Feria 2009

Feria 2009

  • · Berichte

    Volksfest und Volksuni

    Peter Steiniger
    cuba
    Es gibt ein Leben nach dem Lesen

    Am Sonntag schloß die internationale Buchmesse Havanna ihre Tore. Das nächste Gastland heißt Rußland

    Die Linke weltweit träumt von Kuba, Kuba träumt von der Welt. Die literarische war vom 12. bis 22. Februar auf der 18. »Feria Internacional del libro« zu Gast und löste wieder eine Völkerwanderung zum Veranstaltungsort, der historischen Hafenfestung La Cabaña, aus. Eine halbe Million Besucherinnen und Besucher wurde gezählt. Für drei Peso der Moneda Nacional, der regulären Landeswährung im Schatten des Dollar-Äquivalents CUC, erhielt man Zutritt zu den Messeständen, Buchhandlungen, Lesungen, Filmvorführungen, Konzerten – und zu einem beachtlichen kulinarischen Angebot, das größtenteils ebenfalls für den alten Peso erhältlich war.

    Es war ein Volksfest der Literatur. Und gleichzeitig eine Volksuniversität mit massenhaft Symposien und Vorträgen zu einem breiten Spektrum an Themen aus Kunst, Politik und Wissenschaft. Die »Feria del libro« geht weiter. In fünfzehn anderen Städten wird sie bis zu ihrem Abschluß am 8. März in Santiago de Cuba mit ihren mehr als tausend Neuerscheinungen Station machen.

    In Havanna fiel der hohe Anteil chinesischer Gäste auf. Fast 2000 Chinesen lernen und studieren zur Zeit an kubanischen Bildungseinrichtungen. Angesichts ihrer starken Präsenz auf der Messe könnte man meinen, daß die zahlreichen gebrauchten Yutong-Busse aus dem Reich der Mitte, die im katastrophalen Nahverkehr auf Havannas Straßen röhren, vollbesetzt geliefert wurden.

    Auf der Messe wurde selbstverständlich das 50. Jubiläum der Revolution von 1959 herzlich gewürdigt. Geehrt wurde mit der Casa de las Américas ein echtes Kind dieses Epochenwechsels: Das literaturwissenschaftliche Forschungszentrum, das die lateinamerikanische Literatur und Philosophie ins­gesamt mitprägte, kann 2009 ebenfalls auf fünf Jahrzehnte seines Bestehens zurückblicken.

    Chile, Chile, Chile. An allen Ecken und Enden der Messe wurde das diesjährige Gastland der Buchmesse präsentiert. Die zentrale Ausstellung »Eine Umarmung zwischen zwei Völkern« erinnerte mit Fotos, Texten und historischen Film- und Fernsehaufzeichnungen an die gewachsene Verbundenheit Kubas mit dem Chile der Unidad Popular. Künstler dieser Epoche, wie der Dichter Pablo Neruda, die Sängerin Violeta Parra oder der Liedermacher der chilenischen Volksfront, Victor Jara, wurden vorgestellt. Erstmals seit dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stattete mit Michelle Bachelet auch ein Staatsoberhaupt des Andenstaates Kuba wieder einen Besuch ab. Im kommenden Jahr wird Rußland das Ehrengastland der Buchmesse sein. Dies kann als ein konkreter Ausdruck der Wiederannäherung zwischen beiden Ländern gesehen werden.

    Die deutsche Beteiligung in diesem Jahr ruhte auf drei Säulen. Neben der offiziösen Präsenz der Frankfurter Buchmesse und der von ihr repräsentierten Verlage waren die profilierte Solidaritätsorganisation der Linkspartei, Cuba Sí, sowie das Berliner Büro Buchmesse Havanna hier vertreten. Letzteres war gegründet worden, um den zeitweiligen Boykott der Veranstaltung durch die Bundesregierung ins Leere laufen zu lassen. Nachdem dies geglückt war, wird der Messeauftritt nun stärker thematisch ausgerichtet. In diesem Jahr wurden die Integrationsprozesse in Lateinamerika und der EU unter die Lupe genommen. Unter dem Dach des Berliner Büros tritt auch die junge Welt in Havanna in Erscheinung. Während deutsche Botschaftsangehörige unter Kubas Intellektuellen nach Dissidenten Ausschau hielten, wurden 18000 Exemplare dissidenter Lektüre aus der Bundesrepublik an die Besucherinnen und Besucher gebracht: eine jW-Sonder­ausgabe in spanischer Sprache. Über weitere Aktivitäten und vor allem über Eindrücke der widersprüchlichen Realität des heutigen Kuba wurde in einem Internet-Blog direkt aus Havanna berichtet (http:www.jungewelt.de/feria2009).

    Die Krise der Neunziger liegt zurück, Errungenschaften konnten bewahrt werden, Bewundernswertes wird geleistet. Der Patriotismus der Kubaner scheint ungebrochen. Doch das Auseinanderklaffen von gesellschaftlichem Anspruch und Realität infolge der ökonomischen Implosion nach dem Zerfall des sozialistischen Lagers hält bereits eine Generation lang an. Die Hurrikans im vorigen Herbst mit ihren Milliardenschäden haben die wirtschaftliche Entwicklung zurückgeworfen. Trotz einer Grundversorgung über Bezugsscheine (libretas) reichen die Gehälter, die außerhalb des Tourismus und angrenzender Bereiche gezahlt werden, bei weitem nicht aus. Vor allem in Havanna bestimmt das CUC-Geld das Leben. Viel Notwendiges und fast alles Angenehme ist nur in den Devisenläden erhältlich. Kuba ist auf dieses System angewiesen, um dringend benötigte Waren zu importieren. Gut qualifizierte Leute verlassen weiterhin das Land, in erster Linie aus ökonomischen Gründen.

    Mit einem pragmatischen Heran­gehen an die Probleme versucht die Regierung von Raúl Castro, die Wirtschaft weiter zu stabilisieren und ihre Produktivität zu erhöhen. Eine Schlüsselrolle für die Entwicklung vorhandener Potentiale kommt der Integration in den lateinamerikanischen Handel zu.
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    Hasta el próximo año

    Peter Steiniger
    Ansturm bis zuletzt: Sonntag morgen vor den Toren der Buchmesse
    Ansturm bis zuletzt: Sonntag morgen vor den Toren der Buchmesse

    Noch einmal strömt an diesem Sonntag eine Völkerwanderung auf Havannas Hafenfestung Fortaleza de San Carlos de La Cabaña. Noch einmal geht es auf die Suche nach Bedrucktem, besonders beliebt sind Kinderbücher, die sonst nur recht teuer zu haben sind. In der großen, zentralen Buchhandlung bilden sich lange Schlangen, hier gibt es alles aus der einheimischen Verlagsproduktion, für Moneda Nacional. An den Ständen der Verlage geht es hingegen etwa fifty-fifty zu.

    Sehr viel größer und vielfältiger ist in diesem Jahr das kulinarische Angebot. Auffällig ist, daß eigentlich alles, was man für den »West-Peso« CUC bekommt - vom Eis bis zum Hühnerbein -, in diesem Jahr hier auch für die reguläre Landeswährung zu haben ist. Und zwar günstiger, jedoch mit etwas mehr Wartezeit an den Kiosken der Gastronomen.

    Am Stand des Berliner Büros Buchmesse Havanna herrscht bereits Abbruchstimmung. Entropie breitet sich aus. Die 18.000 Exemplare der spanischsprachigen Extraausgabe von junge Welt sind längst komplett verteilt.

    Neben allgemeiner Erschöpfung steckt uns noch die Party von Cuba Sí zum Buchmesseabschluß in den Knochen, am gestrigen Abend in Miramar. Das liegt weniger an den Folgen von Alkohol oder an Muskelzerrungen bei ungeübten Tänzern, als an den Nahkampferfahrungen in den vollgestopften Bussen des Nachtverkehrs.

    Die Guaguas [kwakwa] sind das Verkehrsmittel schlechthin in Havannas Hauptstadt. Eine Fahrt kostet vierzig gewöhnliche Centavos. Fahrscheine gibt es dafür nur in Ausnahmefällen. Mehr als einen Stehplatz ergattert man selten, angesichts der Straßenverhältnisse und Fahrstile hält man sich besser mit beiden Händen an den Haltestangen fest. Wer am Steuer sitzt, bestimmt auch die Musik, die durch das Innere plätschert oder dröhnt - von der Schnulze über die 70er-Jahre-Disco bis zu Reggaeton.

    Manchmal übernehmen auch die Fahrgäste selbst die musikalische Gestaltung. Die Jugendlichen im P5, der uns wieder zurück in die Innenstadt bringt, intonieren einen sozialkritischen Song von Habana Abierta: La vida es un divino guión (Das Leben ist ein göttliches Drehbuch). Im Lied, daß die jungen Leute singen, heißt es ironisch: »Pioniere für den Kommunismus – ein Traum von Astronauten«.
    Wir schalten unseren Nachrichtensatelliten aus Havanna hiermit ab. Wir hoffen, wir konnten ihnen einige interessante Aspekte der Buchmesse 2009 und zur kubanischen Realität vermitteln. Im nächsten Jahr wollen wir wieder verfolgen, welche neue Seiten das Leben in Kuba aufschlägt.
    Bleiben Sie empfangsbereit!

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    Was sonst wo passiert

    Peter Steiniger

    Keine Ahnung, was sonst wo passiert. Und das ist nicht den kubanischen Medien geschuldet. Schon nach ein paar Tagen in der Ferne merkt man, wie sich die Perspektive verändert. Daß Nachrichten, die sonst doch so wichtig scheinen, hier für uns an Gewicht verlieren.

    Unser neuer Wirtschaftsminister, wie heißt der noch mal? Genscher? Na, auch egal.

    Was ist aus dem Konsumgutschein für Mittelklassewagen geworden?

    Sitzt dieser funcionário von der Berliner Linkspartei noch auf seinem Stuhl? Der, der neulich diese Rede hielt, daß für Apartheid immer beide Seiten verantwortlich sind. Daß die Weißen die Schwarzen nicht so massakrieren sollen. Daß die Schwarzen aber auch selbst dran schuld sind.

    Und was ist eigentlich aus den feuchten Träumen eines wandelhaften Publizisten von einer neuen Front - vom schaffenden Kapital bis zum rechten Pöbel - gegen den Großen Satan geworden? Marschiert diese schon durch die Brandenburger Pampa?

    Liest noch jemand den Freitag?

    Alles das ist ganz weit weg - und holt uns doch bald wieder ein.


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    Integrale Medizin

    Peter Steiniger
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    Ying und Yang mit Dr. Alfredo Albuin

    Sonnabend nachmittag am Stand von Cuba Sí. Der Arzt und Biochemiker Alfredo Albuin von der Universität Matanzas hält einen Vortrag über die Anwendung von Alternativmedizin. Bio-energetisch ausgerichtet, werden in seinem Projekt »Behique« (indianisch für Heiler) die fünf Elemente der traditionellen chinesischen Medizin, einheimische Naturmedizin und moderne Forschungsansätze miteinander verknüpft. Dabei wird eng mit landwirtschaftlichen Produzenten, Pharmazeuten und Patienten zusammengearbeitet. In Kombination mit konventionellen Behandlungsmethoden kommen die Methoden Menschen mit Krankheitsbildern wie Diabetis, Übergewicht, Allergien, Gicht, Asthma und auch Krebs zugute.
    In einem anschließenden Gespräch mit jW geht es um die neue Generation von Medizinern in Kuba, die Zwangsrückkehr zur ökologischen Landwirtschaft infolge der Krise und die Suche nach wissenschaftlichen Kontakten in Deutschland. Mehr dazu lesen Sie demnächst in junge Welt.

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    Auf die Bohnen kommt es an

    Peter Steiniger
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    Guillermo Soto züchtet verschiedenste Bohnensorten zur Saatgutgewinnung

    In Santa Cruz del Norte, im Nordosten der Provinz Havanna gelegen, besuche ich die Kooperative CSS José Castellanos. Knapp hundert Mitglieder haben sich in ihr zusammengeschlossen. Der Kontrast zur nahen Hauptstadt könnte kaum größer sein. Hier fährt der Bürgermeister mit der Pferdekutsche vor. Neben dem Verwaltungsgebäude mit herausgeputzter Plaza Martiana, einem kleinen Ehrenhain für José Marti, hier in Kombination  mit den »fünf Helden« und einer Miniatur-Moncada, wird fleißig an neuen Lagerhäusern gebaut.

    Die Genossenschaft ist beteiligt an einem Programm für lokale landwirtschaftliche Innovation. Neben der Fleisch- und Milcherzeugung für 30.000 Menschen im Distrikt hat man sich ganz besonders der Bohnenfrage angenommen. Während die meisten Bauern kaum mehr als drei, vier Sorten kennen, werden hier auf Versuchsfeldern 58 Arten gezogen, um Resistenzen, Ertrag und die Anpassung an verschiedene Umweltbedingungen wie Trockenheit und Überschwemmungen.

    Damit soll besseres Saatgut gewonnen werden, um die Campesinos in die Lage zu versetzen, auf ihren Feldern die jeweils geeignetsten Sorten anzubauen. Der Erfolg aller hier unternommenen Mühen hängt auch davon ab, ob es gelingt, die Mittel für eine Pumpe zur Bewässerung zusammenzubekommen. Damit könnte endlich auch das Flüßchen, das sich hinter einem Abhang neben den Ackerreihen schlängelt, dazu genutzt werden.

    Mehr über die Begegnungen in Santa Cruz del Norte, die Kooperative und ihre Ziele erfahren Sie demnächst in einer Reportage in junge Welt.

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    Deutsch-chinesisch-kubanischer Gipfel

    Marion Leonhardt
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    Im Stadtbild, auf der Messe und als Besucher unseres Standes begegneten wir ihnen in den letzten Tagen ja schon öfter: den chinesischen Studenten. Interessiert, aber eher schüchtern, wurden die Auslagen und wir begutachtet. Dann taucht Pasquati Fang auf und wir finden uns in der Situation des Interviewten wieder. Einen ganzen Fragekatalog hat er mitgebracht. Wie links ist die junge Welt? Gibt es noch linkere Tageszeitungen? Fördert der Staat die Zeitungen finanziell?

    Wir verweisen auf die regelmäßige Erwähnung im Verfassungsschutzbericht als einzigen staatlichen Beitrag dazu, die junge Welt bekannter zu machen. Unser chinesischer Gast zeigt sich erstaunt von solcher Überwachung im heutigen Deutschland. Auch in China scheinen nicht alle Facetten bundesdeutscher Realtität den Weg in die Medien zu finden. Gemeinsam mit Ismaray Paula Cruz von der kubanischen Organisation für Völkerfreundschaft ICAP entspinnt sich eine spannende Diskussion über chinesisch-kubanischen Studentenaustausch.

    Einige lernen nur die Sprache, andere studieren bis zu 5 Jahre in Havanna und kehren als Ärzte und Lehrer nach China zurück. Gerade im ärmeren Westchina profitieren viele davon, daß Kuba über 1400 Chinesen ein Studium ermöglicht. Was für ein Kontrast zum 19. Jahrhundert, als Chinesen zur Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern nach Kuba verschleppt wurden. In Havannas China-Town, dem Barrio Chino, gibt es immer noch eine chinesische Zeitung, doch das Essen ist bereits eine Fusion mit der kubanischen Küche.
    Vielleicht begegnet uns ja auf der nächsten Buchmesse ein kubanischer Student, der von seinen Erfahrungen in China berichtet.

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    Publizistik gegen Terror

    Berthold Wahlich
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    Es ist 16 Uhr. Der Vortragssaal Nicolas Guillen platzt aus allen Nähten. Auch viele Uniformen hoher Dienstgrade sind zu sehen. Alejandro Castro Espin, der Sohn von Präsident Raúl Castro, stellt sein neues Buch vor: Imperio del terror (Das Imperium des Terrors). Der Verfasser ist Ingenieur und hat Internationale Beziehungen studiert, sein Spezialgebiet sind Verteidigung und nationale Sicherheit. Er hat bereits verschiedene Arbeiten über Sicherheitspolitik, Wirtschaft und Finanzen, Diplomatie und Geschichte vorgelegt.
    Schwerpunkte seiner neuen, aufwendig recherchierten Arbeit sind die Repressionsapparate und Geheimdienste in den USA. Er zeigt auf, wie diese nach innen und außen eingesetzt werden. Er spricht sehr lebendig, dabei stets sachlich. Die äußerliche Ähnlichkeit zum Vater ist unverkennbar.
    Besonders im Blick hat er die Infiltration von Ländern der 3. Welt zur Wahrung sogenannter »US-Interessen«. An vielen konkreten Beispielen schildert er terroristische Akte gegen sein eigenes Land.
    Der 11. September 2001 wird ebenfalls ausführlich behandelt, und wie dieses Datum von den Mächtigen in den USA dafür instrumentalisiert wird, um ihre imperialistischen Interessen durchzusetzen.
    Alejandro Castro erhält viel Beifall, beim Signieren seiner Bücher erhält er viele Glückwünsche und Umarmungen.

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    Chinesen in Havanna

    Gunnar Siebecke

    Hier geht es nicht um die im 19. Jahrhundert gegründete chinesische Gemeinde, hier geht es um junge chinesische Studentinnen und Studenten: Bemerkt haben wir einige von ihnen bereits auf dem Flug nach Kuba, aber auf der Buchmesse sind sie unübersehbar. In kleinen oder größeren Gruppen ziehen sie durch die verschiedenen Hallen und schauen wie alle anderen nach Interessantem.

    Wir haben mit ihnen gesprochen und dabei folgendes erfahren: Knapp 2.000 StundentInnen aus China studieren aufgrund eines chinesisch-kubanischen Abkommens von 2006 in Kuba die spanische Sprache. Das Abkommen sei über acht Jahre geschlossen, das Studium dauert zwei Jahre. Das Projekt reiht sich in verschiedene Handels- und Wirtschaftsabkommen zwischen Kuba und China ein, so dass z.B. als Gegenleistung auch Busse für den Nahverkehr geliefert werden.

    Die StudentInnen wohnen ca. 20 km östlich von Havanna in der ehemaligen Pionierstadt »Tarara«. Bis in die 80er Jahre war dieses riesige Objekt direkt an der Küste eine der beliebtesten Stätten der kubanischen SchülerInnen: 14 Tage im Jahr fuhren die Schulklassen nach Tarara und erlebten dort einen ganz anderen Unterricht. Seit etwa Mitte der 80er waren dort für mehr als 10 Jahre die Kinder aus Tschernobyl, teilweise zu langfristigen Aufenthalten, zur Genesung und Erholung zu Gast. Vollkommen restauriert und erneuert haben dort nun die chinesischen StudentInnen eine Unterrichtsstätte gefunden.

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    Ecuador gleich nebenan

    Marion Leonhardt
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    Auch Gustavo setzt sich für die Freilassung der fünf in den USA gefangenen Kubaner ein

    »Buenos dias, compañeros«, schallt es uns jeden Morgen, kurz bevor wir unseren Stand erreichen, entgegen. Die uns so herzlich begrüßen, sind die sechs Aktivisten von der »Feria Internacional de libros en Ecuador«. Chef des Standes ist Gustavo Garces Molineros von der Verlagsgruppe Sur Editorial. Das »Sur« (Süden) ist hier nicht nur geographisch zu verstehen, sondern auch positive Referenz auf den Integrationsprozeß in Lateinamerika. Der lateinamerikanische Kontinent als Verlagslogo ist ebenso Ausdruck der Verbundenheit damit. Wie auch die konkrete Umsetzung kultureller Zusammenarbeit - die Verlagsgruppe publiziert in zehn lateinamerikanischen Ländern.

    Was treibt sie nun zum ersten Mal auf Havannas Buchmesse? »Wir wollen in Kuba unsere Arbeit zu Kuba bekanntmachen«, so die spontane Antwort von Gustavo. Das zeigt sich im Verlagsprogramm. Werke kubanischer Autoren oder Bücher über kubanische Persönlichkeiten sind hier ein Schwerpunkt. Ganz bewußt, aus Solidarität, und um die Informationsblockade in Ecuador über Kuba zu durchbrechen. Wunderbar, hier auch Menschen aus Ecuador zu treffen, mit den gleichen Anliegen wie unser Projekt. Auch konkrete Aufgaben und Ziele stehen auf der Agenda unserer Nachbarn. Zur Zeit laufen Verhandlungen mit fünfzehn kubanischen Schriftstellern, um sie zu publizieren. Networking mit kubanischen Verlagsgruppen ist ebenso angesagt.

    Aber wer liest nun in Ecuador die Bücher des Verlages? Zwanzig Prozent Analphabetismus und die Armut sind keine leichte Hürde für mehr Leserschaft. Gemeinsam mit der neuen Regierung Correa haben sie eine Kampagne zur Leseförderung gestartet. Daraus soll eine kontinuierliche Bewegung entstehen. Bekannt gemacht über Massenmedien und Buchpräsentationen, die immer mit anderen kulturellen Aktivitäten verknüpft sind.

    Viele Dörfer sind jetzt schon komplett alphabetisiert - dank der kubanischen Methode »Yo sí puedo«. In vielen Entwicklungsländern wird sie erfolgreich angewandt, bei 5 Millionen Analphabeten vielleicht ein guter Tipp an die deutsche Bundesregierung.

    Demnächst erweitert Sur Editoria sein Programm, um Bücher in der indianischen Sprache Quetchua mit Erzählungen und Legenden. Ein Schritt zur Bewahrung kultureller Identität und für mehr gesellschaftliche Teilhabe.

    Zum Abschluß unseres Gesprächs erhalten wir eine Einladung zur Buchmesse nach Guayaquil - um die Prozesse der Veränderung in seinem Land zu unterstützen und aus Achtung vor unserer Arbeit, unterstreicht Gustavo.

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    Rufer auf der Piste

    Die erste Auslandsreise des Präsidenten der Bolivarischen Republik Venezuela nach dem Sieg des »Ja« im Referendum über eine Verfassungsreform führt nach Kuba. Am Freitagabend traf Hugo Chávez auf dem Flughafen von Havanna ein, wo er von Kubas Präsident Raúl Castro Ruz empfangen wurde. Mit Hochrufen auf Kuba, Fidel und Rául betrat der Gast kubanischen Boden, berichtet die Zeitung Juventud Rebelde. Die anschließende Umarmung der beiden Staatsführer sieht sie als ein Symbol der Einheit der beiden Bruderländer. (pst)

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    Stadt-Land

    Organopónico Vivero Alamar: Ein Muster städtischer Landwirtschaft

    Von den 170 Mitgliedern der Genossenschaft wohnen 150 selbst in Alamar. Nach einer Probezeit entscheidet die Arbeitsgruppe über die Aufnahme eines neuen Mitglieds
    Nach dem Ende des Konflikts EU-Kuba können auch wieder Mittel aus europäischen Programmen eingesetzt werden
    Jürgen Roth von der DWHH ist bereist seit Juni 2003 in Kuba tätig
    Das erste hier mit Hilfe der DWHH gebaute Gewächshaus
    Die meiste Arbeit ist manuell zu erledigen
    So sachkundig wie charmant: Sandra Miranda Lorigados vom Nationalen Institut für Agrarwissenschaften
    Windräder treiben Generatoren für Pumpen an. Wasser ist knapp und wird sparsam eingesetzt
    Lufttrocknung von Gewürz- und Kräuterpflanzen. Auch zwei Hotels werden mit Zutaten für Cocktails beliefert
    Nylonnetze schützen die Pflanzen vor der Sonne und starken Niederschlägen
    Die Organopónico-Methode verhindert das Wegschwemmen organischen Materials. «»Fangpflanzen« an den Feldrändern dienen zur biologischen Schädlingsbekämpfung
    Mit Kalk wird der PH-Wert des Bodens beeinflußt, um Schädlinge fernzuhalten
    Zuckerrohrreste schützen den Boden vor Austrocknung
    Eine Regenwürmerzucht dient der Humusproduktion
    Wegen der Hurrikans mussten die Dachabdeckungen der Gewächshäuser abgebaut werden
    Auf Sichtweite: Konsumenten und Produzenten
    Hier werden Kräuter in Tütchen verpackt
    Verschiedene Gemüsekonserven werden produziert
    Die Produkte werden auf dem Marktstand der Kooperative direkt verkauft
    Ein kleiner Gartenmarkt ergänzt das Angebot
    Mittagessen aus der Betriebskantine. Der Urlaubsanspruch im Jahr liegt, wie üblich in Kuba, bei dreißig Tagen
  • · Berichte

    Schule der Produzenten

    Peter Steiniger
    Feldarbeit

    Ein Besuch bei der städtischen Landwirtschaft in Havanna

    Organopónico Vivero Alamar ist eine Vorzeigekooperative. Während mich Sandra Miranda Lorigados vom Nationalen Institut für Agrarwissenschaften und Jürgen Roth von der Deutschen Welthungerhilfe/Agro Acción Alemana durch das Projekt führen, ist auch eine kanadische Reisegruppe vor Ort.

    Hier in der Unidad Básica de Producción Cooperativa (UBPC) wird verbrauchernah produziert. Die Neubauten der Vorstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern umrahmen die Ackerflächen und Gewächshäuser. Seit zehn Jahren ist die DWHH mit ihren kubanischen Partner-NGO ACPA (Kubanische Vereinigung für Tierproduktion) und ACTAF ( Kubanische Vereinigung für Agrar- und Forsttechnik) daran beteiligt, hier eine kleinflächige, effiziente und ökologisch ausgerichtete Produktion, vorrangig von Gemüse, zu entwickeln. Gewächshäuser wurden gebaut, Pumpen installiert, Materialien zur Verfügung gestellt. Vermarktet wird direkt, was bedeutend zur Ernährungssicherung der Bevölkerung in Alamar beiträgt. Viele administrative Hürden galt und gilt es dabei zu überschreiten.

    Seit 1994 ist die DWHH bereits in Kuba tätig. Während in den Jahren seit der Spezialperiode bis 2006 vor allem die direkte Unterstützung von Produzenten im Mittelpunkt stand, geht es nun vor allem darum, Dienstleistungszentren für Genossenschaften und kleine Produzenten, wie z. B. Kleintierhalter zu entwickeln. Eine Million Euro setzt die Welthungerhilfe in den nächsten vier Jahren insgesamt hierfür ein.

    Vivero Alamar kann sich sehen lassen, auch in sozialer Hinsicht. Die 170 Mitarbeiter, die meisten davon sind auch Genossenschaftsmitglieder, haben abgesicherte, reguläre Arbeitsplätze mit überdurchschnittlichen Einkommen. 50 Prozent des erzielten Gewinns werden reinvestiert, die andere Hälfte wird nach einem Prämiensystem, welches die Zugehörigkeitsdauer zum Betrieb berücksichtigt, verteilt. Das Erfolgsmodell auf der Basis von gut ausgebildeten Mitarbeitern, die stetig weiter geschult werden, ist für die Welthungerhilfe auch ein wichtiges Laboratorium, um kreative landwirtschaftliche Methoden zu erproben. Davon profitieren Projekte in anderen, weitaus mehr Not leidenen Ländern der Region wie Haiti. Natürlich werden auch innerhalb Kubas die hier gewonnenen Erfahrungen weitergegeben und genutzt. Doch sehen Sie selbst, wie diese »Schule der Produzenten« gedeiht (Fotostrecke: Stadt-Land).
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    »Sie haben das Richtige getan«

    Interview: Ruben Wesenberg
    Laura
    Laura Labañino

    Ein Gespräch mit Laura Labañino. Die 16jährige Laura ist Tochter von Ramón Labañino, einem der fünf Kubaner, die seit zehn Jahren in den USA inhaftiert sind
    Vor zehn Jahren wurde Ihr Vater in den USA festgenommen und sitzt seitdem in Haft. Wie geht Ihre Familie mit dieser Situation um?

    Die größte Last liegt sicherlich bei meiner Mutter. Ich gehe wie alle anderen in meinem Alter in die Schule. Ich lerne an einer Oberschule und bereite mich auf ein Kriminalistikstudium vor. Dazu kommt allerdings, daß ich – wie die anderen Angehörigen der Inhaftierten – seit vielen Jahren als »Reisende« unterwegs bin. Meine Schwester Lisbeth und ich begleiten unsere Mutter bei der Solidaritätsarbeit. Wir halten Vorträge, besuchen Konferenzen und informieren über das, was unseren Vätern angetan wird. Eine große Hilfe ist uns dabei das Solidaritätskomitee »International Commitee for the freedom of the cuban 5« von Graciela Ramirez.

    Wie stark ist die Bewegung für die Freilassung der fünf?

    Die Unterstützung ist groß, Solidaritätsgruppen für »The Cuban 5« gibt es überall auf der Welt. Fünf lateinamerikanische Präsidenten haben sich solidarisch erklärt. Ebenso Tausende Künstler, Schriftsteller und andere Intellektuelle, darunter Leute wie Noam Chomsky, Frei Beto oder Jostein Gaarder. Zahlreiche britische Parlamentarier sowie der mexikanische Senat fordern die Freilassung unserer Väter.

    Ihr Vater zahlt einen hohen Preis für seinen Einsatz gegen den Terrorismus. Ist er nicht zu hoch?

    Die zuständige UN-Kommission hat das Verfahren, so wie es stattgefunden hat, als unrechtmäßig und willkürlich beschrieben. Bei meinem Vater wäre eine Strafe von höchstens sechs Monaten angemessen gewesen. Dabei wäre es lediglich um kleinere Einreisevergehen und den Vorwurf der »Identitätsfälschung« gegangen. Auch die anderen Väter müßten längst wieder zu Hause bei ihren Familien sein. Der Vorwurf des Terrorismus an sie ist falsch und ihre lange Haft nicht gerechtfertigt. Sie haben das Richtige und Notwendige für unser Land getan.

    Die USA haben mit Barack Obama einen neuen Präsidenten. Was erwarten Sie von ihm?

    Hoffnung gibt es immer. Ich halte eine positive Veränderung schon für möglich. Etwa in dem Sinne, daß sich die öffentliche Meinung in den USA verändert und damit wieder Bewegung in den Fall kommt.

    Wie bleiben Sie mit Ihrem Vater in Kontakt?

    Wir können ihm schreiben – wenn auch eingeschränkt. Alle paar Tage darf ich auch mit ihm telefonieren. Normalerweise dürfen Strafgefangene nach US-Recht einmal im Monat Besuch empfangen. Den Kindern der Inhaftierten wird jedoch höchstens einmal im Jahr ein Besuch im Gefängnis genehmigt. Dennoch durfte ich meinen Vater in den letzten zehn Jahren insgesamt nur sechs mal sehen.

    Das alles ist sehr willkürlich, ein Besuch ist auch immer sehr aufwendig. Für meine Mutter und die anderen Ehefrauen der fünf ist die Situation noch unerträglicher als für uns Kinder. Sie wurden 2000 ausgewiesen, gelten als »Gefahr für die USA« und erhalten kein Visum. Wir kämpfen für das volle Besuchsrecht unserer Mütter.

    Was gibt Ihnen die Kraft, mit dieser Situation umzugehen?

    Manchmal ist es schwer, in Fernsehserien lauter glückliche Familien zu sehen. Dann schmerzt es mich, daß wir so ein Leben nicht haben können. Ich weiß nicht, woher mein Vater die Kraft nimmt, aber er bleibt in seinen Briefen und Telefonaten hoffnungsvoll. Also bleibe ich es auch.

    Info: http: www.miami5.de

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    Für eine andere Sicht auf die Welt

    Katja Klüßendorf und Ruben Wesenberg
    Prensa
    Mit Herz und Verstand Nachrichtenmann: Frank González

    Ein Besuch bei Prensa Latina

    Frank González García, Präsident von Prensa Latina, empfing uns sehr herzlich im historischen Gründungsgebäude von Kubas Nachrichtenagentur. Dieses teilt es sich heute mit dem Gesundheitsministerium. Die Agentur wurde im Juni 1959, sechs Monate nach dem Triumph der kubanischen Revolution, unter Beteiligung Che Guevaras gegründet.

    Mit seinem argentinischen Landsmann, dem Radiojournalisten Jorge Ricardo Mazetti an der Spitze, lieferte Prensa Latina schon in den Flitterwochen des kubanischen Sozialismus Informationen über das, was tatsächlich in Kuba geschah.

    Nach dem Ende des sozialistischen Lagers in Europa stürzte Prensa, wie Kuba insgesamt, in eine schwere Krise. Die 90er Jahre waren vom Überlebenskampf der Agentur geprägt, die Mehrzahl der Auslandsbüros mußte geschlossen werden. Not macht erfinderisch, auch Genossen: Außer mit Nachrichten wurden Immobilien gehandelt, Büros vermietet, eine Handelskette vertrieb Büromaterialien. Um flüssig zu bleiben, brachte man sogar Bier und Hotdogs unters Volk.

    Um 2000 stabilisierte sich die Situation, seit fünf Jahren macht Prensa Latina wieder ausschließlich das, wozu es gegründet wurde. Bis heute folgen die mehr als 600 Mitarbeiter und Journalisten in 25 Ländern dem Anspruch, eine Anschauung von der Welt zu bieten, die sich von den Abziehbildern, die durch die großen Medienimperien weltweit produziert werden, absetzt.

    Der Schwerpunkt in der Berichterstattung liegt auf Lateinamerika, daneben verfügt die Agentur aber auch über eigene Korrospondenten in Europa, Afrika, Asien und den USA.

    http://www.prensa-latina.cu


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    Friedensfreunde auf vier Pfoten

    Peter Steiniger
    Für Tiere nicht zu bremsen: Nora García
    Für Tiere nicht zu bremsen: Nora García

    Den Termin habe ich dem kubanischen Presseamt zu verdanken. Dort weiß man, daß ich ein Freund der belebten Natur bin und verabredet mich mit Nora García Pérez. Die frühere Theaterschauspielerin ist Präsidentin von ANIPLANT, der Kubanischen Vereinigung für Tiere und Pflanzen. Sie empfängt mich und meine zweibeinige Begleiterin in einem gut erhaltenen Häuschen in Havannas Altstadt. Bei unserem Gespräch steht ihr der Tierdoktor Dr. Ramon Arias vom kubanischen Landwirtschaftsministerium zur Seite, welches die Arbeit dieser NGO kontrolliert, unterstützt und fachlich begleitet.

    Die ANIPLANT ist Mitglied der World Association for the Protection of Animals (WSPA). Ihr gehören rund zweihundert Mitstreiter an, die in Zusammenarbeit mit Veterinären, lokalen Behörden und den Medien Informationvermittlung an Züchter und Bevölkerung zu Umweltschutz, Tierhaltung und Tierrechten betreiben.

    Im Mittelpunkt der praktischen Arbeit stehen Hunde und Katzen. Vor allem die Bellos sind auch der beste Freund des kubanischen Menschen. Passend zur Insel scheint es sich ganz überwiegend um friedfertige Kreaturen zu handeln. Die trolligen kleinen Pinscher auf den Straßen gehen ohne Aufsehen zu erregen ihren Geschäften nach, an keinem Gartenzaun schoß mir hier je ein zähnefletschender, blutgieriger Familienhund entgegen.

    Nora Garcia berichtet von den Folgen der Hurrikans für Umwelt und Natur sowie verschiedenen Problemen beim Umgang mit Tieren in Kuba. Gemeinsam mit den Behörden arbeitet man gegen Hunde- oder Hahnenkämpfe, mit denen sich illegale Veranstalter bereichern wollen. Die Gladiatorenspiele mit den Gockeln gibt es auch noch vereinzelt in ländlichen Regionen. Doch auch durch Traditionen seien sie nicht zu rechtfertigen, betont Dr. Arias. Die Übernahme einer anderen Unsitte aus dem Ursprungsland der Kolonisatoren, des Stierkampfes, konnte erfolgreich unterbunden werden. Obwohl hier starke finanzielle Interessen, diesen als Touristenattraktion zu nutzen, im Spiel gewesen sind. Das Spektakel mit den Gehörnten hatte sich in Kuba auch früher nie richtig festsetzen können und verschwand bereits im 19. Jahrhundert völlig. Testesteron bildet sich hier eben ganz natürlich.

    Am Sitz von ANIPLANT wird ein kleines Hundeasyl entstehen, die ersten schwanzwedelnden Bewohner sind schon da. Tierärztliche Dienste, vor allem Behandlungen bei Parasitenbefall, sollen hier ebenfalls angeboten werden.

    Die Finanzierung der Arbeit erfolgt ganz überwiegend über Spenden. Und hier liegt das Problem. Im Unterschied zu unseren Breiten fehlt es in Kuba an Erblassern, die ihre Nächsten in den Teppich beißen und ihr angehäuftes Vermögen Susi und Strolch angedeihen lassen. Deshalb sucht ANIPLANT international nach Partnern für eine Zusammenarbeit. Tierfreunde, hört die Signale!

    ANIPLANT (Asociación Cubana de Animales y Plantas) Calle Príncipe No. 128 e/c Espada y Hospital Centro Habana, Ciudad Habana

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    Mein Tag: Spezialperiode

    Peter Steiniger

    Tag neun der Buchmesse. Wir stehen definitiv auf dem Schlauch. Die Tage am Stand sind lang, meine Mitstreitenden müssen dort tausend Fragen neugieriger Besucher beantworten. Kaum eine oder einer von uns hat noch Stimme. Die Nervenkostüme sind dünner geworden, manchmal reißen sie auf. Die anstrengenden Wege durch die Stadt, die Warterei, die vielen Termine und Besprechungen, die Zecherei. Erkältungen, Fieber und Montefidels Rache haben bereits die Runde gemacht.

    Die Verständigung mit der Redaktion in Berlin beschränkt sich auf den E-Mail-Verkehr. Bei sechs Stunden Zeitunterschied ist das nicht immer ganz einfach. Dort hat man auch andere Sorgen, muß jeden Tag eine Zeitung machen und Havanna ist weit.

    Hier, am Tischchen im Verschlag hinter dem Stand, in der provisorischen Redaktion für diesen Blog, bin ich von den Dingen, die auf der anderen Seite vor sich gehen, weitgehend abgeschnitten. Es gibt nur einen Laptop mit Anschluß an das Internet. Und an diesen kommen die anderen zu selten, um mal eine Nachricht nach Hause zu schicken, zu sehen, was in der Welt noch so passiert oder einfach, um unseren eigenen Havana Blog zu lesen. Steht da überhaupt etwas drin? Ist mein Beitrag schon veröffentlicht? Wie sieht er aus?

    Manchmal steckt jemand den Kopf herein, der den Überblick hat, deshalb alles besser weiß und ohnehin immer recht hat. Die Gruppe findet schon längst, ich sollte mich mehr an ihr beteiligen und sie stärker in das einbeziehen, was ich hier tue. Wurde mir gesagt. Ich knipse mir also Zeit für die tägliche Batalla de ideas, unsere Besprechung über den Verlauf des Tages und weitere Planung ab. Zwanzig Minuten Fußwippen. Die Gruppe zieht ab, um sich das Konzert anzuhören. Ich tippe weiter, bis ich Reinigungskräfte und Sicherheitsleute nach dem fünften »nur noch ein kurzer Moment« nicht weiter vertrösten kann, und auch ich mich trollen muß.

    In der lauen Abendluft, umgeben von fröhlichen und tanzenden Leuten, finden wir wieder zusammen, die Stimmung entspannt sich. Die Band spielt, der Ausblick von der Festungsmauer über die Bucht auf Havanna und den Malecón ist einzigartig. Und morgen ist wieder ein einzigartiger Tag.


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    Synergieeffekte

    Katja Boll und Katja Klüßendorf
    Kuh
    Gut im Futter dank Havana Club

    Nach einer Woche Messestreß ist es an der Zeit für eine Luftveränderung. Cuba Sí hat uns eingeladen, ihre Milchprojekte in der Provinz Havanna zu besichtigen. Mit einem alten Bulli, welcher ACPA dient, der Kubanischen Vereinigung für Tierproduktion, geht es über Schlagloch, Stock und Stein.
    Hinter San José taucht die nagelneue Schnapsfabrik von Havana Club auf. Gleich in der Nachbarschaft hütet Bauer Alexis seine Rindviecher. Diese profitieren vom Hochprozentigen, denn mit dem, was vom Zuckerrohr übrigbleibt, werden ihre Tröge gefüllt. Wir Zweibeiner dürfen uns mit selbstgemachtem Käse und Flan-Pudding stärken. Der Campesino führt uns durch die Ställe und präsentiert uns stolz seine Bio-Gasanlage. Auch in puncto Energie ist er Selbstversorger.
    Solche Anlagen sind Teil der Cuba Sí-Projekte auf der Insel, die sich neben Rinderzucht auch mit Wiederaufforstung, Wohungsbau sowie sozialen und Bildungsfragen beschäftigen. Hundertausend konvertible Pesosaus den Solidaritätsspenden in Deutschland werden pro Jahr hierfür eingesetzt. Das Prinzip ist stets die Hilfe zur Selbsthilfe. Wir bekommen noch weitere Höfe und Einrichtungen zu sehen. Der Kontrast zu Havanna ist groß und unsere Erfahrungen hier helfen uns dabei, dieses besondere Land noch besser zu verstehen.
    Übrigens: Wie Sie selbst Cuba Sí und dessen großartige Initiative Milch-für-Kubas-Kinder unterstützen können, können Sie hier nachlesen.

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    Medien, Macht und Wirklichkeit

    Marion Leonhardt
    Catedra
    Im Gespräch über Medien und Realitäten in Deutschland

    Buchmesse in Havanna – das sind nicht nur die zahlreichen Gespräche am Stand, der regen Zuspruch aus ganz Lateinamerika findet. Heute steht eine Begegnung mit Deutschstudenten auf dem Programm. So machen wir uns bei strahlendem Sonnenschein gut gelaunt und mit dem Film »Die Nachrichten«, Laptop und Beamer bewaffnet auf den Weg zur Catedra Alexander Humboldt. Ein An-Institut der Universität Havanna, das in einer alten Villa den Rahmen für Deutschlehrerfortbildung und Kulturveranstaltungen gibt.
    Das ebenso schöne wie baufällige Gebäude kenne ich schon lange durch unser Solidaritätsprojekt der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba zur Unterstützung der Baumaßnahmen und der kulturellen Arbeit. 30 kubanische Studenten und drei Dozenten begrüßen uns herzlich.
    Gespannte Aufmerksamkeit liegt in der Luft, als wir gemeinsam den Film sehen. Macht der Medien, Wende, Stasi und Ost/West-Verhältnisse sowie daraus resultierende Befindlichkeiten: Themen für junge Kubaner? In der anschließenden lebhaften Diskussion zeigt sich, dass sie erstaunlich gut über die Bundesrepublik Bescheid wissen. Ein Verdienst der Arbeit der Catedra. Und sie fragen nach: Ist das Filmende (Ein Ossi macht nach der Wende als Nachrichtensprecher Karriere) nicht geschönt? Wie ist man nach der Wende mit dem Stasi-Verdacht umgegangen? Wer bestimmt, was die Medien zum Thema machen, was wird ausgeblendet? Wieviel Realität spiegelt sich überhaupt in den Medien wieder? Intensiv diskutieren wir über Mechanismen und Methoden, mit denen fortschrittliche Medien in der Bundesrepublik behindert werden. Es wird nicht der Holzhammer der Zensur geschwungen, sondern feinziseliert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Marktes in Stellung gebracht. So hat es auch der eben gezeigte Film nicht in die bundesdeutschen Kinos geschafft. Aber immerhin zu zwei Vorführungen in Havanna, wie eine Studentin die Situation kommentiert. Nur die vorgerückte Zeit beendet einen interessanten Austausch.
    Ich gehe aber natürlich nicht, ohne eine Gang durch die Räume der Catedra und einem Gespräch mit Prof. Dr. Ivan Munoz, dem Direktor der Catedra. Ich bedanke mich für seine Gastfreundschaft und erkundige mich nach dem Stand des Catedra-Projekts der Freundschaftsgesellschaft. Das Ziel der neuen bzw. renovierten Räumlichkeiten ist noch nicht erreicht. Dafür bedarf es in der Bundesrepublik weiterer Spender und Unterstützer. Damit auch in Zukunft kubanische Studenten von der Catedra aus einen realistischen Blick auf die Bundesrepublik werfen können.

    http://www.fgbrdkuba.de

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    Resonanzen

    Doris Hensen schrieb uns vor ihrem Abflug nach Havanna: »Eure Berichte sind eine wunderbare Vorbereitung auf unseren Besuch der feria. Danke für die lebendigen, kenntnisreichen Schilderungen!« Sie verspricht, uns in den nächsten Tagen hier am Stand zu besuchen. Wir sind schon gespannt.
    Katrin erhofft sich von uns »noch viele interessante und informative Eindrücke«. Frau Isermann aus Berlin freut sich darüber, die Autoren selbst auch im Bild zu sehen.
    Andreas Schmidt  lobt die »lebendige Berichterstattung«, »die Stimmung und das ganze Drumherum wird gut rübergebracht.« Genauer möchte er wissen, wie es am Chile-Stand aussieht. Hierzu haben wir heute eine neue Fotostrecke Cuba-Chile veröffentlicht. »Was für Themen werden in den Büchern behandelt, gibt es die meisten Bücher in CUC oder auch viele in einheimischer Währung?«, fragt er nach. Außerdem wünscht sich Andreas Fotos von den Kulturveranstaltungen (Lesungen, Konzerte). Beides werden wir noch aufgreifen.

    Gracias, compañeras y compañeros

  • · Berichte

    »Das Richtige getan«

    Laura.jpg
    Verbrechensbekämpfung liegt in der Familie: Laura Labañino möchte Kriminalistik studieren

    Am Wochenende in der Printausgabe: Über ein Leben als »Reisende«, das väterliche Vorbild und Optimismus, der aus Solidarität wächst. Ein Gespräch mit Laura, der Tochter von Ramón Labañino, einem der »Cuban five«. Ein Interview von Ruben Wesenberg

    Antonio Guerrero Rodríguez, Fernando Gonzáles Llort, René Gonzáles Sehwerert, Ramón Labañino und Gerardo Hernández sind seit nunmehr zehn Jahren in den USA inhaftiert. Die fünf gehörten zu einer Gruppe von kubanischen Aufklärern, die in Miami (USA) Strukturen und Aktivitäten militanter Exilkubaner ausforschten. Die kubanische Regierung wollte die US-Behörden auf Grundlage dieser Erkenntnisse dazu bewegen, gegen terroristische Aktivitäten dieser dieser rechtsextremen Gruppierungen gegen Kuba vorzugehen. Von den US-Behörden wurden sie mit konstruierten Anschuldigungen und in unfairen Verfahren wegen Verschwörung zur Spionage zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Elementare Rechte werden ihnen und ihren Familien vorenthalten. Am Sonntagabend besuchten uns besuchen die Geschwister Laura und Lizbeth Labañino (16 und 12 Jahre) und und die 11jährige Ivette Gonzáles. Sie engagieren sich mit ihren Familien in einem kubanischen Solidaritäts-Komitee für die Freilassung ihrer Väter.

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