierung müssen sie ständig kämpfen«

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»Um Finanzierung müssen sie ständig kämpfen«

Öffentliche Mittel für Frauenhäuser chronisch knapp bemessen. Coronapandemie verschärft Situation. Ein Gespräch mit Elisabeth Oberthür

Anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen gibt Ihr Verein mit der Statistik »Frauenhäuser und ihre Bewohnerinnen« Einblick in deren Lage im Pandemiejahr 2020. Wie hat sich die Coronakrise ausgewirkt?

Die Pandemielage, insbesondere Lockdowns, verstärken das Risiko häuslicher Gewalt durch soziale Isolation, gleichzeitige räumliche Enge und existentielle Sorgen. Wir haben früh davor gewarnt, weil dies auch teilweise von Feiertagen bekannt ist. Oft steigt die Gewalt gegen Frauen zu Weihnachten oder Silvester an, wenn Familien oder Paare viel Zeit zu Hause verbringen. In der neu erschienenen Kriminalstatistik vermerkt das Bundeskriminalamt für 2020 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von 4,9 Prozent bei Gewalt in Partnerschaften. Mehr als 119.000 Frauen waren betroffen. Dabei ist das Dunkelfeld nicht erfasst: Gewalttaten, bei denen die Betroffenen keine Polizei rufen, oder wenn Fälle als strafrechtlich nicht relevant erachtet werden. Beratungsstellen und -telefone sowie Krankenhausambulanzen berichten, dass die Gewalt während eines Lockdowns oft schwerer eskalierte. Zugleich ist es schwierig, Hilfe zu rufen, solange der Täter in denselben Räumlichkeiten verweilt. Und: Betroffene wägen die Infektionsgefahr in Frauenhäusern gegen die Gefahr weiterer Gewalt im eigenen Heim ab.

Welche Herausforderungen mussten die Frauenhäuser während der Pandemie bewältigen?

Frauenhäuser sind per se darauf eingestellt, auf Krisensituationen zu reagieren. Allerdings konnten einige während der Pandemie nur weniger Frauen aufnehmen. Wo sich die Frauen Küchen oder Bäder teilen, mussten aufgrund von Hygienevorschriften Plätze reduziert werden. Mitunter musste ein ganzes Frauenhaus unter Quarantäne gestellt und von außen versorgt werden, weil von dort niemand einkaufen gehen konnte. Weiterhin musste beraten werden; Kinder mussten betreut werden. All dies stellte die chronisch unterfinanzierten Frauenhäuser vor Probleme. Anfangs war aufgrund mangelnder digitaler Ausrüstung vielfach keine Onlineberatung möglich. Dieses Problem war schon vor Corona bekannt. Das Bundesfamilienministerium stellte 2020 drei Millionen Euro für bessere technische Ausstattung bereit.

Mussten Frauenhäuser Frauen zurückweisen, weil die Kapazitäten nicht ausreichten?

Mancherorts wurde im Gegenteil vermeldet, es habe geradezu gespenstische Stille geherrscht. Erst nach dem Lockdown kamen die von Gewalt betroffenen Frauen wieder. In anderen Kommunen wurden zusätzliche Schutzwohnungen angemietet. Das Hilfesystem ist unabhängig von der Pandemie regional unterschiedlich ausgestattet.

In Berlin debattierte der Senat über Kürzungen für Frauenprojekte; musste aber die Pläne aufgrund des öffentlichen Drucks wieder zurücknehmen.

Es ist eine paradoxe Situation. Obgleich das Bundeskriminalamt Jahr für Jahr mehr häusliche Gewalt verzeichnet, müssen Frauenhäuser ständig um ihre Finanzierung kämpfen. Je nach Kommune und Bundesland ist das unterschiedlich. Mitunter heißt es: Falls Geld im Haushalt übrig ist, kann das Frauenhaus weiterfinanziert werden. Das macht uns Sorgen im Hinblick darauf, wenn die öffentlichen Kassen wegen der Coronaausgaben leer sind: Ob etwa eine Finanzierung ganz gestrichen wird? Einige Häuser werden von Sozialleistungsansprüchen betroffener Frauen finanziert. Was aber auch heißt: Wer keinen Anspruch darauf hat, muss selber den Aufenthalt bezahlen. Es ist nicht vertretbar, dass Betroffene von Gewalt für ihren eigenen Schutz aufkommen müssen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten?

Man kann ihnen nur Respekt aussprechen. Zugleich ist es bei uns mit Wut verbunden, dass Mitarbeitende strukturelle Defizite ausgleichen sollen, die der Politik seit Jahrzehnten bekannt sind. Sie halten die Frauenhäuser am Laufen. Einige werden von zwei Frauen rund um die Uhr betrieben. Ist eine im Urlaub, darf die andere nicht krank werden. Mancherorts übernehmen Betroffene oder Ehrenamtliche nachts Telefondienst, weil es kein Personal gibt. Wir fordern, dass jede Frau einen Rechtsanspruch auf Versorgung im Gewaltfall haben muss. Die neue Bundesregierung muss endlich bundesweit einheitlich Gewaltschutz sicherstellen.

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