11.04.2024 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 15

Gehaltserhöhung erkämpft

England: Fachärzte stimmen Tarifangebot zu, Assistenzärzte kündigen weitere Streiks an

Dieter Reinisch

In England haben Fach- und Oberärzte ihren Gehaltsstreit mit der Regierung beigelegt, nachdem die Mitglieder der zwei größten Gewerkschaften der Berufsgruppe einem neuen Tarifangebot zugestimmt haben. Der Arbeitskampf im britischen Gesundheitssystem NHS ist dadurch aber noch nicht zu Ende. Denn die Einigung gilt nur für die Fachärzte. Die Assistenzärzte und andere Sparten des NHS kämpfen weiter.

Für das Geschäftsjahr 2023/24 beinhaltet das Abkommen eine Gehaltserhöhung von durchschnittlich fast 20 Prozent. Die beiden Gewerkschaften British Medical Association (BMA) und Hospital Consultants and Specialists Association (HCSA) teilten am Freitag mit, 83 Prozent ihrer Mitglieder hätten dem Abkommen zugestimmt. Im Dezember 2023 wurde ein anderes Angebot noch mit knapper Mehrheit abgelehnt. Vier mehrtägige Streiks hatten die englischen Fachärzte in den vergangenen Monaten durchgeführt.

Im April 2023 gab es für die Fachärzte zwar eine Gehaltserhöhung von sechs Prozent und Ende des Jahres abermals durchschnittlich fast fünf Prozent mehr. Die steigende Inflation wurde so aber nicht ausgeglichen. Der Reallohn der britischen Ärzte ist laut BMA-Berechnungen in den vergangenen 15 Jahren um bis zu 35 Prozent gesunken.

Die aktuelle Gehaltserhöhung gilt rückwirkend ab März 2024. Darüber hinaus wurde ausverhandelt, dass es für das mit dem 1. April beginnende Geschäftsjahr 2024/25 einen Anspruch auf eine gesonderte Gehaltserhöhung für Fach- und Oberärzte gibt. Genauere Details dazu sind bisher nicht bekannt. Es soll überdies eine Reform der Tarifverhandlungen für Ärzte geben. So sollen etwa Dienstzeiten im Ausland in Zukunft angerechnet werden können.

Vishal Sharma, BMA-Vorsitzender für die Sparte Fachärzte, sagte nach der Einigung gegenüber der BBC: »Wir haben dies nicht nur durch unsere harten Verhandlungen mit der Regierung erreicht, sondern auch dank der Entschlossenheit der Ärzte, die die schwierige Entscheidung zum Streik getroffen haben.« Die Arbeitskämpfe wären erfolgreich gewesen, da sie die letzten Monate »effektiv und diszipliniert« durchgeführt wurden, so Sharma. »Sie haben mehrfach eine klare Botschaft gesendet, dass sie nicht nachgeben würden.« Gesundheits- und Sozialministerin Victoria Atkins zeigte sich ebenfalls »erfreut«, dass das Angebot angenommen worden sei.

Auch im Krankenhaus in Wirral nahe Liverpool im Nordwesten Englands haben die Mitarbeiter ihren Arbeitskampf beigelegt, nachdem sie zuerst im August 2023 die ersten Streiks durchgeführt hatten. Laut Vertretern der Gewerkschaft Unison einigten sich die Beschäftigten mit den NHS-Vertretern auf eine Lohnerhöhung für 600 Arbeiter, die rückwirkend ab April 2018 gilt. So werden die meisten Angestellten in eine höhere Gehaltsstufe gehoben, was für viele ein Lohnzuwachs von rund 2.000 Pfund Sterling (2.330 Euro) pro Jahr bedeutet.

Der Erfolg in Wirral gibt Unison Auftrieb für den Arbeitskampf in Krankenhäusern in Teesside im Nordosten Englands. Mehr als 1.000 Angestellte der NHS-Stiftungen North Tees and Hartlepool und South Tees Hospitals begannen am Montag zu Beginn der Frühschicht einen 72stündigen Streik, der bereits der zweite Streik dort ist. Ein Unison-Sprecher kündigte auf BBC an, man werde nicht aufhören, bis »Gerechtigkeit herrscht«.

Bei den englischen Assistenzärzten, die eine Gehaltserhöhung von 35 Prozent fordern, zeichnet sich dagegen noch keine Lösung ab. Nachdem die Gespräche Ende letzten Jahres gescheitert waren, hatten sie ein neues Streikmandat für sechs weitere Monate ausgestellt. Bisher wurden keine neuen Streiktermine bekanntgegeben. In Wales ist noch im April ein 48stündiger Streik gemeinsam mit den Fachärzten angekündigt. In Nordirland gehen die Arbeitskämpfe der Ärzte ebenfalls weiter, ebenso wie die der Krankenpfleger des Royal College of Nursing (RCN).

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