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Betr.: Artikel Hymne an den Krieg

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Hymne an den Krieg

Afghanistan-Einsatz: Bundespräsident nimmt voller Pathos militaristisches Spektakel in Berlin ab. Kirchen und Friedensbewegung protestieren

Fackelschein und Trommelwirbel, im Gleichschritt marschierende Soldaten, das Kommando: »Helm ab, zum Gebet!« Mit einem gespenstischen Ritual, das viele an mi­litaristische Inszenierungen in der Nazizeit erinnert, wollte die Bundesregierung am Mittwoch abend vor dem Reichstagsgebäude in Berlin dem beendeten Afghanistan-Einsatz höhere Weihen verleihen. Der »Große Zapfenstreich« – ein Zeremoniell der Bundeswehr – war als Abschluss einer Reihe von Veranstaltungen gedacht, mit denen laut Verteidigungsministerium rund 93.000 Soldatinnen und Soldaten »gewürdigt« werden sollten, die in 20 Jahren am Hindukusch »gedient« haben.

Einen Vorgeschmack auf das Tschingderassabum am Abend gab es am Nachmittag beim »Abschlussappell« auf dem Paradeplatz des Ministeriums, er wurde live in der ARD übertragen. Zu den Klängen des »Preußischen Präsentiermarsches« nahm Frank-Walter Steinmeier (SPD) eine Paradeformation ab. Der Bundespräsident ließ es in seiner Rede an triefendem Pathos nicht fehlen. An die angetretenen »Veteranen« richtete er die Worte: »Für Sie ist Afghanistan Kameradschaft, Feldpostadresse und Heimweh, für Sie ist Afghanistan der endlose Tag im Feldlager und die endlos erscheinende Sekunde im Gefecht, für Sie ist Afghanistan Hoffnung und Ernüchterung, Hitze und Staub, Entbehrung und Angst.«

Die Feierlichkeiten blieben nicht ohne Widerspruch. Für den Abend wurde zu einer »antimilitaristischen Demonstration« mobilisiert. Im Demoaufruf hieß es, die Zeremonie sei »eine Provokation für alle, die den Einsatz der Bundeswehr seit Beginn ablehnten«. Dass der Krieg mit einer »militärischen Gruselshow« gefeiert werde, zeige erneut, wie wichtig antimilitaristischer Protest sei. Ergebnis des Krieges in Afghanistan seien rund 240.000 Tote, 5,5 Millionen Vertriebene und »die Herrschaft der Taliban über nahezu das gesamte Staatsgebiet«.

Gegen das Ritual vor dem Reichstag wandten sich auch 25 Gruppen sowie knapp 200 Einzelpersonen aus Kirchen und der Friedensbewegung. In einem Appell forderten sie am Mittwoch erneut dazu auf, den »Großen Zapfenstreich« abzusagen. Auf den ersten Aufruf vom 18. August hatte Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer nicht reagiert. Die Unterzeichner erklärten, es sei »völlig unangemessen«, die in Afghanistan eingesetzten Soldaten »mit diesem militärischen und gewaltverharmlosenden Zeremoniell« würdigen zu wollen. Kritisiert wird vor allem der »inhaltliche Kern des Großen Zapfenstreiches«: das Gebet »Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart«. Für Christen bedeute die Intonierung dieses Gebets mit paralleler Präsentation der Gewehre »eine nicht hinnehmbare Verletzung ihrer religiösen Gefühle«, erklärte Martin Singe von Pax Christi Bonn, der den Appell mitinitiiert hatte, gegenüber jW.

Verteidigungsexperte Tobias Pflüger von der Partei Die Linke kritisierte gegenüber jW den Zapfenstreich als »völlig deplaziert«. Der Afghanistan-Einsatz sei »komplett gescheitert«, da gebe es nichts zu feiern. Pflüger verwies auf die 59 Bundeswehr-Soldaten, die ums Leben kam. Tiefpunkt sei das »Massaker von Kundus« gewesen. Am 4. September 2009 waren bei der von Oberst Georg Klein angeordneten Bombardierung zweier Tanklaster mehr als 100 Zivilisten getötet worden. Pflüger forderte eine »gründliche Aufarbeitung« des Afghanistan-Einsatzes durch einen Untersuchungsausschuss. Eine Forderung, die auch FDP und Bündnis 90/Die Grünen mittragen.

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