3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Dienstag, 21. September 2021, Nr. 219
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €

Leserbrief verfassen

Betr.: Artikel Hampelmänner

Sie antworten auf den Leserbrief

Der Hinweis auf Rosa Luxemburg ist richtig. Doch schon 1899 hat Wilhelm Liebknecht aufgrund der gleichen Entwicklung eine umfangreiche Arbeit mit dem Titel »Keine Kompromisse – keine Wahlbündnisse« vorgelegt, wo er erste Tendenzen des Abdriftens von Teilen der SPD in den bürgerlichen Parlamentarismus analysiert und dabei, gestützt auf Marx und Engels sowie auf seine eigene revolutionäre Praxis, die unverzichtbaren Grundsätze einer revolutionären antikapitalistischen Partei herausarbeitet, die auch heute noch gültig sind. Sie sind gültig, weil sie von Liebknecht auf dem Boden der marxistischen Wissenschaft erarbeitet wurden, von dem die Regierungssozialisten der Vergangenheit wie auch die heutigen, z. B. in der Partei Die Linke, immer als erstes sich verabschiedet haben. Zu finden ist diese Arbeit u. a. – die auch als Testament Wilhelm Liebknechts gelten kann, da es seine letzte veröffenlichte Arbeit ist – in Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften, Reclams Universal-Bibliothek Bd. 644, 1976.
Siegfried Kretzschmar, Zwenkau

Artikel »Hampelmänner« einblenden / ausblenden

Hampelmänner

Die Linke vor der Bundestagswahl

In dem Takt, in dem in der Union über den »Linksrutsch« halluziniert und von der SPD die Linkspartei für noch nicht ganz satisfaktionsfähig erklärt wird, übt sich in den letzten Tagen vor der Bundestagswahl das Linke-Personal in Unterwerfungsgesten. Und dies aufgrund langjähriger Praxis so gekonnt, dass, sollte im Willy-Brandt-Haus bereits ein Planungsstab darauf hinarbeiten, die Linke in die Regierung zu holen, alles wie am Schnürchen läuft. Geht es in diesem Tempo weiter, dann bleibt – immer vorausgesetzt, die Partei rettet sich über die Fünfprozenthürde, was mit jeder weiteren bestellten und gelieferten Absetzbewegung von der »holzschnittartigen, quasi pazifistischen Friedenspolitik« ­(Lederer) unwahrscheinlicher wird – nach dem 26. September nur noch wenig zu tun. Und wer zweifelt noch daran, dass die Mannschaft im Karl-Liebknecht-Haus auch mit einem 5,1-Prozent-Ergebnis den Versuch unternehmen wird, in die nächste Regierung zu rutschen, wenn sich die Gelegenheit bietet?

Die Kovorsitzende Susanne Hennig-Wellsow hat vor einigen Tagen gesagt, die Linke mache sich auf, »eine entscheidende Rolle in dieser Bundesrepublik zu spielen«. Es mag sein, dass eine hinreichende Zahl von Akteuren in der Linkspartei und in deren Umfeld vertrottelt genug ist, um das Gerede über die transformative Kraft von Ministersesseln, auf denen Genossinnen und Genossen sitzen, für bare Münze zu nehmen. Um die Analysefähigkeit der politischen Linken steht es in diesem Land ja nicht sonderlich gut. Den kritischen Betrachter überrascht dennoch, dass in diesen Wochen einmal mehr eine sehr alte Komödie mit gespieltem Ernst aufgeführt werden kann, ohne dass im Publikum jemand über die Hauptdarsteller lacht.

Die junge Rosa Luxemburg hat 1901, als die Debatte um den Regierungseintritt des französischen Sozialisten Alexandre Millerand die europäische Arbeiterbewegung beschäftigte, in der Neuen Zeit bereits alles gesagt, was über den damaligen und den modernen »Regierungssozialismus« zu sagen ist: »Erst fielen die sozialistische Kritik an der Regierung und die politische Aufklärungsarbeit im Lande fort, und der politische Kampf wurde auf das Parlament konzentriert. Dann wurde im Parlament selbst die Opposition preisgegeben«, um sich danach »in eine haltlose Fraktion der parlamentarischen Augenblickskombinationen« zu verwandeln, »in einen Hampelmann, dessen Bewegungen durch die bürgerlichen Parteien bestimmt werden«.

Die Übernahme der Exekutive in einem bürgerlichen Staat ist auch dann kein Spaß, wenn Hampelmänner am Kabinettstisch sitzen. Das wäre nichts anderes als das Ende der Geschichte dieser Partei als linker Kraft – auch dann, wenn, wie in diesem Fall ja schon seit vielen Jahren erforderlich, ein sehr dehnbarer Begriff von »links« zur Anwendung kommt. Immerhin: Vielleicht wird dann endlich begriffen, dass sich die »sozialistische Kritik an der Regierung« neu organisieren muss.

Leserbriefe müssen redaktionell freigeschaltet werden, bevor sie auf jungewelt.de erscheinen. Bitte beachten Sie, dass wir die Leserbriefe Montags bis Freitags zwischen 10 und 18 Uhr betreuen, es kann also einige Stunden dauern, bis Ihr Leserbrief freigeschaltet wird.

Sie erklären sich damit einverstanden, dass wir dessen Inhalt ggfls. gekürzt in der gedruckten bzw. Online-Ausgabe der Tageszeitung junge Welt und in sog. sozialen Netzwerken wiedergeben können. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung. Die junge Welt behält sich Kürzung Ihres Leserbriefs vor.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette (einblenden / ausblenden)

Netiquette

Liebe Leserin, lieber Leser,

bitte beachten Sie die folgenden Hinweise für Ihre Beiträge zur Debatte.

Ihr Leserbrief sollte sich auf das Thema des Artikels beziehen. Veröffentlicht wird Ihr Beitrag unter Angabe Ihres Namens und Ihres Wohnortes. Nachname und Wohnort können abgekürzt werden. Bitte denken Sie daran, dass Ihr Text auch nach Jahren noch im Internet auffindbar sein wird. Wir behalten uns eine redaktionelle Prüfung vor, ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht.

Für uns und unsere Leser sind Ihre eigenen Argumente interessant. Texte anderer sollen hier nicht verwendet werden. Bitte bleiben Sie auch im Meinungsstreit höflich. Schmähungen oder Schimpfwörter, aggressive oder vulgäre Sprache haben hier keinen Platz. Denken Sie daran: »Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge.« (Bertolt Brecht)

Äußerungen, die als diskriminierend, diffamierend oder rassistisch aufgefasst werden können, werden nicht toleriert. Hinweise auf kommerzielle Angebote jeder Art sind ausdrücklich nicht gewünscht. Bitte achten Sie auf die Orthografie und bitte nicht »schreien«: Beiträge, die in Großbuchstaben abgefasst wurden, werden von uns gelöscht.

Die Moderation bedeutet für unsere Redaktion einen zusätzlichen Aufwand: Leserbriefe zu älteren Artikeln sind deshalb nur befristet möglich. Außerdem kann es etwas Zeit in Anspruch nehmen, bis die Redaktion Ihren Leserbrief bearbeiten kann, dafür bitten wir um Verständnis. Orthografische Änderungen durch die Moderation machen wir nicht kenntlich, Streichungen mit eckigen Klammern.

Viel Freude am Debattieren!

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!