12.03.2024 / Ausland / Seite 7

Krieg ist nicht so einfach

Ukraine: Berichte westlicher Medien über Schwierigkeiten bei Waffenlieferungen

Reinhard Lauterbach

Der Aufruf von Papst Franziskus zu Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs ist in Russland auf Zustimmung, in der NATO dagegen auf Ablehnung gestoßen. Der russische Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow sagte, Moskau verlange nicht die Kapitulation der Ukraine und sei offen für Verhandlungen. Dagegen erklärte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei der Zeremonie zur offiziellen Aufnahme Schwedens in das Militärbündnis, Kapitulation sei keine Option für die Ukraine. Nicht sie habe den Krieg begonnen, sondern Russland. Polens Staatspräsident Andrzej Duda forderte am Vorabend einer Reise in die USA die NATO auf, ihre Zielmarke für Kriegsausgaben von zwei auf drei Prozent des jeweiligen Sozialprodukts zu erhöhen. Polen wendet seit einigen Jahren vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Rüstung auf.

In der BRD brachte Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) am Sonntag die Option eines TAURUS-»Ringtauschs« mit Großbritannien ins Spiel, um der Ukraine weitere Marschflugkörper zur Verfügung stellen zu können. Ein Ziel des Vorschlags ist offenbar, die Argumentation des Kanzlers gegen die Lieferung der TAURUS auszumanövrieren. Parallel dazu kündigten mehrere Grünen-Politiker an, dass sie eventuell für einen neuen Antrag der Unionsparteien zur Lieferung von TAURUS an die Ukraine stimmen würden.

In deutlichem Kontrast zu diesen Durchhalteerklärungen brachten über das Wochenende mehrere US-amerikanische Leitmedien Berichte über Schwierigkeiten bei den westlichen Rüstungslieferungen an die Ukraine. So beschrieb die New York Times, dass zwar im Juni die ersten sechs von 45 zugesagten F-16-Kampfflugzeugen an die Ukraine übergeben würden, dass aber die Ausbildung der Piloten auf einem Stützpunkt in Rumänien ebenso hinter dem Zeitplan zurückgeblieben sei wie die Schulung von Mechanikern und IT-Spezialisten. Ganz abgesehen davon, dass der Zustand der vorgesehenen Flugplätze in vielen Fällen nach ihrer Beschädigung durch russische Angriffe nicht den Anforderungen entspreche.

Der US-Sender CNN brachte parallel hierzu zwei größere Berichte über den russischen Vorsprung bei der Produktion von Lenkbomben und Artilleriemunition. Russland habe die Kapazität, bis zu drei Millionen Artilleriegranaten zu produzieren, dreimal soviel, wie die USA und die europäischen NATO-Staaten in den kommenden Jahren an die Ukraine abgeben könnten. Russland könne sich derzeit leisten, 10.000 Granaten am Tag zu verschießen, fünfmal so viele wie die Ukraine. Der Sender beruft sich für diese Zahlen auf US-Geheimdienstler und »leitende NATO-Mitarbeiter«. Zu den Lenkbomben hieß es, mit ihrer Entwicklung habe Russland eine Methode gefunden, auf eine vergleichsweise kostengünstige Weise alte Bestände aus Sowjetzeiten für den modernen Krieg tauglich zu machen. Da alle Interviews offenbar mit Genehmigung des Verteidigungsministeriums geführt wurden, lassen sich diese Publikationen als argumentative Unterstützung dafür werten, die Öffentlichkeit entgegen den bisherigen offiziellen Erklärungen doch auf eine Verhandlungslösung vorzubereiten.

In Großbritannien berichtete das Boulevardblatt The Sun am Wochenende, dass die von London an die Ukraine gelieferten »Challenger«-Kampfpanzer vor allem für ihre Besatzungen eine Herausforderung seien. Sie seien zu groß und mit 80 Tonnen zu schwer für den ukrainischen Kriegsschauplatz und deshalb bisher noch kaum eingesetzt worden; in der gegenwärtigen Schlammperiode seien sie praktisch manövrierunfähig. Im Unterschied dazu wögen moderne russische Panzer nur 40 Tonnen und seien damit wesentlich beweglicher.

In der Ukraine gab es offenbar keine größeren Veränderungen des Frontverlaufs. Bei einem russischen Raketenangriff auf einen Getreidesilo in der Oblast Dnipropetrowsk wurde die Anlage nach ukrainischen Angaben völlig zerstört. Ein Mitarbeiter sei verletzt worden.

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