23.09.2022 / Feuilleton / Seite 11

»Das Unrecht besteht fort«

Über das Buch »Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte« und die ersten deutschen Konzentrationslager in Namibia. Ein Gespräch mit Bernd Heyl

Fabian Lehmann

Sie sind Verfasser eines »postkolonialen Reisebegleiters in die deutsche Kolonialgeschichte«. Was unterscheidet diesen Reisebegleiter von anderer Literatur über das Touristenland Namibia?

In Namibia gibt es das Bemühen, die Relikte der deutschen Kolonialzeit zu erhalten und auch als touristischen Standortfaktor zu präsentieren. Das führt dazu, dass der Kolonialismus glorifiziert und verherrlicht wird. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.

Sie stellen in dem Buch neben einer kritischen Auseinandersetzung mit dem kolonialen Siedlungsprojekt »Deutsch-Südwestafrika« 20 kolonialhistorische Orte in Namibia vor. Einer davon ist die Hafenstadt Lüderitz. Wie muss man sich Lüderitz vorstellen?

Lüderitz ist so etwas wie ein kleines Museum der Kolonialgeschichte. Die Stadt hatte um 1910 eine kurze Blüte durch die Ausbeutung der Diamanten, die man dort gefunden hatte. Die Stadt liegt an der Wüste, ohne Grundwasser und Regen. Die Verschiffung von Erzen, Fischfang und -verarbeitung und der Tourismus bilden heute ihre ökonomische Basis. Wie in allen europäisch geprägten Städten im südlichen Afrika befinden sich um das historische Stadtzentrum die Siedlungen der afrikanischen Bevölkerung.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden im damaligen Deutsch-Südwestafrika mehrere Konzentrations­lager. Welches Ziel verfolgte die deutsche Administration mit deren Einrichtung?

Der Errichtung der Lager ging der deutsch-namibische Krieg zwischen 1904 und 1908 voraus. Damals versuchten die Ovaherero und Nama, die deutsche Kolonialherrschaft abzuschütteln. Vom deutschen General Lothar von Trotha wurde der Krieg als »Rassenkrieg« geführt, der nur mit der Vernichtung der Ovaherero abgeschlossen werden konnte. Sein berüchtigter Vernichtungsbefehl führte dazu, dass es im Kaiserreich Proteste gab. Der Befehl wurde dann unter der Maßgabe aufgehoben, die überlebenden Ovaherero und Nama in Lagern unterzubringen. Das bedeutete Kriegsgefangenschaft für Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Ihr Land wurde enteignet und später an deutsche Siedler verkauft. Das Ziel dieser Lager war also, die Ovaherero und Nama von ihrem Land zu trennen und sie zu billigen Arbeitskräften umzuerziehen.

Das Lager auf der Halbinsel von Lüderitz galt als das »tödlichste« in der deutschen Kolonie. Woran lag das?

Die Halbinsel hatte den Namen »Todesinsel«. Das lag zum einen an den naturräumlichen Bedingungen. Dort waren vor allem Nama aus dem Inneren des Landes inhaftiert, die in einer trockenen und warmen Region beheimatet waren. Auf der Haifischinsel mit ihrem Küstenklima hingegen gab es keine Möglichkeiten, sich gegen die Kälte des antarktischen Benguelastroms zu schützen. Zum anderen entsprach die Ernährung überhaupt nicht den Gewohnheiten der Nama. Die deutsche Verwaltung hat aber beides ignoriert.

Lässt sich nachvollziehen, wie viele Menschen dort ums Leben kamen?

Dazu muss man wissen, dass die Zahl der Menschen, die damals in dem Gebiet der Kolonie lebten, vergleichsweise gering war. Vor dem Krieg gab es vielleicht 20.000 Nama. Davon überlebten etwa 10.000 den Krieg, die dann in Lager gebracht wurden. Nach einer Aufstellung der deutschen »Schutztruppe« starben zwischen 1904 und 1907 insgesamt 7.682 kriegsgefangene Nama und Ovaherero. Allein für Lüderitz geht man davon aus, dass von den dort internierten Nama 1.900 gestorben sind.

Aber die Gefangenen wurden doch auch als Arbeitskräfte gebraucht. Warum ließ man sie dann sterben?

Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges gab es unter den deutschen Siedlern eine Radikalisierung, dem entsprach die Politik von General von Trotha. Auch nach dessen Abberufung 1905 gab es noch viele Soldaten, Offiziere und Siedler, die seine Politik guthießen. Erst als die Zustände im Lager zu offensichtlich wurden, hat man es aufgelöst. Es gab auch die Position »Wir vernichten hier unserer Arbeitskräfte«, aber die war nicht tonangebend.

Sie besprechen in Ihrem Buch ja Erinnerungsorte. Bei Shark Island muss man eher von einem Ort des Vergessens sprechen. Denn von dem Lager ist nichts mehr erhalten, vielmehr befindet sich auf dem Gelände heute ein Campingplatz mit Stellplätzen, Sanitäranlagen und Grillgelegenheiten. Dort schlagen ausgerechnet deutsche Touristen ihre Zelte auf. Das klingt nach einem schlechten Scherz.

Aus unserer Sicht natürlich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Namibia bis zur Unabhängigkeit 1990 unter südafrikanischer Mandatsverwaltung stand und ein Apartheidstaat war. Da spielte das Erinnern an koloniale Verbrechen keine Rolle. Deshalb war auch Lüderitz in Vergessenheit geraten. In Namibia ist auf der Haifischinsel erst 2007 ein Denkmal für Cornelius Fredericks, ein Kaptein der Nama aus dem Ort Bethanien, eingeweiht worden. Er ist auf der Haifischinsel zu Tode gekommen. Eine Erinnerungsstätte, die an das Lager und das Leiden der Menschen erinnert, gibt es noch nicht, wird aber mittlerweile aus der namibischen Zivilgesellschaft gefordert.

Hat die namibische Regierung kein Interesse daran, die Halbinsel als Erinnerungsort zu bewahren?

Die Regierung wird von der Befreiungsbewegung SWAPO getragen, und die ist stark von der Ethnie der Ovambo geprägt. Für ihre Erinnerungskultur ist die Auseinandersetzung mit Südafrika im Unabhängigkeitskrieg ab 1966 relevant. Für die Nama und Ovaherero ist das Erinnern an die deutsche Kolonialherrschaft prägend. Aktuell wendet sich aber auch die namibische Regierung insbesondere in den Verhandlungen über ein deutsch-namibisches Versöhnungsabkommen der Kolonialperiode zu. Allerdings ist der vorliegende Entwurf auf große Kritik bei Nama- und Ovaherero-Vertretern gestoßen. Es ist noch offen, ob und wann die Verhandlungen fortgesetzt werden. Das Unrecht, dass den Nama und Ovaherero ihr gesamtes Land geraubt wurde, besteht fort. Viele der Siedler, die damals das Land von der deutschen Regierung gekauft haben, besitzen es heute noch. Die Landfrage, die aus diesem Krieg resultiert, ist noch immer eine offene Wunde in Namibia.

Bernd Heyl (geboren 1952) war Lehrer an einer integrierten Gesamtschule in Riedstadt und Pädagogischer Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt. 2021 erschien bei Brandes & Apsel Bernd Heyls Buch »Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte: Postkolonialer Reisebegleiter in die deutsche Kolonialgeschichte«

https://www.jungewelt.de/artikel/435269.kolonialgeschichte-das-unrecht-besteht-fort.html